«Schulleitern fehlt die Erfahrung»

Der Buchser Peter Keller, Prorektor und Leiter der bzb Grundbildung, stand für die Stiftung Swisscontact bei der Ausbildung von Schulleitern in Ruanda im Einsatz. Die Schweiz unterstützt das Land bei der Reform seiner Berufsbildung.

Hanspeter Thurnherr
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Peter Keller: «Die Schulleiter arbeiten mit Leidenschaft, setzen sich für ihre Schulen ein. Und dies in einem schwierigen Umfeld.» (Bild: Robert Kucera)

Peter Keller: «Die Schulleiter arbeiten mit Leidenschaft, setzen sich für ihre Schulen ein. Und dies in einem schwierigen Umfeld.» (Bild: Robert Kucera)

Herr Keller, wie kam es dazu, dass Sie zweieinhalb Monate im ostafrikanischen Land Ruanda verbrachten?

Peter Keller: Wer mindestens zehn Jahre an einer Berufsschule arbeitet, hat Anrecht auf eine Auszeit, ein sogenanntes Sabbatical. Dies lässt sich am besten als intensive Weiterbildung umschreiben. Bei meinem Sabbatical wollte ich meine berufliche Erfahrung in anderer Form einbringen und erweitern und zugleich Englisch vertiefen. Dabei dachte ich an eine Arbeit in der Entwicklungszusammenarbeit.

Und die Organisation Swisscontact hatten Sie da schon im Hinterkopf?

Keller: Nein, aber ich lernte eine Person von Swisscontact kennen und wurde so auf diese Organisation aufmerksam. Offensichtlich waren mein Erfahrungs- und Bildungshintergrund für sie interessant. Sie sandten meine Unterlagen an fünf mögliche Projekte. Wenige Tage später kam die Antwort: Ruanda könne mich gut gebrauchen. Swisscontact ist dort stark in der Berufsbildung engagiert.

Ihre erste Reaktion?

Keller: Wo genau liegt Ruanda? Ich wusste, was alle wissen. Dass es dort vor 21 Jahren den Völkermord gab. Ich machte mich also über das Land schlau, entschied mich, zu gehen und bereitete mich mit Lesen und auch medizinisch vor. Ich nahm Kontakt mit Ruanda via E-Mail und Skype auf, um zu klären, was auf mich zukommen könnte. Mitte September flog ich dann für zweieinhalb Monate dorthin.

Welche Eindrücke gewannen Sie von Land und Leuten?

Keller: Ruanda ist anders als man erwartet… Man hat gewisse Vorstellungen, wie es dort sein soll. Aber diese entsprachen nicht meinen Vermutungen – oder Vorurteilen. Mein Eindruck war: Es funktioniert gut. Ruanda ist das sicherste Land in Afrika – und sauber. Zum Beispiel sind Plastiksäcke verboten. Und es ist landschaftlich sehr schön. Aber es ist ein sich entwickelndes Land. Klar, die Leute wohnen und leben zumeist einfach. Aber die klassischen Bilder von Kindern mit vor Hunger dicken Bäuchen oder Leprakranken am Strassenrand stimmen für Ruanda nicht.

Wie präsentiert sich die Situation der Berufsschulen?

Keller: Ruandas Präsident Paul Kagame will seine «Vision 2020» umsetzen. Das heisst zum Beispiel, dass mindestens 60 Prozent der Jugendlichen eine Berufsausbildung machen sollen. In den letzten Jahren begannen Institutionen aus Europa, aber auch Japan und Korea, das Land beim Aufbau der Berufsbildung zu unterstützen. Swisscontact konzentriert sich dabei auf die Western Province am Ostufer des Kivu-Sees, um hier fünf Berufsschulen aufzubauen. Jede bildet vier Berufe aus, primär aus dem Baubereich wie zum Beispiel Maurer, Schreiner, Elektriker, Spengler, Metallbauer. Aber auch aus der Gastronomie oder dem Textilbereich.

Was war konkret Ihre Aufgabe?

