«Schüler ist mehr als seine Note»

Der Erziehungswissenschafter Dr. Dölf Looser hat an der Kantonsschule Sargans vor einer Verengung des Bildungsbegriffs gewarnt. Bei der HV der Elternvereinigung plädierte er dafür, Jugendliche ganzheitlich zu bilden.

Reinhold Meier
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Eigene Motivation entwickeln: Der Erziehungsexperte Dölf Looser appellierte an Eltern und Schule, den Menschen zu sehen, statt bloss seine Leistung. (Bild: Reinhold Meier)

Eigene Motivation entwickeln: Der Erziehungsexperte Dölf Looser appellierte an Eltern und Schule, den Menschen zu sehen, statt bloss seine Leistung. (Bild: Reinhold Meier)

SARGANS. Looser forderte, nicht nur Fachkompetenzen zu vermitteln, sondern auch Fähigkeiten im Sozialverhalten, der Medienbewältigung und Persönlichkeitsentwicklung. Dabei bezog er sich nicht zuletzt auf Rückmeldungen von Unternehmern. «Selbständigkeit, Zuverlässigkeit, Durchsetzungskraft, Teamfähigkeit und Flexibilität sind jene Faktoren, die letztlich gefragt sind», formulierte er vor den rund 50 Interessierten.

Alternativen wie den chinesischen Leistungsdrill beurteilte er hingegen kritisch und verwies darauf, dass dort das Selbstwertgefühl der Schüler und ihre Flexibilität markant unter den hiesigen Werten lägen. «Das ist ein Nachteil in einer sich stets dynamisch verändernden Wirtschaft und Welt». Wer gewohnt sei, selbständig, elastisch und im Team nach Lösungen zu suchen, der sei besser gerüstet für die Wendungen am Arbeitsplatz und im Leben. Dies gelte es zu fördern. «Der Schüler ist mehr als seine Note.»

Motivation von innen

Looser, Dozent an der PH St. Gallen, stützte seine Thesen mit Verweis auf zahlreiche Studien. Danach spielt neben der reinen Wissensvermittlung auch das Umfeld eine grosse Rolle für die Lernmotivation, namentlich Elternhaus und Schule. So sei nachgewiesen, dass Unterstützung durch die Eltern sowie die kindliche Prägung und der Zugang zu Wissen zu Hause einen fördernden Einfluss auf den Lernerfolg hätte. Zu hohe Leistungserwartungen wirkten sich hingegen hinderlich aus.

Erwiesen sei auch, dass Lob wirkungsvoller als Tadel sei. Zudem sei das Gehirn gerade in der Adoleszenz im Blick auf Sozialisierungsprozesse und Bindungserfahrungen noch sehr plastisch und aufnahmefähig. Darum seien die Persönlichkeit des Lehrers und der Bezugspersonen wirksame Faktoren in der Persönlichkeitsbildung. Ferner förderten religiöse Bezugssysteme und die Einbettung in kulturelle Wertsysteme die Anstrengungsbereitschaft. All dies erzeuge eine intrinsische Motivation, also jenen unbezahlbaren, von innen gesteuerten Antrieb zur Lebensbewältigung. Der Tenor laute: «Ich tue meine Arbeit nicht wegen des Lohns, sondern weil ich es so will.»

Motivation am Köcheln halten

Looser warb denn auch für die so genannte Selbstbestimmungstheorie. Diese fordert die Entwicklung von Sozialität, Selbstwert und Autonomie neben der Vermittlung von Fachwissen. Das Gefühl, dazuzugehören, etwas zu können und selbständig mitentscheiden zu können, sei fundamental für die Lebensbewältigung, ebenso aber auch für die Motivation zur lebenslangen Lernbereitschaft.

Paulo Iob aus Walenstadt, Präsident der Elternvereinigung der Kanti Sargans (EV-KSS), ordnete den Vortrag in den Kreis von weiteren Referaten aus den Vorjahren ein. Dabei sei es der EV-KSS immer um die Frage der Balance zwischen Leistungsforderungen und Persönlichkeitskompetenzen gegangen. Dies sei ein stets aktuelles Thema, wie er als Vater wisse, namentlich mit Blick auf die immer wieder spürbaren Gefahren von Balanceverlust, Krisen und Blockaden.

Das zurückliegende Vorstandsjahr wertete Iob als «eher ruhig». Dies schlug sich auch in sinkenden Einnahmen und Ausgaben nieder. In diesem Jahr plane man hingegen wieder Elternbesuchstage, unterstütze kulturelle und soziale Engagements und das so erfolgreiche Feel-Better-Team. Der bewährte Flyer und die Publikation Bindestrich würden weiter ihre Leserschaft finden, hiess es. An personellen Veränderungen sei der Rücktritt von Erika Kunz-Moser zu vermelden, neu in die EV-KSS wurde gewählt Sabine Kressig aus Bad Ragaz.

Vorstandsmitglieder gesucht

Der Präsident betonte, dass sich der Vorstand alle vier Jahre naturgemäss runderneuere, weil die Mitgliedschaft an die Tatsache gebunden sei, ein Kind an der Kanti zu haben. Für das kommende Jahr sei darum mit einem grösseren Wechsel zu rechnen. «Bitte überlegen Sie sich jetzt schon ein Engagement», appellierte er.

Auf das Stimmigste umrahmt haben Francesca Kistler (Piano) und Amanda Schwendener sowie Anina Senti (Gesang) den Anlass. Mit Songs von Leonhard Cohen, Michel Sardou und den Beatles liessen sie etwas davon spüren, dass Bildung tatsächlich mehr umfasst als blosses Fachwissen. Die gefühlvollen Vorträge wurden denn auch völlig zu Recht und auf das herzlichste beklatscht.

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