Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

SCHAAN/BURGDORF: Der letzte Dinosaurier ist ein Osterhase

Wäre Endo Anaconda nicht Musiker geworden, so wäre er heute vielleicht obdachlos oder Pfarrer. Mit Gott – für ihn ist es eine Frau – diskutiert er jeden Tag. Während er sich als «Has» sieht, bezeichnet ihn seine Tochter als Dinosaurier.
Alexandra Gächter
Endo Anaconda, Frontmann von Stiller Has: «Man merkt erst im Nachhinein, wie schön das Leben ist.» (Bild: Michael Schär)

Endo Anaconda, Frontmann von Stiller Has: «Man merkt erst im Nachhinein, wie schön das Leben ist.» (Bild: Michael Schär)

Alexandra Gächter

alexandra.gaechter@wundo.ch

Die Band Stiller Has stellt am Samstag, 18. November, um 20.09 Uhr, ihr diesjähriges Album «Endosaurusrex» im TAK vor. Für Frontmann Endo Anaconda ist es das 14. Album und das 1490. Konzert.

Mit 62 Jahren denken andere an den Ruhestand. Sie auch?

Nein. Als Künstler betrachte ich meine Existenz nicht wie die eines Angestellten in einem Unternehmen. Die Musik ist ein Teil von meinen Leben. Ich werde so lange musizieren, wie die Gesundheit es zulässt.

Stiller Has gibt es seit 28 Jahren. Sie sagten einst, mit 30 sei Schluss, und Sie würden alleine weitermachen.

Das war ein Witz. Ohne Band könnte ich gar nicht weitermachen.

Ihre aktuelle Band ist neu zusammengesetzt. Wie funktioniert das?

Gut! Ich bin richtig glücklich, es macht Spass mit ihnen. Wir sind ein sehr gutes Team.

Eines der Bandmitglieder ist noch sehr jung. Ist der Altersunterschied ein Problem?

Nein. Aber Gott sei Dank ist er jetzt 18 geworden. Sonst dürfte er gar nicht mit auf Tournee. Was schade wäre, denn Andi Wyss ist ein richtiges Talent.

Hat die neue Band das Album «Endosaurusrex» beeinflusst?

Ja, sie haben neue Einflüsse mitgebracht. Die Instrumentierung ist anders, ein Piano ist dabei. Die Musik ist an die Balkanmusik angelehnt. Dennoch hat es im neuen Album auch Hasengene.

Wieso heisst es «Endosaurusrex»?

Ich sagte zu meiner neunjährigen Tochter, ich sei ein alter Hase. Darauf gab sie zur Antwort, nein, ich sei der letzte Dinosaurier. Sie hat damit gewitzelt. Wir necken uns oft gegenseitig ein bisschen, aber genau genommen sind ja schon einige, welche den gleichen Jahrgang haben wie ich, gestorben.

«Endosaurusrex» ist bereits Ihr 14. Album. Haben Sie immer noch Ideen?

Ja, ich schreibe bereits an neuen Songs. Natürlich bin ich unterschiedlich produktiv. Manchmal arbeite ich jahrelang an Texten – mit Pausen. Ich kann nicht auf Befehl schreiben, sonst wäre ich Werbetexter geworden. Aber grundsätzlich liegt mir das Texten von Songs sehr gut. Vielleicht ist das eine ausgleichende Gerechtigkeit. Weil ich sonst fast nichts kann. Ausser Auto fahren und Spaghetti kochen. Das kann ich auch noch sehr gut. Und Gutenachtgeschichten erzählen.

Diese erzählen Sie Ihrer Tochter?

Ja, sonst schläft die Jüngste nicht ein. Ich erfinde dann irgendetwas Abstruses. Vielleicht veröffentliche ich mal ein Kinderbuch. Wenn ich keinen Stress mehr habe.

Inwiefern ist Ihr Musikerleben denn stressig?

Ich bin ja jetzt auf Tournee. Aber es ist auch der Alltag. Ich wohne im Emmental. Wir haben bereits Schnee. Das heisst, ich muss mein Auto freischaufeln und fahr dann zur Probe. Der Hin- und Rückweg dauert drei Stunden. Ausserdem heizen wir mit einem Holzofen. Das ist halt alles ein bisschen kompliziert, wenn man in der Wildnis wohnt. Aber dafür ist es schön hier. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich eine Kuh oder einen Adler, der am Himmel seine Kreise zieht. Das gefällt mir. Ich bin ein Landei. Und je älter ich werde, desto mehr gefällt mir das Land und die Ruhe und desto weniger gefällt mir das Stadtleben.

Aber auf Tournee und auf Konzerten leben Sie im Rummel. Und es waren nicht wenige Konzerte, die Sie bis jetzt gespielt haben.

