Selfie? Nein danke!

Wir leben im Selfie-Zeitalter. Ich bin das Zentrum des Universums. Und das muss ich im Internet allen zeigen. Selbst-Inszenierung in den Medien ist für viele Promis und oft auch Politiker wichtiger als Inhalte.

Pfarrer Marcel Wildi, Buchs
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Wir leben im Selfie-Zeitalter. Ich bin das Zentrum des Universums. Und das muss ich im Internet allen zeigen. Selbst-Inszenierung in den Medien ist für viele Promis und oft auch Politiker wichtiger als Inhalte. Und kennen Sie diesen humorvollen Satz, in dessen Hintergrund eine in doppelter Hinsicht traurige Realität steckt: «Alle denken nur an sich, nur ich denke an mich.»?

Die Konzentrierung auf das eigene Ich in unserer Gesellschaft hat viele negative Folgen, für mich persönlich, unser Land, die ganze Welt: Einsamkeit, Entfremdung, das Aufrechterhalten-Müssen eines äusseren Scheines, Süchte in allen Varianten, Ausbeutung in der Wirtschaft, Neid, Stress, Umweltzerstörung, Krieg usw. Die Konzentrierung auf das eigene Selbst entfremdet uns von Gott, unserem Schöpfer, unserer Lebensquelle, sie entfremdet uns von unseren Mitmenschen, sie entfremdet uns von der Natur und damit auch von uns selber. «Sünde» nennt die Bibel diesen Zustand seit Jahrtausenden. Und ebenfalls seit Jahrtausenden empfiehlt die Bibel zwei Gegenmittel gegen diese leider zutiefst menschliche Seuche.

Das erste Gegenmittel ist die Rückbesinnung auf Gott. Warum? Weil nur der allmächtige und gnädige Gott mich von meiner Fixierung auf mich selbst, von meiner «Sünde», befreien kann. Nicht mehr ich und meine Wünsche sind der Mittelpunkt des Universums, er und seine Werte sind es. Damit wird meine Perspektive eine andere.

Das zweite Gegenmittel ist ein Wort, das im Neuen Testament rund siebzigmal vorkommt: das Wort «einander». Zwar stellt sogar der Duden fest, dass dieses Wort nicht mehr häufig gebraucht wird; das ändert aber nichts daran, dass es für unsere Gesellschaft extrem wichtig wäre, diesem Wort wieder mehr Beachtung zu schenken. «Einander» bedeutet nämlich, dass wir uns nicht, wie in einem Kreis unserer eigenen Bedürfnisse und Wünsche, selber ins Zentrum stellen, sondern dass wir mit dem andern zusammen die beiden Brennpunkte einer Ellipse der gemeinsamen Bedürfnisse und Aufgaben bilden. Wenn wir alle auf das Miteinander und Füreinander achten, dann heisst das eben gerade nicht, dass ich selber zu kurz komme, sondern dass wir uns auf gleicher Augenhöhe umeinander kümmern, so dass es allen gut geht. Das wäre doch ein wirklich hilfreiches Leitmotiv für unser Leben und Zusammenleben in der Familie, im Ort, im Land, in der Politik, in der Firma…

Selfie? Nein danke!