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«Städter leisten sich Kuh-Leasing»

Die Alpwirtschaft ist alles, nur keine Erfindung der Neuzeit. Historiker Stefan Sonderegger über Alpkäse, mittelalterliche Ursprünge und ein Auslaufmodell mit Innovationspotenzial.
Christoph Zweili
Grempler führen als Zwischenhändler die Alpprodukte ins Tal, um sie auf den Märkten zu verkaufen. (Bild: Stiftung für Appenzellische Volkskunde (1784))

Grempler führen als Zwischenhändler die Alpprodukte ins Tal, um sie auf den Märkten zu verkaufen. (Bild: Stiftung für Appenzellische Volkskunde (1784))

Der Leiter des Stadtarchivs der Ortsbürgergemeinde St. Gallen, Stefan Sonderegger, präsidiert die Stiftung für Appenzellische Volkskunde. Der Historiker hat die Alpwirtschaft (Ausgabe vom 16. September) im Appenzellerland, Toggenburg, Werdenberg und Sarganserland untersucht.

Was fasziniert den Historiker an der Alpwirtschaft?

Wer sich mit dem Mittelalter auseinandersetzt, der sieht, dass die Alpwirtschaft bereits bei den ersten Anfängen der Besiedlung der voralpinen Regionen wie dem Toggenburg und dem Appenzellerland ganz früh vorkommt. Ein typisches Beispiel ist die Erstnennung von Appenzell (abbatis cella) im Jahr 1071. Schon damals wurden die Meglisalp (Megelins alpa), die Alp Soll (alpe Solin) und andere erwähnt.

Alpwirtschaft ist also keine neuzeitliche Erfindung?

Nein, die Alpen haben früher als Lehen einer Grundherrschaft gehört, also einem Kloster oder einem Adeligen. So wie diese einen Hof im Tal gegen Abgaben verliehen haben, haben sie auch Alpen an Sennen verliehen. Alpwirtschaft war also schon immer hoch kommerziell. Die Einnahmen aus den Alpen wurden für das Kloster St. Gallen verwendet. Auch in einem der ältesten Zinsregister von 1200 werden die Regionen mit Alpwirtschaft, das Toggenburg und das Appenzellerland, explizit als erste genannt.

Sie mussten den Zins in Form von Geld ans Kloster abliefern?

Nein. Die Bauern, die die Alpen in diesen voralpinen Regionen bewirtschafteten, zahlten casios alpinos, also Alpkäse.

Viehwirtschaft war also schon immer wichtig.

Es gab rasch eine Spezialisierung: In den voralpinen Regionen auf Viehwirtschaft, im Fürstenland auf Getreidebau, im Rheintal auf Weinbau. Das war nur möglich, weil es über die Märkte in Lichtensteig, Appenzell und vor allem in St. Gallen einen Handel gab. Dieser war von Beginn weg Teil einer kommerziellen, nachfrageorientierten Alpwirtschaft.

Das ist bis heute so?

Natürlich hat da ein Wandel stattgefunden. Heute ist vielleicht ein Senn angestellt, der nicht mehr käst. Er betreut das Vieh auf der Alp und fährt die Produkte mit dem Auto ins Tal oder lässt sie holen. Das war früher nicht möglich, weil die Strassen fehlten. Man hat alles auf der Alp zu Käse oder Butter verarbeiten müssen.

Warum weiss man so viel über die Geschichte der Alpen?

Eine Quelle, die man nicht vermuten würde, sind alte Bauernmalereien: Darauf sind zwischen den Sennen sogenannte Grempler zu sehen. Das waren Käse- und Butterhändler. Diese Zwischenhändler haben einen Vertrag mit den Sennen abgeschlossen, ihnen Butter und Käse abgenommen und weiter verkauft.

Die Sennen selber kamen also gar nicht mehr ins Tal?

Sie haben fast nomadisch gelebt, hatten praktisch kein eigenes Zuhause mehr, also kein Haus im Tal. Das weiss man aus dem Appenzellerland. Sie haben sich bei den Heubauern eingemietet. Die Appenzeller Heubauern hatten grosse Ställe, arbeiteten immer mehr in die Weberei und machten gar nicht mehr so viel Landwirtschaft. Die Sennen nutzten die Nische, gingen mit ihrem Vieh zu diesen Bauern.

Warum hat gerade das Toggenburg diese Bedeutung für die Alpwirtschaft?

Das hat mit der Tradition zu tun. Die ältesten Alprödel, die die Kuhrechte während der Alpzeit geregelt haben, sind aus dem 16. Jahrhundert von der Alp Selun. Auch die ältesten Alpsatzungen sind aus dem Gebiet der Churfirsten.

Noch im 18. Jahrhundert waren mehr als zwei Drittel der Bevölkerung im Kanton in der Landwirtschaft tätig. Wie erklären Sie den folgenden Strukturwandel?

Wir gehen davon aus, dass bis ins Jahr 1750 der grössere Teil der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig war. Mit der Heimweberei wurden dann aber auch Arbeitskräfte auf dem Land eingespannt – im Toggenburg und im reformierten Ausserrhoden. Das löste eine Bewegung weg von der Landwirtschaft hin zur Heimweberei aus. Ein Prozess, der lange dauerte. Dazu kam dann das Bevölkerungswachstum im 19. Jahrhundert und die damit einhergehende Verstädterung.

Und was hiess das für die Landwirtschaft?

Die hat sich extrem entwickelt. Bis im 15. Jahrhundert wurden für ein gesätes Korn drei bis vier Körner geerntet, heute sind wir bei einem Faktor von eins zu 40 bis eins zu 50 angelangt. Im 19. Jahrhundert wurden die Stallhaltung und der Kunstdünger eingeführt. Plötzlich wurden mit der gleichen Bodenfläche viel höhere Erträge gewonnen. Bei der Viehwirtschaft kamen die Talkäsereien dazu, auch in unserer Region.

Heute versucht der Bund mit neuen Förderinstrumenten, das Verhältnis zu Gunsten der Bergbauern zu korrigieren.

Das macht Sinn. Werden die Alpen nicht mehr bewirtschaftet, verganden sie. Das war schon früher so. Eine gefährliche Entwicklung, zum Beispiel wegen Lawinenniedergängen.

Trotzdem geht die Zahl der gesömmerten Milchkühe zurück. Ist die Alpwirtschaft ein Auslaufmodell?

Ohne staatliche Förderung ist sie das, ja. In der historischen Betrachtung gab es immer eine Verbindung zwischen Alp- und Talbetrieb. Im 20. Jahrhundert wurde sie entkoppelt. Innovationspotenzial gäbe es aber: Kuh-Leasing ist so ein Beispiel.

Kuh-Leasing?

Die Idee ist: Wer als Städter einen ökologisch sinnvollen Beitrag zum Erhalt der Alpwirtschaft leisten will, beteiligt sich finanziell an der Sömmerung einer Kuh und erhält dafür einen Nutzen in Form von Alprodukten.

Eine neue Form von Nostalgie?

Das kann man so sehen. Warum nicht? Das lässt sich als Nostalgie auslegen, aber auch als Form eines Produktebewusstseins.

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