Tatort Liebe, und keiner schaut hin

Die fabriggli-Theatergruppe hat sich für die Eigenproduktion an ein diffiziles Thema herangewagt: Häusliche Gewalt. Ein ernstes Thema, das am Premiereabend nach der Aufführung noch viel zu reden gab.

Heidy Beyeler
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Wenn der Partner zuschlägt und keiner hinsehen will, steht das Opfer alleine da: Das Stück im fabriggli ermuntert dazu, das zu ändern. (Bild: Sabina Büsser-Graf)

Wenn der Partner zuschlägt und keiner hinsehen will, steht das Opfer alleine da: Das Stück im fabriggli ermuntert dazu, das zu ändern. (Bild: Sabina Büsser-Graf)

BUCHS. Die Verantwortlichen der fabriggli-Theatergruppe haben sich, zusammen mit Brigitte Walk, künstlerische Leitung, gut vorbereitet, bevor sie sich an das Theaterprojekt Tatort.Liebe. heranmachten. Zu ernst und zu sensibel ist dieses Thema, um es mit flüchtigen Kenntnissen so darstellen zu können, wie es an der Premiere dargestellt wurde. «Mit diversen Institutionen, die im Alltag mit diesem Thema befasst sind, wurde gesprochen und diskutiert, bevor wir die Szenen entwickelten», sagte Hedy Sutter nach der Premiereaufführung. Entstanden ist ein Theaterstück, das anhand von vier Frauen einige der Facetten dieser Gewalt zeigt, welche unweigerlich die Frage aufwerfen: «Wie kann aus Liebe plötzlich Gewalt werden?»

Am Anfang steht die Liebe

In den allermeisten Partnerschaften war es die Liebe, die zueinander geführt hat. Der Himmel hängt voller Geigen. Man schwört sich ewige Liebe. Und plötzlich kommt es doch anders. Anfänglich denkt das Opfer, es sei ein einmaliger Ausrutscher, später findet man mögliche und unmögliche Gründe, weshalb es zur Gewalttat kam.

Oft suchen Betroffene die Schuld bei sich oder bei ihrem allfälligen Fehlverhalten in einer besonderen Situation. Das Loslösen vom gewalttätigen Partner scheint den betroffenen Frauen als unmöglich. Abhängigkeit und Hilflosigkeit schlagen den Opfern oft ein Schnippchen. Scham und Schuldgefühl verhindern überhaupt, in der Not jemanden ins Vertrauen zu ziehen, bevor es zu spät ist.

Mut fehlt vielfach

Da mag man sich fragen: Spüren Angehörige, Freunde, Arbeitskollegen oder Nachbarn die Veränderungen eines betroffenen Menschen nicht? Vielleicht doch, aber der Mut zu direkter Ansprache fehlt, oder die Familie befürchtet den Verlust ihrer Ehre.

Da ist beispielsweise die Karrierefrau, die plötzlich nicht mehr die taffe, selbstbewusste Chefin ist. Verunsicherung taucht auf, die Verlässlichkeit lässt nach. Wenn sie gefragt wird, ob es ihr nicht gut gehe, wimmelt sie ab: «Doch, doch, alles ist in Ordnung». Die Kollegin gibt sich damit zufrieden, obwohl sie etwas anderes spürt.

Differenziert dargestellt

Ein derart diffiziles Thema auf der Bühne darzustellen, bedarf einer grossen Portion Feinfühligkeit – sowohl von Seiten der Schauspieler wie auch von der Produktions- bzw. künstlerischen Leitung. Dazu ist ein schönes Stück Effort gefragt. Der Wechsel von Darstellung, Rezitation, Ausdruckstanz (Performance) und Bühnenbild fordert aber nicht nur die Theatermacher heraus, da muss sich das Publikum auf volle Konzentration einstellen. Und genau so war es. Während der ganzen Vorstellung war es im Zuschauerraum mucksmäuschenstill – man hätte wohl eine Nadel herunterfallen hören. Hochkonzentriert verfolgten die Theaterbesucher die Botschaften, die von den Schauspielern vermittelt wurden.

Dass auf der Bühne auch Kritik von Männern geübt wird, das kam bei den männlichen Gästen gut an, wie sich in Gesprächen mit Männern im Anschluss an die Vorstellung mehrfach zeigte. Wie wäre es wohl, wenn Männer vermehrt genauer hinhörten, wenn Kollegen frauenfeindliche Äusserungen bzw. Witze herausposaunen?

An dieser Stelle sei die Frage erlaubt: Was hält der witzeklopfende Mann eigentlich von seiner eigenen Frau oder Partnerin? Auf der Bühne wurde klar gemacht, dass bei solchen Zoten Frauen im Kreise von Kollegen und Freunden gut daran tun, nicht mitzulachen. Das wäre ein Verrat am weiblichen Geschlecht.

Das Theaterstück «Tatort.Liebe.» ist ein kritischer Beitrag an eine Gesellschaft über alle Generationen und Kulturen hinweg, zur Ermunterung, dass man bei häuslicher Gewalt nicht wegschauen darf, sondern hinschauen muss. Häusliche Gewalt – sei es gegen Frauen, Kinder oder Männer – ist ein Offizialdelikt und keine Bagatelle.

Weitere Vorstellungen im fabriggli: 6., 8., 9., 12., 13., 19. und 21. Mai – jeweils 20 Uhr.

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