Sevelen erwartete die Queen

Königin Elisabeth II. von England, die kürzlich ihren 90. Geburtstag feierte, war auch einmal auf der kleinen Bahnstation Sevelen, wo sie am 2. und am 4. Mai 1980 festlich empfangen wurde. Sie war zu Besuch in Liechtenstein.

Johann Ulrich Schlegel, Zürich/Sevelen
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Königin Elisabeth II. an der Seite des Erbprinzen Hans-Adam bei der Abreise auf dem Bahnhof Sevelen am 4. Mai 1980. (Bild: pd)

Königin Elisabeth II. an der Seite des Erbprinzen Hans-Adam bei der Abreise auf dem Bahnhof Sevelen am 4. Mai 1980. (Bild: pd)

SEVELEN. Beim Besuch der Königin kam es zu einem kleinen Zwischenfall von enttäuschten Zaungästen, fanden diese doch, der Besuch sei allzu rasch abgelaufen. Zwei Tage später sollte sie nochmals auf dem Bahnhof Sevelen eintreffen: Es war die Rückkehr vom Schloss Vaduz und der Transfer mit dem Extra-Zug zurück nach Zürich.

Die Verantwortlichen rätselten: Wie wäre die Königin doch noch aufzuhalten?

Mindestens unter anderem wohnte ich damals im Bahnhof Sevelen. Da ich ohnehin Historiker war, wollte ich mir dieses historische Ereignis nicht entgehen lassen. Ich war als Zeitzeuge mitten im Geschehen der Planung, der Vorkehrungen und schliesslich des Ereignisses selber. Die folgenden Textausschnitte stammen aus einem längeren Bericht, den ich noch im Sommer 1980 in der regionalen Kulturzeitschrift «Terra Plana» publizierte.

Sie kommt

Jetzt hört man die Helikopter des Begleitschutzes. Bischof, der Stationsvorstand-Stellvertreter, hat die Einfahrt für den königlichen Sonderzug geöffnet. Die Strecke verläuft in Sevelen schnurgerade. ln weiter Ferne sieht man einen winzigen weissen Punkt. Er wird rasch grösser. Majestätisch langsam, mit dem Wappen Englands über die ganze Frontseite geschmückt, gleitet der Zug in den Bahnhof herein. Gelingt der richtige Halt? Treffen die Lokomotivführer – sie sind zu zweit – den roten Teppich mit der zweiten Türe des letzten Wagens? Der Zug fährt jetzt so langsam, sie können ihn nicht verfehlen. Wir halten alle den Atem an.

Es darf nicht wahr sein! Der Zug steht. Beim Teppich ist weit und breit keine Türe. Die zwei beauftragten Bahnwärter stehen verdutzt am Teppichende ohne Waggontüre. Da greift Vorstand Schlegel ein. Seine Worte ins Mikrophon lauten «Zwei Meter vorziehen und stoppen!». Der TEE-Zug fährt nochmals an, gleitet mit der Türe zum Teppich, und in der Tat, er hält auf den Zentimeter genau. Das Podestchen ist schon gelegt. Schneeweiss glänzt es über dem feierlichen Rot des Teppichs, der über das erste Geleise in den Durchgang hineinführt. Man sieht Prinz Philipp, den Herzog von Edinburgh; er lacht über das ganze Gesicht, erhebt sich erst jetzt und schreitet gross, sportlich und behend durch den Gang des Wagens. Die Königin geht ihm voran. Sie trägt ein königsblaues Kleid mit gleichfarbigem Hut und streift sich, während sie der Tür entgegengeht, die Handschuhe über.

