STEIN: Föhn raubt 90 Menschen ihr Obdach

Vor 70 Jahren, am 29. März 1947, ereignet sich der letzte grosse Dorfbrand in der Schweiz: Im Obertoggenburger Dorf Stein wütet ein Feuer, das 35 Gebäude zerstört. Augenzeugen erinnern sich noch stark an diesen traurigen Tag.

Sabine Schmid
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Der Brand greift vom «Ochsen» auf die Nachbarhäuser über.

Der Brand greift vom «Ochsen» auf die Nachbarhäuser über.

Sabine Schmid

sabine.schmid@toggenburgmedien.ch

Es brennt im «Ochsen»! Diese Botschaft verbreitet sich am 29. März 1947 rasend schnell in Stein. Es ist der Samstag vor Palmsonntag, kurz vor 13 Uhr. Viele Steiner versuchen, mit Wasserkübeln der Flammen Herr zu werden. Vergeblich. Denn unglücklicherweise tobt an diesem Tag ein Föhnsturm, wie es noch selten einen gegeben hat. Rasch fliegen die Funken vom «Ochsen» auf die Nachbargebäude und setzen diese in Brand.

Beat Metzger, damals knapp acht Jahre alt, sitzt im Schulzimmer. Sein Elternhaus steht in unmittelbarer Nähe zum brennenden «Ochsen» und ist stark gefährdet. «Meine Geschwister und ich sind mit Wolldecken an die Thur geschickt worden», erinnert sich der 78-Jährige an den schrecklichen Tag zurück. Sie seien aber nicht weit gekommen. Der Föhn habe sie immer wieder umgeworfen und ihnen die Sachen aus den Händen gerissen. Die Familie Metzger kann ihre Liegenschaft nicht retten. «Wir haben nur noch die Kleider gehabt, die wir am eigenen Leib getragen haben. Alles andere ist den Flammen zum Opfer gefallen.» Dem kleinen Beat Metzger und seinem Bruder Karl macht besonders zu schaffen, dass ihre Familie nichts mehr hat – und das eine Woche vor Ostern. Sie befürchten, nicht einmal ein farbiges Osterei zu bekommen. «Wir haben uns am nächsten Tag auf zur Brandruine gemacht, und wie durch ein Wunder unter der Marmorplatte des Tisches in unserem Metzgereiladen zwei Kartons Eier à 30 Stück unversehrt gefunden», erinnert er sich. Gross ist die Freude über den Fund und es gibt doch noch farbige Ostereier. «Trotzdem ist der Anblick des Dorfs in Trümmern sehr traurig gewesen», sagt Beat Metzger.

Doch zurück zum Brandtag: Der Föhnsturm erschwert der Feuerwehr die Arbeit. Mit Postautos rücken die Löschmannschaften von Nesslau, Krummenau, Ebnat, Kappel, Alt St. Johann, Wildhaus, Wattwil, Lichtensteig, Wil und St. Gallen an. «In Stein hat uns ein Bild des Grauens empfangen», erinnert sich Sepp Müller, Jahrgang 1929. Er ist 1947 Schreinerlehrling im Obertoggenburg und hilft bei den Löscharbeiten mit.

Die Feuerwehr kann im Föhnsturm nicht viel ausrichten. Das Feuer frisst sich in Richtung Nesslauer Laad. Die Mannschaften der Feuerwehren werden zu den Liegenschaften im Umkreis von vier Kilometern verteilt und sollen dort mit Wassergefässen aller Art jeden Flugfunken sofort löschen. Sogar Gülle wird dafür eingesetzt. Einige Häuser und Scheunen können so gehalten werden. Hecken und Holzzäune auf den Wiesen brennen. Auch aufgestapeltes Mobiliar und Miststöcke bleiben von den Flammen nicht verschont. «Wir haben gesehen, wie die Dachstöcke der Häuser glühend rot in sich zusammengefallen sind. Aus denen sind dann wieder Grossfeuer entstanden», erzählt Beat Metzger. Sepp Müller spricht von turmhohen Flammen mitten im Dorf und vom tobenden Sturm, der ein aufrechtes Gehen verunmöglichte. «Durch die heisse Luft toben Wolken aus Feuerfunken. Glühende Schirmbretter und brennende Holzschindeln wirbeln umher. Die Kommandos der Feuerwehren vermischen sich mit dem Krachen einstürzenden Gebälks, mit dem Lärm der Wasserpumpen und dem Zischen des Löschwassers in der prasselnden Feuerhölle.» Dazu brüllt das Vieh, dass es einem durch Mark und Bein geht.

Dank des Regens hatte die Feuerwehr endlich Erfolg

Gegen 17 Uhr lässt der Föhn nach, es beginnt zu regnen. Endlich scheint der Einsatz der Feuerwehr Erfolg zu haben. «Überall steigt nur noch starker Rauch auf. Das ist wie eine Erlösung gewesen», beschreibt Beat Metzger seine Gefühle. Menschenleben fordert das Brandunglück keine. Aber über 90 Personen werden obdachlos. Sechs Wohn- und Geschäftshäuser, acht Wohnhäuser, 20 Scheunen und sogar das Spritzenhaus der Feuerwehr brennen nieder. 21 Nutztiere sind tot. Der Schaden, den die Gebäudeversicherungsanstalt des Kantons St.Gallen für den Dorfbrand errechnete, beläuft sich auf 855 000 Franken. Das entspricht heute einem Wert von etwa vier Millionen Franken.

Nach der Katastrophe leisten die Steiner und Laader, die keine Schäden erlitten haben, Nothilfe. Familien nehmen jene, die ihr Obdach verloren haben, auf, so dass kein Einziger auswärts eine Unterkunft suchen muss. Nahrungsmittel werden geteilt, Ersatzkleider und Körperpflegemittel zur Verfügung gestellt. Für alle Tiere, die keinen Stall mehr haben, wird im Dorf eine Lösung gefunden. Die Nachricht über das Brandunglück löst in der ganzen Schweiz eine grosse Solidaritätswelle aus. Fast 840000 Franken werden für die betroffenen Einwohner von Stein und der Nesslauer Laad gespendet. Dazu kommen Naturalien, verpackt in Kisten und Schachteln.

Die Ruinen sind rasch beseitigt. Bereits rund zwei Wochen nach der Brandkatastrophe wird mit dem Wiederaufbau der zerstörten Gebäude angefangen. Zuerst in den Aussengegenden, weil die Planung und das Baubewilligungsverfahren für die dortigen Gebäude einfacher und mit weniger Aufwand zu bewältigen ist. Absolute Priorität haben die Scheunen, denn diese werden für die Lagerung der Heuernte benötigt. Die Bauarbeiten an den Gebäuden im Dorf sind noch in vollem Gange, als ein heftiger Wintereinbruch am 18. November bis zu 30 Zentimeter Neuschnee bringt. Zwei Tage später setzt der Föhn ein und räumt den Schnee in kurzer Zeit weg.

70 Jahre sind seit dem Ereignis – dem letzten grossen Dorfbrand in der Schweiz– vergangen. Ein Jubiläum? Beat Metzger findet, dies passe nicht, trotzdem solle man diesen traurigen Tag nicht vergessen. In Stein wurde des Dorfbrands in der evangelischen Kirche mit einer ökumenischen Gedenkfeier gedacht (siehe Zweittext).