SARGANS: Der oft lange Weg zur IV-Rente

«Ist die IV noch fair?», lautete das Thema des 18. Pizol-Care-Gesundheitsforums. Dabei diskutierten aus verschiedenen Blickwinkeln Betroffene, Entscheidungsträger und Umsetzer Fragen rund um die IV.

Hans Hidber
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Wie schlecht muss es jemandem gehen, damit er oder sie noch ­IV-Leistungen erhält? Oder: Erhalten die falschen Personen IV-Unterstützung, und diejenigen, die es nötig hätten, kriegen keine? Fragen, denen man häufig nicht nur am Stammtisch begegnet. Auf der Podiumsbühne in der Aula der Kanti Sargans hatten am Dienstagabend neun Teilnehmende Platz genommen, die in ganz unterschiedlicher Eigenschaft oder Funktion mit der IV zu tun haben.

Gewaltentrennung, ­Hauptziele und Statistik

Mit dem Mikrofon mobil unterwegs war Urs Keller als kom­petenter Moderator, und an einem Nebentischchen, fast wie bei der «Arena», sassen die ­beiden Vertreter der SVA (Sozialversicherungsanstalt) St. Gallen, jener Amtsstelle, die für die Umsetzung der IV-Entscheide zuständig ist: ­Patrick Scheiwiller, Leiter der IV-Stelle, und Nunzio Ferranti, Leiter Renten der IV-Stelle. Letzterer hielt vor der eigentlichen Podiums­runde ein Einführungsreferat zur Thematik.

Nunzio Ferranti stellte das System der Gewaltentrennung sowie die Zuständigkeiten im Entscheidungsprozess und der Umsetzung der Rentenentscheide an den Anfang seines Kurz­referates. Die Politik definiert die strate­gische Stossrichtung und erlässt Gesetze, das Bundesamt für ­Sozialversicherungen ist zu­ständig für die Durchführungsbestimmungen. Das Versicherungs- und das Bundesgericht prüfen die Gesetzmässigkeit der erlassenen Entscheide und deren Auslegung, und die IV-Stellen setzen die gesetzlichen Vorgaben um.

Als Hauptziele der IV nannte Fachmann Nunzio Ferranti: Förderung der beruflichen Integration mittels Eingliederungsmassnahmen; verbleibende ökono­mische Folgen mit Ausrichtung von IV-Renten mildern; Leistungen für eine eigenverantwortliche und selbstbestimmte Lebensführung ausrichten; Gewährung von medizinischen Massnahmen bei Geburtsgebrechen. Im vergangenen Jahre hat die IV-Stelle St. Gallen rund 10 000 Einglie­derungsmassnahmen durch­geführt und 1000 neue Renten zuge­sprochen.

Nicht immer mit eindeutigen Fällen konfrontiert

Vom Moderator nach den Er­fahrungen aus ihrem jeweiligen Blickwinkel befragt, meinten fast alle Podiumsteilnehmenden, sie könnten über einen ganzen Blumenstrauss von positiven und ­negativen Erlebnissen berichten. Am langen Tisch sassen ein ­betroffener Rentenbezüger; ein Angehöriger; Carmen Müntener, Hausärztin, Buchs, Stefan Bachmann, Chefarzt Rheumatologie und Gutachter, Kliniken Valens, Urs Besmer, Leiter Rechtsdienst SVA St. Gallen, Jürgen Böhler, Leiter RAD Ostschweiz (Regionaler Ärztlicher Dienst der IV-Stellen), Roger Bolt, Teamleiter Stelle für Missbrauchbekämpfung, Suva, Luzern, Christoph Burz, Psychiater/Psychotherapeut, Buchs, und Damian Caluori, Leiter der Sozialdienste Sarganserland.

Aus den verschiedenen Voten der in Sargans anwesenden Entscheidungs-Mitträger wurde eindeutig klar, warum eine seriöse Abklärung komplexer Fälle so viel Zeit beansprucht. Als Beispiel seien die nicht immer leicht nachzuweisenden Rückenschmerzen und die damit geltend gemachte Arbeitsunfähigkeit erwähnt, ähnlich auch die Folgen eines Schleudertraumas.

Frust und psychische ­Belastung

Als Fazit der über zweistündigen intensiven Diskussion mit Ein­bezug des Publikums sind von­seiten der Betroffenen, der Hausärztin und des Sozialdienstes vor allem der Frust und die ­psychische Belastung von Rentenbewerbern beim langen Warten auf einen Entscheid zu erwähnen. Es sollte, so monierte etwa die Hausärztin, das ganzheitliche Bild des ­Menschen und nicht nur Teilaspekte von Spezialisten berücksichtigt werden. Sie wünschte sich einen besseren Einbezug der Hausärzte in die Entscheidungsfindung, da sie näher am Patienten seien.

Die Fachspezialisten ihrerseits wiesen auf die Komplexität vieler Fälle und auch auf die Erkennung von Missbräuchen hin, würden aber einen schlankeren Ablauf im besser fliessenden Übergang zwischen den verschiedenen Schnittstellen auch begrüssen. Schliesslich durften die IV-Verantwortlichen von einem Betroffenen doch noch einen fast «richtigen» Blumenstrauss in Form eines lobenden Fedbacks entgegennehmen: «Die IV ist bei allen zu bemängelnden Schwachstellen insgesamt ein grossartiges Werk, wie es kein anderes Land ausweisen kann.»

Hans Hidber

redaktion@wundo.ch