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SEVELEN: Gegen Verelendung, für Gerechtigkeit

Am 9. März 1918 wurde die Sektion Sevelen der SP Schweiz gegründet. Für die Jahre 1918 bis 1960 ist ein handgeschriebenes Protokollbuch erhalten. Eintragungen aus der frühen Zeit werden hier in den lokalen, regionalen und weltgeschichtlichen Horizont gestellt.
Otto Ackermann
Die Parteiversammlungen in den lokalen Wirtshäusern fanden meistens am Sonntagnachmittag statt. Im Bild das Restaurant Traube, wo auch die von der Partei abonnierte «Volksstimme» auflag. (Bilder: Fotoarchiv Hansruedi Rohrer)

Die Parteiversammlungen in den lokalen Wirtshäusern fanden meistens am Sonntagnachmittag statt. Im Bild das Restaurant Traube, wo auch die von der Partei abonnierte «Volksstimme» auflag. (Bilder: Fotoarchiv Hansruedi Rohrer)

Otto Ackermann

redaktion@wundo.ch

1918 war ein europäisches und nationales Schicksalsjahr. Das Kriegsende leitete im November das 20. Jahrhundert erst ein mit dem Abtreten von drei Kaisern und dem Zusammenbruch der Grossmächte, den europäischen Revolutionswirren sowie dem Landesstreik. In der Schweiz waren die Lebensbedingungen der Bevölkerung nach vier Jahren Kriegswirtschaft überaus prekär. 1918 waren 700000 Personen auf Unterstützung angewiesen. Ursachen dafür waren die fehlende Entschädigung der Wehrmänner für den Lohnausfall, die Versorgungskrise mit Grundnahrungsmitteln und eine Teuerung der Lebenskosten, die am Ende 230 Prozent erreichte.

Besonders krass versagte die eidgenössische Sozialpolitik. Es erfolgten weder Massnahmen gegen die gewaltige Inflation noch für die Kontrolle der Arbeitsbedingungen. Im Gegenteil, das Fabrikgesetz als einzig wirksames Mittel der Sozialpolitik wurde bei Kriegsausbruch ausser Kraft gesetzt. Dienst und Entlassungen brachten die arbeitende Bevölkerung rasch in eine Notlage, was zu einer in modernen Gesellschaften beispiellosen Verelendung breiter Bevölkerungsschichten führte. Mangel und Not, ja sogar Hunger plagten weite Bevölkerungskreise.

Die Sozialdemokratie im Aufwind – auch in Sevelen

Deshalb war es fast logisch, dass die SP einen gewaltigen Zulauf erhielt, auch auf dem Lande. Überall wurden Sektionen gegründet. Im Frühjahr 1918 zählte die Sozialdemokratische Partei des Kantons in 36 Sektionen fast 1000 Mitglieder mehr als noch vor einem Jahr. Lebhafte Diskussionen um sozialistische und sozialdemokratische Politik bewegten überall die Öffentlichkeit – auch in Sevelen. Die Gemeinde Sevelen zählte vor 100 Jahren knapp 2000 Einwohner, praktisch alle reformiert, zwei Drittel waren Ortsbürger und gerade mal 41 Ausländer. Neben der Landwirtschaft war die Stickerei die wichtigste Einnahmenquelle; ausser der Handstickerei gab es in zwei englischen Firmen eine unbekannte Anzahl Arbeitsplätze.

Veranstaltungen mit Referenten aus St. Gallen bereiteten die Gründungen vor. In Wartau referierte Ende Januar der Stadtrat Th. Koch an einer von der jungen Sektion einberufenen «Volksversammlung». Am 17. Februar hielt Genosse Kantonsrat Kellenberger aus St. Gallen in Sevelen einen gut besuchten Vortrag; der daraus erwachte Schwung führte bereits drei Wochen später zur Gründungsversammlung und im Sommer zählte man bereits 60 Mitglieder.

Bemerkenswert bleibt, dass die Werdenberger Sozialdemokraten trotz der rechtsbürgerlichen «Dämonisierung» als Landesverräter sich in kürzester Zeit als eine der führenden Parteien etablierten und über Jahrzehnte neben dem Freisinn eine gestaltende Kraft waren und bis heute eine beachtliche Zahl bedeutender kantonaler und sogar nationaler Politiker hervorbrachten.

Die Sektionsgründung und das Protokollbuch des Jean Küng

Von einem Protokollbuch kann man keine Weltgeschichte erwarten. Auch das Seveler Buch ist vor allem eine kurze Darstellung der Parteiversammlungen und Kommissionssitzungen; die behandelten Geschäfte sind meist Vereinsgeschäfte, nur selten kommen Ereignisse zur Sprache, die ein deutliches Licht auf die politischen Verhältnisse werfen. Und trotzdem: Der Bericht von der konstituierenden Versammlung am 23. März schliesst «mit dem erhebenden Gefühl, nun auch ein Glied der weltumspannenden Kette zu bilden, die gerechtere Lebensverhältnisse schaffen will unter dem Ruf: Proletarier aller Länder vereinigt euch.» So notierte es der Interimsaktuar Jean Küng, der bis zum Juni 1918 noch oft als Tagesaktuar amtete. Ab März 1921 übernahm er dann für zehn Jahre die Aufgabe als Aktuar.

Der Landesstreik vom November 1918 gehört bis heute zu Ereignissen, die die ganze Schweiz bewegen – aber er war nicht der Versuch zu einem bewaffneten Aufstand oder organisierten Bürgerkrieg. Die Forderungen wie Achtstundentag, Neuwahlen nach Proporzwahlrecht, AHV und Frauenstimmrecht waren umwälzend, also in diesem Sinne politisch revolutionär, aber keine Revolutionen. Direkter Anlass aber war eine staatstreichartige militärische Besetzung von Basel und Zürich.

