Singen wie ein quengelndes Kind

Zusammen mit 13 weiteren Frauen und Männern wagte ich mich an den Oberton Schnupperkurs im Rahmen des Klangfestivals Naturstimmen in Alt St. Johann.

Hanspeter Thurnherr
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Kursteilnehmer lockern ihr «Mundwerk», um mit der richtigen Stellung von Lippen, Gaumen und Zunge die Obertöne erzeugen zu können. (Bild: Hanspeter Thurnherr)

Kursteilnehmer lockern ihr «Mundwerk», um mit der richtigen Stellung von Lippen, Gaumen und Zunge die Obertöne erzeugen zu können. (Bild: Hanspeter Thurnherr)

Zusammen mit 13 weiteren Frauen und Männern wagte ich mich an den Oberton Schnupperkurs im Rahmen des Klangfestivals Naturstimmen in Alt St. Johann. Ausgestattet mit dem Wissen aus Wikipedia: «Obertongesang ist eine Gesangstechnik, die aus dem Klangspektrum der Stimme einzelne Obertöne so herausfiltert, dass sie als getrennte Töne wahrgenommen werden und der Höreindruck einer Mehrstimmigkeit entsteht.» Die Kursausschreibung versprach: «Wir erforschen auf spielerische Weise die Stimme und erfahren deren faszinierende Möglichkeiten.»

Ein Aha-Erlebnis

Es wurde ein vergnüglicher und zugleich eindrücklicher Nachmittag – dank Marcello Wick, dem Kursleiter. Dass dabei der Zahnarzt, Enten, quengelnde Kinder, Französisch und Englisch eine Rolle spielen, hatte ich nicht erwartet. «Jeder Gesang hat Obertöne, die man mit der richtigen Technik hörbar macht», erklärte Wick einleitend. Es folgten Lockerungsübungen, um den Körper auf den Gesang vorzubereiten.

Nun ging es los. «Den Kiefer öffnen, dann ein nasales «hoho» wie ein Appenzeller und ein «ng» bilden – oder wie beim Zahnarzt, wenn er dir den Sauger anhängt und du reden solltest.» Marcello Wick verwendete stets bildhafte Beispiele. «Versucht jetzt die Vokale zu verändern: von u über o bis a und wieder zurück, wir nennen das den kleinen Vokalkreis. Aber bleibt im Nasalen.» Leichter gesagt als getan. Aber da und dort gelang es schon ganz ordentlich – immer wieder unterstützt durch Ratschläge des Kursleiters. Und dann das Aha-Erlebnis. Plötzlich waren sie ganz leise da, die einzelnen Obertöne. Wenn auch rasch wechselnd. Denn es fehlte wohl noch die Geduld und die Sicherheit, die Vokale nur sehr langsam zu verändern.

Von oui bis you

Dass ich meine Obertöne selber nicht hörte, dafür hatte Marcello Wick eine tröstende Erklärung: «Weil die Klänge auch über unsere Knochen ins Ohr gelangen, können wir die Obertöne nicht so leicht selber hören.» Ein Trick hilft: mit der Hand an den Ohren einen Trichter bilden und in eine Ecke stehen. So werden die Töne deutlicher zurückgeworfen.

Die zweite mögliche Variante, die L/N-Technik, ist den St. Galler Kindern gewidmet mit ihrem grellen, quengelnden «mi». Oder den Enten mit ihrem «guä». Dann den Kiefer hängen lassen und nach vorne schieben, damit aus dem «mi» ein «mü» wird. Nun die Zunge oben an den Gaumen drücken in einer Mischung zwischen L und N, aber so, dass eine leicht undichte Stelle bei den Stockzähnen entsteht. Jetzt noch langsam ein «oui» in ein «you» verwandeln. Und wieder sind sie da, die glasklaren Obertöne.

Ein gewaltiges Erlebnis, wenn jemand diese Töne kontrolliert erzeugt und so Melodien entstehen lässt. Wer diesen Hörgenuss erleben will, sollte morgen Donnerstag um 20 Uhr in der katholischen Kirche Alt St. Johann das Abschlusskonzert der Atelierkurse keinesfalls verpassen.

Marcello Wick imitiert das Quaken der Enten als Einstieg in die L/N-Technik.

Marcello Wick imitiert das Quaken der Enten als Einstieg in die L/N-Technik.

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