SALEZ: Grosses Potenzial durch Sensortechnik

Die Digitalisierung hat auch in der Landwirtschaft längst Einzug gehalten. Doch welche weiteren Entwicklungen stehen in nächster Zeit bevor? Der W&O sprach mit Markus Hobi, dem Leiter des Landwirtschaftlichen Zentrums St. Gallen.

Hanspeter Thurnherr
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Christian Giger, Lohnunternehmer aus Sevelen, programmiert das GPS. Damit und mit Hilfe von Mobilfunksignalen fährt sein Traktor im Feldeinsatz zentimetergenau weitgehend selbstständig. (Bilder: Hanspeter Thurnherr)

Christian Giger, Lohnunternehmer aus Sevelen, programmiert das GPS. Damit und mit Hilfe von Mobilfunksignalen fährt sein Traktor im Feldeinsatz zentimetergenau weitgehend selbstständig. (Bilder: Hanspeter Thurnherr)

Hanspeter Thurnherr

hanspeter.thurnherr@wundo.ch

Gemäss Schätzung von Francis Egger, Geschäftsleitungsmitglied des Schweizer Bauernverbandes, sind 98 Prozent der Landwirtschaftsbetriebe ans Internet angeschlossen. Damit liefern sie Daten an das Landwirtschaftsamt des Kantons zur Berechnung der Direktzahlungen. Auch Informationen für die Tierverkehrsdatenbank liefern sie so. Doch die Zukunft wird neue digitale Möglichkeiten bieten. Einen Einblick gibt Markus Hobi, Leiter des Landwirtschaftlichen Zentrums St. Gallen in Salez, im folgenden Interview.

In welcher Form und mit welchen Inhalten sind ­Digitalisierung und Roboter bei der Ausbildung der Landwirte in Salez ein Thema?

Die Beraterinnen und Berater der Fachstellen des landwirtschaftlichen Zentrums St. Gallen (LZSG) erfüllen auch einen Lehrauftrag für die Berufsbildung. So können wir sicherstellen, dass die neuen Entwicklungen auch Eingang in die Aus- und Weiterbildung finden. Vor allem in den Fachstellen Pflanzenbau und Ackerbau sowie Landtechnik sind Digitalisierung und Smart Farming (siehe Box) ein aktuelles Thema.

Welche Voraussetzungen muss ein Landwirtschafts­betrieb erfüllen, um von den neuen Entwicklungen profitieren zu können?

Nicht auf jedem Betrieb ist beispielsweise der Einsatz eines Melkroboters sinnvoll. Es braucht eine gewisse Grösse. Aber die Grösse ist nicht allein entscheidend, welche Technik in der ­Praxis angewendet wird. Mit der Weiterentwicklung der Technik und der stärkeren Verbreitung werden sich auch kleinere Be­triebe diese Investitionen künftig überlegen. Übrigens sind Melkroboter und das dazu gehörende Datenmanagement bei grösseren Betrieben inzwischen keine Einzelfälle mehr.

Der Zwang zu Betriebs­vergrösserungen oder ­Betriebsaufgabe wird also durch die Digitalisierung und den Einsatz von Robotern nicht verstärkt?

Nein, die Betriebe geben nicht auf, sondern arbeiten stärker zusammen. Bereits heute arbeiten im Rheintal zum Beispiel die ­Gemüsebauern in der Anbau­planung und auch beim über­betrieblichen Einsatz von Maschinen zusammen. Dies er­möglicht den Einsatz neuester Technologien, zum Beispiel ­Feldspritzen mit Einzel­düsen­steuerung, damit die Pflanzenschutzmittel exakt ausgebracht werden können. Oder GPS-gesteuerte Traktoren für präzises Arbeiten auf dem Feld. Ich gehe davon aus, dass künftig der überbetriebliche Maschineneinsatz wegen der fortschreitenden Digitalisierung zunehmen wird.

Aber wohl nicht alle ­Bauern können mit den neuen ­Techniken wie ­Smartphone oder Computer gut umgehen.