Im November 1918 lasen die Seveler im W&O Artikel, die vor der Bolschewisierung der Schweiz warnten: «Es steht unzweifelhaft fest, dass in Zürich die Fäden der bolschewistischen Bewegung zusammenlaufen, und dass recht gefährliche Dinge schon für die nächste Zeit vorbereitet waren.»

Naturgemäss bekamen die Seveler Sozialdemokraten in der sozialdemokratischen «Volksstimme» völlig andere Berichte. Fast täglich erscheinen Beiträge über die schleppenden Notstandsmassnahmen, Forderungen zur Milchpreissenkung, es wurde Kritik geübt am preussischen Armeedrill.

Im Protokollbuch der SP Sevelen gibt es dazu lediglich einen kurzen, aber interessanten Eintrag: An der Hauptversammlung am 19. Jan. 1919 heisst es unter Traktandum 15: «Die allgemeine Diskussion wird noch stark benutzt und es gibt uns Genosse Kantonsrat Erler (...) in einer längeren Rede über die Folgen und Früchte des Generalstreiks einige Aufklärungen, welche von der Versammlung in dankbarem und begeistertem Sinne aufgenommen wurden.»

Hier verdient auch eine kurze Notiz von der Parteiversammlung vom 6. September 1919 Erwähnung: Diskussion um den Antrag der bekannten Arbeiterführer Huber, Keel und Scherrer, der 3. Internationale – 1919 in Moskau auf Initiative von Lenin gegründet – nicht beizutreten: Man war der Ansicht, «wir sollten der 3ten Internationale den Rücken kehren und uns nicht die Leute durch die Revolution entreissen lassen, da alles auf eine allgemeine Weltrevolution» ausgerichtet sei. Resultat der Urabstimmung: 22 Nein bei 1 Enthaltung.

Ehrensold für die Seveler Soldaten

Von besonderem Interesse dürfte ein erster Erfolg der SP Sevelen sein, den sie mit einem Vorstoss für die nachträgliche Ausrichtung von Sold-Zahlungen für Aktivdienste erfocht. Bereits an der 1. Hauptversammlung wurde am 19. Januar 1919 beschlossen, zwei Eingaben an den Gemeinderat zu machen: Jeder in der Gemeinde wohnhafte Wehrmann solle für die aktiv geleisteten Diensttage eine Soldzulage erhalten; für die Krankenversorgung solle eine Krankenpflegerin angestellt werden oder ein Samariterverein gegründet werden.

Die Angelegenheit zog sich in die Länge und beschäftigte Vorstand und Partei in weiteren Versammlungen. Der Gemeinderat war bereit, 30 Rappen pro Tag auszuzahlen, «falls die Ortsgemeinde mitmacht und 50% übernimmt», auf die Anstellung einer Pflegerin ging er überhaupt nicht ein, ebenso nicht auf die Bitte, der Magd Tischhauser «für ihre uneigennützigen Dienste während der letzten Grippeepidemie!»

Die Bürgerversammlung der Politischen Gemeinde und die Ortsbürgerversammlung vom 11. Mai 1919 hatten dann über diese Anträge zu befinden. Sie wurde zu einem grossen Erfolg der jungen SP. Der Protokollführer Christian Litscher kostete dies ihn in einem vierseitigen Nachtrag aus: 400 Bürger erschienen und liessen sich von seiner Schilderung «der Leiden und Verluste unserer Soldaten während des langen Krieges» bewegen: 335 Stimmen für seinen Antrag! An der Bürgerversammlung vereinigte der Antrag von Genosse Gallus Litscher 235 Stimmen, was «den braven Verwaltungsratsmitgliedern (...) den Appetit zum Mittagessen geraubt haben» soll, umgekehrt aber habe «all den Wehrmännern, welche durch die Bemühungen unserer Partei zu einer wohlverdienten Soldzulage gekommen waren, das fleischlose Mittagessen ganz gut geschmeckt.»

Über das Schicksal der Petition zur Anstellung einer Krankenschwester schweigt sich das Protokoll aus.

Genosse Jean Küng beendete seine aktive Tätigkeit als Aktuar in einem langen, auch wehmütigen Rückblick: «Es erfüllt mich mit freudiger Genugtuung, dass das dürftige Zweiglein, das ich in den steinigen Boden pflanzen durfte, zum kräftigen Baume angewachsen und zum Blühen und Gedeihen gebracht worden ist (...). Der fortwährende Aufstieg unserer Partei beweist, dass wir eine gute Sache, für Recht und Gerechtigkeit kämpfen, dass Gesetze, Steuern und Zölle auch dem werktätigen Volke, nicht nur dem Besitzer und der Gewalt des Grosskapitals und den kriegsfördernden militärischen Rüstungen zudienen sollten. Gerade die heutige Welt und Arbeitskrisis bezeugt überwältigend, wie gerecht die Forderungen der sozialdemokratischen Partei aller Länder sind und wie der Spruch ‹Vereinigt Euch› so notwendig wäre.»

Diese Zeilen, geschrieben am Vorabend der grossen Wirtschaftskrise, würden überleiten zu einem ganz anderen Kapitel der Sozialdemokratie, zu ihrer kompromisslosen Ablehnung von Faschismus und Nationalsozialismus.

Quellen und Auswahl aus der Literatur - Protokollbücher der SP Sektionen Sevelen und Sennwald - Volksstimme 1917–1920. - Werdenberger & Obertoggenburger 1917–1920. - Werner Hagmann, Das «Rote Werdenberg» Eine ländliche Region als SP-«Hochburg», WJB 2006, S. 197–204. - Sankt Galler Geschichte 2003. Die Zeit des Kantons 1914–1945.

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