Stolz und Werte vermitteln

Als junger Pfarrer bekam ich oft zu hören: «Wissen Sie, Herr Pfarrer, das Christentum ist nicht glaubwürdig. Man redet von Frieden und führt Krieg. Schauen Sie nur nach Nordirland.» Heute sind gegenseitige Anschläge von Protestanten und Katholiken dort kein Thema mehr.

Helmut Heck, Pfarrer, Sax
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Als junger Pfarrer bekam ich oft zu hören: «Wissen Sie, Herr Pfarrer, das Christentum ist nicht glaubwürdig. Man redet von Frieden und führt Krieg. Schauen Sie nur nach Nordirland.» Heute sind gegenseitige Anschläge von Protestanten und Katholiken dort kein Thema mehr. Dafür wird heute der islamistische Terror diskutiert – aber nicht nur das: Der Islam als solcher wird verdächtigt, eine gewalttätige Religion zu sein.

In der Schweiz haben wir gelernt, tolerant zu sein. Krieg wegen der Religion ist vorbei, und über die damaligen Schlägereien zwischen den katholischen Gamsern und den evangelischen Saxern schmunzeln heute die Senioren. Das verdanken wir den individuellen Freiheitsrechten: Meinungs- und Glaubensfreiheit, Freiheit, sich entfalten zu können, unabhängig von Geschlecht und Herkunft; ein weiterer Grund ist die Gleichheit vor dem Gesetz in einem Rechtsstaat. Menschenrechte gelten. Auf diese Errungenschaften dürfen wir stolz sein.

Heute leben Menschen aus anderen Kulturkreisen unter uns, mit anderer Religion, mit anderen Gewohnheiten und Prägungen. Muslime stellen unterdessen etwa fünf Prozent der schweizerischen Bevölkerung. Sie sind in der Öffentlichkeit sichtbar. Das verunsichert und kann Angst auslösen.

Wo bleibt aber unser Stolz auf unser christliches Abendland, auf Toleranz und Gleichberechtigung? Wenn wir überzeugt davon sind, dann setzen wir doch den Ehrgeiz daran, diese Werte den Zugewanderten und ihren Kindern zu vermitteln, etwa: Frauen können selber ihren Lebenspartner wählen und haben individuelle Freiheiten. Frauen nehmen am gesellschaftlichen Leben teil. Ermöglichen wir, dass sich die Rollen von muslimischen Frauen und Männern wandeln? Das ist wohl wichtiger als die Frage nach dem Kopftuch.

Wir können Muslimen unsere Werte nur vermitteln, wenn wir sie in die Gesellschaft integrieren: Wenn junge Muslime Lehrstellen finden, wenn man in den Arbeitspausen mit ihnen redet, wenn es Gelegenheiten zu Begegnungen gibt. Der Kampf «gegen Islamisierung des Abendlandes» verspricht keinen Erfolg. Wie wäre es aber, Muslime zu unterstützen, einen abendländischen oder wenigstens abendlandtauglichen Islam zu entwickeln?

NB: Hüten wir uns davor, den Islam an sich eine gewalttätige Religion zu nennen. Gerade gemässigte Muslime werden von den Dschihadisten bekämpft. Radikalismus abwehren: Ja; Islam ausgrenzen: Nein.

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