Keller: Die Berufsschulen laufen seit zwei bis drei Jahren. Die Schulleiter sind alle relativ jung und haben in der Regel eher wenig Erfahrung, auch was beispielsweise die Zusammenarbeit mit dem Privatsektor oder die Öffentlichkeitsarbeit betrifft. Konkret leitete ich Workshops für Schulleiter in einer Art Technikum in Kibuye, der Provinzhauptstadt der Western Province. Ausserdem besuchte ich einen Monat lang für je zwei Tage Schulleiter und beriet und coachte sie bei ihren alltäglichen Führungs- und Organisationsherausforderungen: Wie organisiere ich öffentliche Anlässe? Wie plane ich das Schuljahr oder organisiere Lehrgänge? Aber auch: Wie führe ich Mitarbeitergespräche? Wie setzen wir uns konkrete Ziele? Es sind also die gleichen Herausforderungen wie wir sie hier haben.

Was hat Sie überrascht oder beeindruckt?

Keller: Die Schulleiter arbeiten mit Leidenschaft, setzen sich für ihre Schulen ein, sehen die Berufsbildung als Schlüsselfaktor für Wachstum und Wohlstand. Und dies in einem schwierigen Umfeld. Der Staat zahlt zwar die Lehrerlöhne – alles andere muss die Schule aber selber durch Produkte oder Dienstleistungen generieren. Die Lernenden legen bis zu zwei Stunden Schulweg zu Fuss zurück. Das alles entspricht nicht unserem Vorurteil vom trägen Afrikaner.

Gibt es weitere Problemfelder?

Keller: Ein Viertel der Eltern kann das jährliche Schulgeld von 120 Franken nicht bezahlen, so dass deren Kinder die Ausbildung abbrechen müssen. Die grösste Herausforderung für die Berufsschulen ist aber die allgemeine gymnasiale Ausbildung und der Weg über die Hochschule – mit dem grossen Risiko, dann keinen Job zu haben… Diese «Auseinandersetzung» wird also auch in Ruanda geführt. Ein weiterer kritischer Punkt: Die Schulen müssen wie gesagt das Geld selber erwirtschaften, doch die Qualität stimmt noch nicht. Zuerst muss die Produktion durch fähige Leute aufgebaut werden, doch diese müssen zuerst ausgebildet werden – ein klassischer Teufelskreis.

Sie haben es angesprochen: Das kleine Land Ruanda erlebte 1994 den Völkermord mit über 800 000 Toten innert rund 100 Tagen. Ist das heute noch spürbar?

Keller: Es gibt überall Denkmäler, die an diese Zeit erinnern. Soweit ich das aber mitbekommen habe, ist der Genozid in der Gesellschaft vordergründig nicht mehr präsent. In den Schulen wird dieses Ereignis aber an Sondertagen aktiv verarbeitet. Ich habe Ruanda als ein Land erlebt, in welchem die Menschen respektvoll miteinander umgehen und auch die verschiedenen Religionen friedlich zusammenleben.

Was haben Sie als Erkenntnisse für das bzb aus Ruanda mitgebracht?

Keller: Ich konnte aus der Ferne unser eigenes Berufsschulsystem besser kennenlernen und aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Auch als Schulleiter habe ich fachlich einiges gelernt. Wenn man das eigene System andernorts erklärt, erkennt man besser, warum es sich lohnt, dazu Sorge zu tragen.

Und für Sie persönlich?

Keller: Ich bekam Einblick, was in Afrika in der Entwicklungszusammenarbeit läuft. Meine Erfahrungen fliessen nun auch in meinen Unterricht ein. Der demographische Unterschied zwischen Europa und Afrika ist mir deutlicher bewusst geworden. Dort gibt es unglaublich viele Kinder und junge Menschen. Heute weiss ich noch besser, welch geniales Konstrukt unsere Berufsbildung mit ihrer partnerschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft, Bildung mit ihrer Praxisnähe ist. Wirtschaft, Bildung und Gesellschaft greifen bei uns ineinander und unterstützen sich gegenseitig. Die Berufsbildung bietet eine grosse Chance für junge Leute und für die Wirtschaft.

Dann spielte noch der Zufall mit.

Keller: Ja, genau. Denn tatsächlich fand in dieser Zeit in Kigali, der Hauptstadt Ruandas, ein grosses Symposium zur Berufsbildung in Afrika statt, mit Experten aus rund 20 afrikanischen Ländern, an welchem ich teilnehmen konnte. Das hat mir noch mehr theoretisches Hintergrundwissen über die Berufsbildung im Allgemeinen und speziell in Afrika, diesem aufstrebenden Kontinent, gebracht.

Peter Keller leitet in Kibuye, dem Hauptort der Western Province, einen Workshop. (Bild: pd)

Peter Keller leitet in Kibuye, dem Hauptort der Western Province, einen Workshop. (Bild: pd)

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