SCHAAN: Zwei auf einen Streich

Die Eltern von Zwillingen stehen vor besonderen Herausforderungen im Alltag. Die doppelte Zeit fürs Waschen und Wickeln ist nur eine von vielen. Einmal im Monat treffen sich Zwillingsmütter in Schaan zu Erfahrungsaustausch und gegenseitiger Unterstützung.

Mengia Albertin
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Spielende Kinder im grossen Spielzimmer des Mütterzentrums Schaan. (Bild: Mengia Albertin)

Spielende Kinder im grossen Spielzimmer des Mütterzentrums Schaan. (Bild: Mengia Albertin)

Mengia Albertin

mengia.albertin@wundo.ch

Die Nachricht «Herzliche Gratulation, Sie bekommen Zwillinge» kann werdende Eltern ins Schwitzen bringen. Denn die Schwierigkeiten können sich bereits in der Schwangerschaft von denen von Ein-Kind-Eltern unterscheiden. Für die Eltern von Mehrlingen gibt es einige kantonale Beratungsstellen. Im Selbsthilfegruppen-Verzeichnis des Kantons St. Gallen findet sich zusätzlich zu den Beratungsstellen auch die Rubrik «Zwillingsmütter-Runde». Einmal im Monat treffen sich die «Betroffenen» von Sennwald bis Maienfeld mitsamt der Kinder im Mütterzentrum in Schaan zum Erfahrungsaustausch. Es wird geplaudert, gespielt, bestärkt, geschöppelt, ­diskutiert, zugehört, gefüttert, informiert und getröstet: Alles gleichzeitig und selbstverständlich doppelt. Der W&O durfte an einem solchen Nachmittag dabei sein.

Mehr als ein Kita-Platz ist zu teuer

«Dadurch, dass viele Promis, auch in der Schweiz, Eltern von Zwillingen wurden, ist das Thema überall anzutreffen. Nur, die Normalzwillingsmutter kann sich selten eine Nanny leisten, muss Anschaffungen im Doppel machen und meist alles alleine ­bezahlen», sagt Erna Schär aus Grabs, Organisatorin und Mitgründerin des Treffs für Zwillingsmütter. Im Moment gehören zu der Gruppe 23 Familien. Sie organisieren sich über Whatsapp. Grösstenteils kommen die Mütter mit ihren Kindern zum Treff. Wer an den Nachmittagen anwesend ist, entscheidet sich meist spontan.

Die Themen sind vielseitig. Es können Finanzen besprochen und Tipps zu Vergünstigungen für Mütter mit Mehrlingen eingeholt werden. Doppelte Kita-Kosten kann sich nicht jeder leisten, entsprechend wird auch über Vorteile und Nachteile von Berufstätigkeit diskutiert. Andere plaudern über die ersten Wochen nach der Schwangerschaft mit zwei Kindern, die Müdigkeit wegen der starken Beanspruchung, das Aufgeben von Visionen und Plänen und die Erziehung von zwei ganz unterschiedlichen, aber eben irgendwie trotzdem «gleichen» Kindern. «Im Moment beschäftigt mich die Frage, wie beide Kinder unabhängig ihre Persönlichkeit entwickeln können», erzählt eine Mutter. «Von Aussenstehenden werden Zwillinge oft als Doppelpack ­angesprochen. Ich möchte aber, dass sich beide individuell fühlen und entwickeln. Da weiss ich noch nicht so genau, wie ich das anstellen soll. Sollten sie in denselben Kindergarten?» Auch die Organisation von Babysittern und Haushaltshilfen sind Thema. «Wenn du keine Hilfe annimmst, kannst du mit der Zeit einfach nicht mehr», sagt eine Mutter.

Die Zwillingsmütter stehen oft vor den gleichen alltäglichen Herausforderungen, verstehen einander deshalb und können Tipps aus erster Hand weiter­geben. Und Erna Schär kann als erfahrene Mutter von mittlerweile erwachsenen Drillingen und einem Sohn ebenfalls auf unzählige Tipps zurückgreifen. «Die Themen sind andere als bei anderen Müttertreffen», sagt Erna Schär.

«Wir schaffen das alles niemals alleine»

Als Schär in der 8. Schwangerschaftswoche erfuhr, dass sie Zwillinge bekommen soll, war sie nicht überrascht. «Ich habe es ­irgendwie geahnt. Denn ab der fünften Schwangerschaftswoche hatte ich Albträume mit wiederkehrendem Kaiserschnitt mit mehreren Babys.» Dann die Überraschung in der 17. Woche: Ein drittes Baby wird beim Ultraschall entdeckt. Für Schär war klar, dass nun gut geplant werden muss. «Bereits bei der Nachricht der Zwillinge suchte ich nach Lösungen. Die Spitex konnten wir uns damals nicht leisten, zumal sie nur für kurzzeitige Entlastung vorgesehen war. Ich war realistisch: Drillinge und ein zweijähriges Kind, da brauche ich Hilfe. Das schaffen wir als Familie niemals alleine.»

In den folgenden Jahren beschäftigte die Familie insgesamt 17 Lang- und Kurzzeit-Praktikantinnen. Auf der Suche nach Unterstützung lernte Schär in Buchs eine «kreative Sozialarbeiterin» kennen. Es wurde eine Selbsthilfegruppe für Frauen mit Zwillingen und Mehrlingen gegründet.

Als die Sozialarbeiterin sich beruflich umorientierte, trafen sich die Zwillingsmütter nichtsdestotrotz weiter. «Wir waren so dankbar für den Austausch.» Erna Schär ist nun seit über ­ 25 Jahren für Organisation und Administration der Zwillingsmütter-Runde zuständig und unterhält eine schweizweite Informationsstelle für Zwillings- und Drillingseltern.

«Es gibt tonnenweise Schönes»

«Mit Zwillingen oder Mehrlingen erlebt man nebst allen Anstrengungen, die Kinder mit sich bringen können, tonnenweise Schönes und Witziges», sind sich die Frauen einig. «Mit anderen Zwillingsmüttern verbindet einen zum Beispiel sofort etwas, man kann schnell Kontakt herstellen.» Viele Leute reagieren sehr positiv, wenn sie Zwillinge sehen. Daraus ergeben sich lustige Begegnungen. Zum Beispiel mit Touristen am Werdenbergersee, wo die Zwillinge zum Fotosujet werden. Mit der Zeit sei der Unterschied von zwei Kindern, die in kurzen Abständen geboren wurden, nicht mehr so stark.

Die Mütter verstehen die Gruppe nicht als klassische Selbsthilfegruppe. Es sei wie ein Müttertreff, mit dem Unterschied, dass die zweifache Menge an Kindern da ist. In der Runde ist eine lockere und offene Stimmung. Es wird viel gelacht und einem Besucher wird rasch klar: Niemand muss hier jemandem etwas vormachen. Die Mütter wissen: Sie alle haben – wortwörtlich – alle Hände voll zu tun.