Schritt zurück in die Zukunft für Abderhalden

Ex-Skirennfahrerin Marianne Abderhalden startet im Dezember in die neue Saison. Für die Toggenburgerin zahlt sich nun aus, dass sie vor der Profikarriere eine Lehre abgeschlossen hat. Im Engadin kehrt Abderhalden zurück zu ihren beruflichen Wurzeln im Hotel Engiadina in Ftan.

Urs Huwyler
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Ex-Skirennfahrerin Marianne Abderhalden freut sich auf die berufliche Zukunft im Engadin. (Bild: Urs Huwyler)

Ex-Skirennfahrerin Marianne Abderhalden freut sich auf die berufliche Zukunft im Engadin. (Bild: Urs Huwyler)

TOGGENBURG. Marianne Abderhalden wirkte bei ihrem Besuch im Toggenburg entspannt und gelöst. «Mir geht es bestens», stellte sie lachend fest. Kürzlich sei sie, erzählte die ehemalige Skirennfahrerin strahlend, bei einer spannenden und lehrreichen Weindegustationstour dabei gewesen. Solche Dinge könne sie sich nun auch einmal leisten, schob sie nach. Während der Aktivzeit wäre ein feuchtfröhlicher Ausflug zum jetzigen Zeitpunkt undenkbar gewesen. «Ich geniesse es, nicht mehr jeden Tag alles dem Sport unterordnen zu müssen.»

Sprachaufenthalt in Liverpool

Inzwischen bereitet sich Marianne Abderhalden in der Nähe von Mals bei ihrem Südtiroler Freund Andreas Thöni, dem Männer-Konditionstrainer von Swiss Ski, auf den nächsten Schritt vor. Ab Mitte Dezember wird sie oberhalb von Scuol im Hotel Engiadina Ftan die Leitung der Réception und des Restaurants übernehmen. Während der letzten Monate besuchte sie zudem zehn Wochen eine Englischschule in Liverpool. Die Beatles-Stadt bekam den Zuschlag, weil sich dort kaum deutschsprachige Studenten aufhalten. «Ich musste und wollte auch ausserhalb der Schule englisch sprechen. Deshalb entschied ich mich für Liverpool.»

Vor der Profikarriere hatte das Skitalent die Ausbildung zur Hotelfachassistentin abgeschlossen. Die willensstarke Kämpferin kehrt inmitten eines Skigebiets zu ihren beruflichen Wurzeln zurück. «Die abgeschlossene Lehre zahlt sich nun aus. Eigentlich dachte ich, vorübergehend eine Stelle im Service anzunehmen, doch das Angebot im Engadin ist natürlich in jeder Beziehung ein Glücksfall», betont die Juniorenweltmeisterin von 2006.

Fünf Podestplätze

Am 7. März beendete die Speed-Spezialistin mit der Abfahrt in Garmisch Partenkirchen ihre zehnjährige Spitzensportkarriere. Irreparable Knieschäden machten sie zur sportlichen Frührentnerin. «Das letzte Rennen war ein emotionaler Moment, obwohl ich einige Zeit hatte, mich darauf vorzubereiten. Mir war schon länger klar, dass Ende Saison Schluss sein muss. Es ging einfach nicht mehr», erinnert sich die Weltcupsiegerin von Val d‘Isère. Fünfmal stand sie auf dem Podest, oft konnte sie ihr Leistungsvermögen wegen der Beschwerden nicht abrufen.

Keine Alternative

Entzugserscheinungen verspürt Marianne Abderhalden keine. «Mir fällt der Abschied wohl deshalb relativ leicht», erzählt sie, «weil es keine Alternative gab.» Die Frage, ob sie eine Saison anhängen soll, stellte sich bei der Jüngsten aus der Sportlerfamilie Abderhalden nicht. Bänderschäden lassen sich vielfach reparieren, Knorpelschäden und Abnützungserscheinungen nicht. Und der Abfahrtssport mit den Kräften in den Kurven oder den Schlägen gehört nicht zu den körperschonenden Disziplinen. Schon in der Vergangenheit wurde auf die Kniebeschwerden Rücksicht genommen, ein individuelles Aufbauprogramm mit selbstverordneter Dauertherapie in St. Gallen durchgezogen. «Im Alltag kann ich mich soweit schmerzfrei bewegen und in der Freizeit Skifahren. Vielleicht nicht den ganzen Tag, aber doch einige Stunden. Die Freude am Schnee ist jedenfalls ungebrochen», sagt die in Starkenbach bei Alt St. Johann aufgewachsene Marianne Abderhalden.

Wiedersehen im Hallenstadion

Am Superzehnkampf der Schweizer Sporthilfe im Hallenstadion Zürich wird es im Publikum zum Wiedersehen mit den bisherigen Teamkolleginnen kommen, die Schweizer Weltcuprennen wird Abderhalden als Gast verfolgen. An eine Trainerkarriere denkt «Speed Queen Mary» nicht. Sie würde, sagt sie, wohl zu viel fordern.