STARKENBACH: Spezielle Kleider aus dem Stall

Hätte das Toggenburg einen Kaiser, so würde er seine Kleider bei Katrin Abderhalden im Nähstall kaufen. Zum Beispiel den roten Mantel aus weinroter Merinowolle und Cashmere.
Christiana Sutter
Hier noch ein Fältchen, da noch eine Kante gerade ziehen: Bald ist der Mantel von Katrin Abderhalden fertig und geht mit dem Label «Nähstall» in den Verkauf. (Bild: Christiana Suttert)

Hier noch ein Fältchen, da noch eine Kante gerade ziehen: Bald ist der Mantel von Katrin Abderhalden fertig und geht mit dem Label «Nähstall» in den Verkauf. (Bild: Christiana Suttert)

Christiana Sutter

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Ein kleines, niederes Toggenburger Tätschhäuschen beheimatet den Nähstall der Schneiderin Katrin Abderhalden. Bis vor einem Jahr befand sich der Nähstall in einem Stall des elterlichen Bauernhofes, «im Hühnerstall», sagt die 27-Jährige und lacht. Seit Februar 2017 näht und stopft sie zusammen mit Schneiderin Lea Schönhofer aus Krinau Mäntel, Hosen, Blusen, Röcke, Shirts oder Trachten. «Vergangenen Herbst das erste Mal auch ein Hochzeitskleid», erzählt Katrin Abderhalden. Zu Beginn ihrer Arbeit als selbstständige Schneiderin nähte sie fast ausschliesslich Trachten. Das war 2014. Jetzt aber beträgt der Anteil an modernen Kleidungsstücken rund 50 Prozent.

Das Rattern der Nähmaschinen empfängt den Besucher, wenn er den Nähstall betritt. Es ist angenehm warm, riecht nach frischem Holz und natürlich nach Stoff. Geheizt wird mit einem alten Ofen. In der Nähstube steht noch ein grüner Kachelofen. Aus einem CD-Player tönt Jodelmusik. Katrin Abderhalden ist nicht nur Näherin, sondern auch Jodlerin aus Leidenschaft. Zusammen mit Annelies Huser-Ammann aus Alt St. Johann und Peter Looser singt die Schneiderin als Vorjodlerin im Churfirstenchörli. «Ich habe aber nicht nur Ländlermusik-CDs», meint sie.

Wildhauser Stoffe für die Trachtenschossen

Im Eingangsbereich des Nähstalls ist das Lädeli. Schön aufgereiht auf einem Kleiderständer sind fertige Trachten, Mäntel, Hemden und weitere Kleidungsstücke. Rollen mit Trachtenstoffen stehen zum Weiterverarbeiten bereit. Trachtenschmuck und vieles mehr ist in einer Vitrine ausgestellt. In der Nähstube steht auch ein grosser Stehtisch. Darauf liegen drapiert verschiedene Stoffe sowie Skizzen von einem neuen Kleidungsstück. Katrin Abderhalden schaut nochmals auf die Skizze. «Das wird ein Wintermantel», erklärt sie. Die Materialien sind wie alle Stoffe im Nähstall qualitativ hochstehend. Aus weinroter Merinowolle und Cashmere wird dieser Mantel geschneidert. «Mir ist es wichtig, dass ich die Herkunft der Stoffe kenne.»

Dass es nicht einfach ist, gute Stoffe in der näheren Umgebung zu finden, veranlasst sie, bis in die Innerschweiz zu reisen. Teils kauft die Schneiderin die Stoffe in Stoffläden ein oder auch direkt bei den Herstellern. Die Stoffe für die Schossen der Toggenburgertracht stammen von Anni Forrer aus Wildhaus. «Sie webt die Stoffe noch von Hand in wunderbaren Farben und Mustern.» Die Stoffe für Trachten sind aus Wolle, Baumwolle, Leinen und Seide. Für die modernen Kleidungsstücke verwendet Abderhalden oft Jersey, Chiffon, Seide oder wie für den Wintermantel, den sie gerade in Bearbeitung hat, Wolle. Versehen werden die fertigen Kleidungsstücke mit Katrin Abderhaldens Label «Nähstall».

Katrin Abderhalden hat ihr Schneiderhandwerk in der Coutureschneiderei von Madeleine Bühler-Rohrer in St. Gallen gelernt. Nicht nur nähen sollte eine Schneiderin können. «Auch das Schnittmusterzeichnen gehört dazu.» Inzwischen hat Katrin Abderhalden eine kleine Stammkundschaft. Meistens kommen die Kunden mit noch unbestimmten Ideen in den Nähstall, sagt die Schneiderin. Im Gespräch erfährt sie dann genauer, was sich die Kunden vorstellen. Katrin Abderhalden zeichnet auf, wie sie sich das Endprodukt vorstellt. Es wird über Material und Farbe gesprochen, «und wenn alles nicht hilft, gehen wir in den oberen Stock ins Stofflager». Im ersten Stock des Nähstalls befinden sich das Büro, ein Anproberaum und das Stofflager. Darin befinden sich Stoffe in den verschiedensten Qualitäten und Farben. Etwas versteckt sind die Seidenstoffe für die Toggenburger Sonntagstrachten. Sie sind wunderschön. Seit Januar 2017 ist Schneiderin Lea Schönhofer mit im Nähstall-Team. Auch Mutter Anni Abderhalden hilft aus, wenn Not an der Frau ist.

Die Schneiderin trägt meistens Kleider, die sie selber entworfen und genäht hat. Aber nicht nur sie ist Model für ihre eigenen Kreationen. Die ganze Familie trägt oft Geschneidertes aus dem Nähstall. «Ich habe schon lange nichts mehr ab der Stange gekauft, diese Kleider passen mir einfach nicht.» Der Körperbau von Menschen aus der Stadt und jenen vom Land unterscheide sich, «auch jener der Frauen». Auf dem Land werde mehr handwerklich gearbeitet, daher seien die Schulterpartien der Leute meistens breiter.

Wer wird ihn wohl einmal tragen?

Mit ein paar Stecknadeln im Mundwinkel geht Katrin Abderhalden zur Büste, an welcher der weinrote Wintermantel hängt. Hier noch ein Fältchen, da noch eine Kante geradeziehen. «So wird es gut.» Dass ein solch besonderes Einzelstück nicht billig ist, verseht sich. Dieser Mantel ist Kollektion, und er kostet rund 2700 Franken. Dabei beträgt das Material des Mantels ungefähr einen Drittel des Preises. 25 Stunden hat die Schneiderin daran gearbeitet. Für einen massgeschneiderten Mantel wären es rund fünf Stunden mehr. «Jetzt nähe ich noch mein Label an den Mantel, dann ist er zum Verkauf bereit.» Katrin Abderhalden freut sich über das gelungene Kleidungsstück. Sie ist gespannt, wer diesen Mantel einmal tragen wird.

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