Schon heute werden viele Daten, etwa auch bei den Erhebungen für die Direktzahlungen, grösstenteils von den Landwirten per Computer gemanagt. Dabei zählen sie nicht selten auf die Hilfe von Familienmitgliedern oder Berufskollegen.

Wo sehen Sie weitere Einsatzmöglichkeiten von Robotern?

Die Sensortechnik hat in den ­letzten Jahren sehr grosse Fortschritte gemacht. Hier sehe ich grosses Potenzial für Prognosedienste beim Einsatz von Pflanzen­schutzmitteln. Und auch der gezielte Einsatz von Düngemitteln wird helfen, möglichst umweltschonend Landwirtschaft zu betreiben und erst noch die Kosten zu reduzieren.

Können Sie uns ein konkretes Beispiel geben?

Bereits im ersten Betriebsjahr hat eine junge Firma auf 500 Hek­taren Mais zur biologischen ­Maiszünslerbekämpfung Trichogramma-Schlupfwespen mittels Multikopter (Drohne) ausgebracht. Besonders interessant sind auch die Möglichkeiten, gezielt Pflanzenschutzmittel in steilen Hanglagen des Weinbaus mit Drohnen auszubringen. Wir sind zusammen mit der Forschung und der Industrie an einem solchen Projekt beteiligt. Ein weiteres Beispiel sind GPS-gesteuerte Traktoren. Die Spurführung kann optimiert werden, sodass etwa Dünger und Pflanzenschutzmittel noch ge­nauer ausgebracht werden können, was der Umwelt dient.

Wie sieht das künftige Berufsbild des Landwirtes aus? Ist er bald nur noch Datenmanager und wartet nur noch Roboter und Maschinen?

Der Landwirt ist längst zum Datenmanager geworden. Digitalisierung, Internet, PC und immer mehr auch das Smartphone sind bereits heute Teil des Alltags. Der Landwirt meldet den Tierverkehr bereits seit längerer Zeit elektronisch. Er verwaltet seine bewirtschafteten Flächen seit diesem Jahr zudem direkt über das «Agrigis», das Geodatensystem des Kantons. Derzeit ist auf Bundesebene mit «Barto» ein Projekt in Vorbereitung, das den administrativen Aufwand für den Erhalt der Direktzahlungen und gleichzeitig Doppelerfassungen und Mehrfachverwaltung von Daten reduzieren soll.

Sie haben kürzlich an einem Workshop teilgenommen, den Bundesrat Johann Schneider-Amman initiiert hat. Was haben Sie dort ­gehört und gesehen?

Hochkarätige Teilnehmer aus der Landwirtschaft und der vor- und nachgelagerten Industrie haben über den aktuellen Stand der Digi­talisierung informiert. Start-up-Firmen präsentierten Produkte. Zum Beispiel solarbetriebene Jät-Roboter, Pflanzenschutz-Drohnen oder Smartphone-Apps.

Worin sehen Sie die grossen Vorteile der Digitalisierung?

Die Schweizer Landwirtschaft produziert in einem teuren ­Umfeld – mit hohen Personalkosten. Die Digitalisierung bringt deshalb auch Chancen. Ich könnte mir vorstellen, dass der Bio-­Zuckerrübenanbau mit dem Einsatz von Jät-Robotern interessant werden könnte und wir weniger auf Import angewiesen sind. Unter dem Aspekt des Swissness ist für die lebensmittelverar­beitende Industrie Schweizer Biozucker interessant. Insge­samt und kurz zusammenge­fasst bringt sie weniger Administration, Arbeitserleichterung, umwelt­freund­liche und bodenschonende Produ­k­tion durch den exakten Ein­satz von Pflanzenschutzmitteln und Düngern. Die überbetriebliche Zusammenarbeit wird sich verstärken und dadurch die Kosten der teuren Technologie reduziert.

Und was haben die ­Konsumentinnen und ­Konsumenten davon?

Sie werden von einer Qualitätssteigerung der Produkte profitieren. Wir dürfen nicht vergessen: Die Digitalisierung liefert über die Ertragssteigerung einen Beitrag an die Selbstversorgung unseres Landes.