Ja, das stimmt. Bis Ende Jahr werde ich etwa 1500 Konzerte gegeben haben. Dasjenige im TAK wird also in etwa das 1490. Konzert sein. «Endosaurusrex» spielten wir bereits an etwa 30 Konzerten und es werden noch 50 folgen, die meisten davon im nächsten Jahr. Wir sind also schon ziemlich ausgebucht. Früher gab ich noch mehr Konzerte.

Wie stehen Sie die Strapazen eines Konzertes durch?

Nach einem Konzert muss ich ein bis zwei Tage lang schlafen. Ich bin jeweils «voll müad». Es geht halt länger, bis ich mich erholt habe als früher. Ich kann nicht zwei Konzerte geben und dann herumhängen und trinken. Ich bin vernünftiger geworden. Wenn man in meinem Alter so viele Konzerte durchstehen will, muss man leben wie ein Mönch.

Früher war das anders?

Früher gab ich etwa 100 Konzerte pro Jahr. Nach den Konzerten ging ich jeweils in den Ausgang, um Leute kennen zu lernen. Mit 30 Jahren habe ich praktisch nie geschlafen. Das hole ich jetzt nach. Ausserdem konnte ich früher in jeder Stellung für ein paar Stunden schlafen. An einem Pfosten angelehnt zum Beispiel. Heute konzentriere ich mich auf das, was wirklich wichtig ist im ­Leben.

Und das ist?

Meine drei Kinder. Meine Freundschaft mit den Bandmitgliedern. Meine Auftritte. Meine Musik. Und es ist wahnsinnig schön, wenn man für das geschätzt wird, was man macht. Ich durfte viel Schönes erleben, es gab aber auch viele schwierige Situationen. Bedauerlich ist, dass das Leben so schnell vorbeigeht. Man merkt erst im Nachhinein, wie schön es ist.

Bereuen Sie irgendetwas in Ihrem Leben?

Nein. Ich bin lernfähig. Und ich setze mich mit allem auseinander. Aber das Leben ist wirklich kurz. Ich finde, dass wir nicht nur auf der Welt sind, um glücklich zu sei.

Sondern?

Das Leben ist dazu da, um uns weiterzuentwickeln. Glück erfährt man nur, wenn man gibt. Das ist wie mit der Liebe. Die muss man nicht suchen, man muss sie geben. Nur dann erhält man Liebe zurück.

Wie haben Sie sich weiterentwickelt?

Als Jugendlicher war ich ziemlich unbedarft, sehr rebellisch, aufbrausend und unverantwortlich. Ich habe die Steuern nicht bezahlt und habe mich um nichts gekümmert. Verantwortung zu übernehmen habe ich erst durch meine Kinder gelernt. Meine neunjährige Tochter sagte einst, sie sei alleinerziehende Tochter. Mit dem Erziehen meinte sie mich. Sie kann wahnsinnig treffende Aussagen machen.

Verarbeiten Sie mit Ihren Liedern Teile Ihres Lebens?

Jede Form von Kunst verarbeitet Situationen aus dem Leben. Meine Lieder sind aber nicht autobiografisch. Sonst könnte ich ja mein Tagebuch vorsingen. Dennoch kann ich aus meinem Erfahrungsschatz schöpfen. Auch lasse ich mich von anderen Künstlern inspirieren. Von Mani Matter. Oder den Rolling Stones. Das ist immer noch die beste Rockband der Welt.

Was würden Sie machen, wenn Sie nicht Musiker geworden wären?

Das kann ich nicht sagen. Vielleicht Obdachloser. Oder Pfarrer. Ich bin katholisch aufgewachsen. Stiller Has ist ja eine Mischung aus Weihnachten, also «Stille Nacht» und Osterhase. Heute bin ich nicht mehr katholisch, aber die Werte sind noch vorhanden. Ich diskutiere jeden Tag mit ihr.

Wer ist «ihr»?

Gott. Wer weiss schon, ob es ein Mann ist. Vielleicht ist es ja eine Frau.

Worüber diskutieren Sie mit ihr?

Über das Leben. Was ich hier soll und wohin ich gehen soll.

Was erhalten Sie als Antwort?

Nichts Konkretes. Ich glaube, sie mag Menschen, die nachdenken und Zweifel haben. Ich denke sehr viel nach. Viel zu viel eigentlich.

Und das sehen Sie als Nachteil?

Man kann es sich halt nicht aussuchen.

Wo sehen Sie sich in weiteren ­ 62 Jahren?

Ich hoffe, dass ich dann tot bin. Ich sehe mich nirgends. Ich habe keine Vorstellung, was dann sein soll, ausser dass das Leben eine kurze Pause zwischen zwei langen Toden ist.

Hinweis

Stiller Has, «Endosaurusrex»: Samstag, 18. November, 20.09 Uhr, im TAK, Schaan

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.