Sie lächelt wahrhaftig königlich

Elisabeth II., die Königin von England, setzt jetzt tatsächlich ihren Fuss auf das weisse Podest, auf den roten Teppich. Blitzlichter flammen auf. Sie lächelt wahrhaftig königlich. Sie ist zurückhaltend, ungemein höflich, aber liebenswürdig. Sie ist schön. Ich finde sie sogar sehr viel schöner als auf den Fotos. Zuerst wird sie vom Erbprinzen und der Erbprinzessin begrüsst, dann von Kabinettsdirektor Allgäuer und vom Gemeindeammann. Alles Personal steht vor dem Fahrdienstraum. Die Hoheiten schreiten durch das Spalier der Werdenberger Kindertrachtengruppe. Die Königin gelangt auf die andere Seite des Bahnhofs. Sie geht auf die Leute und die vielen Kinder hinter den Abschrankungen zu.

Unbeschreiblicher Jubel bricht aus. Ich hätte nie gedacht, dass die Seveler zu solch überschwenglichem Beifall fähig wären. Es sind ja praktisch alles Seveler. Andern hat man zumeist nichts gesagt oder ihnen eingetrichtert, dass die Sicherheitsvorkehrungen – besonders wegen des Nordirlandkonflikts und der privaten Note des Besuchs – kaum viel zu sehen versprächen. Aber dann passierte es. Welch seltsame Seele des Volkes! Das Erbprinzenpaar schien es sicher ebenfalls eilig zu haben. Seine Begründung lautete, sie müssten sofort fahren, weil bei ihnen drüben die Strassen möglichst nicht gesperrt werden dürften. Die Kapelle spielte noch. Die Leute jubelten. Die Königin war gerade im Begriff, bei einigen winkenden Kindern vorbeizugehen, als sie korrekt, aber geradezu bedrängt von einigen Beamten in Zivil in den Fürstenwagen FL 1 gedrängt wurde.

Jetzt ging der Teufel los. Als entrisse man einem Kind sein Lieblingsspielzeug, begann die Menge aufzuheulen, zu schreien. Kleine Buben machten Fäuste vor Wut, Empörung und Enttäuschung, dass man ihnen die so lange ersehnte Königin einfach richtiggehend wegnahm.

«Das ging wirklich zu rasch»

Es waren zwei, drei, höchstens dreieinhalb Minuten vergangen. Ich fand, das wäre zu rasch gegangen. Mein Vater empfand dasselbe, seine Mitarbeiter und der Gemeindeammann auch. Die Mutter, die sich inzwischen mit dem polizeilichen Gegner angefreundet hatte, Kaffee mit ihm getrunken hatte und so schliesslich protokollwidrig und natürlich völlig sicherheitswidrig von der tabuisierten Terrasse aus gefilmt hatte, schimpfte bereits. Ja, praktisch alle Polizisten hatten sich mit ihren ursprünglich so sehr beargwöhnten Zuschaueropfern solidarisiert, dass sie fanden: «Das ging wirklich zu rasch.» Aber über Königinnen schimpft man nicht.

Eintrag ins Goldene Buch

Wem konnte man die Schuld geben? Wer konnte es ändern? Welche Mittel stünden einem bei ihrer Rückkehr am Sonntag zur Verfügung? Den Verantwortlichen gelang, dass die Sicherheitskräfte die Königin diesmal nicht mehr von der kleinen Menge der Feiernden und Zuschauer abdrängten. Ja, Queen Elisabeth hatte sich sogar ins Goldene Buch der Gemeinde Sevelen eingetragen.

Die Queen begrüsst den Seveler Stationsvorstand Schlegel. (Bild: pd)

Die Queen begrüsst den Seveler Stationsvorstand Schlegel. (Bild: pd)

Feierlich beflaggt präsentierte sich der Bahnhof Sevelen für den Empfang der Königin von England. Viele Polizisten stehen bereit und warten auf ihren Einsatz. (Bild: Archiv Hansruedi Rohrer)

Feierlich beflaggt präsentierte sich der Bahnhof Sevelen für den Empfang der Königin von England. Viele Polizisten stehen bereit und warten auf ihren Einsatz. (Bild: Archiv Hansruedi Rohrer)

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