Runter vom hohen Ross

Was kann ein Evangelischer schon zum kommenden Feiertag der römisch-katholischen Kirche sagen, dem 1. November, Allerheiligen? Sicher dies, dass er sich nicht anmassen mag, über die Heiligenverehrung zu dozieren.

Reinhold Meier, Gefängnisseelsorger und Journalist
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Was kann ein Evangelischer schon zum kommenden Feiertag der römisch-katholischen Kirche sagen, dem 1. November, Allerheiligen? Sicher dies, dass er sich nicht anmassen mag, über die Heiligenverehrung zu dozieren. Sicher auch, dass er keinen Ehrgeiz verspürt, über den Brauch des Bittens an längst Verstorbene zu urteilen. Das hohe Ross verträgt sich nicht gut mit christlichen Gottvertrauen.

Also vielleicht lieber dies: Was mir an Allerheiligen sympathisch scheint, ist die schöne Geste dieses Tages. Ihn gibt es ja nur, weil man nicht wollte, dass die «einfachen» Heiligen zu kurz kommen. Die prominenteren unter ihnen haben alle ihren Feiertag, der Apostel Paulus etwa oder Maria, die Mutter Jesu. Auch Edith Stein und Maximilian Kolbe. Sie, weil sie sich für Menschen jüdischen Glaubens einsetzte, er, weil er dasselbe für einen Mithäftling tat. Beide zahlten dafür mit dem Leben, wurden in Auschwitz ermordet. Aber sie hatten das Heilige im Mitmenschen gesehen.

Doch neben den prominenten Vorbildern geraten die anderen manchmal aus dem Blick – die Kleinen, die Unscheinbaren, die Vergessenen? Sie haben oft das gleiche Gespür für die Heiligkeit ihres Gegenübers. Das ist ja eine Herkulesaufgabe geworden, gerade heute, da sich all zu viel um Prominente dreht, um Stars, um die da oben. Was für eine Geringschätzung jener, die nicht das grosse Rad drehen können, nicht schön und reich und lustig genug sind. Da finde ich es sehr sympathisch, dass der Feiertag Allerheiligen all jenen Raum gibt, die nicht so Grossartiges geleistet haben, all diese kleinen Heiligen. Meinem Alltag im Gefängnis kommt das recht nahe. Da begegnen mir meistens nicht gerade jene, welche die Mehrheit ohne Hemmung als Heilige bezeichnen würde. Mancher seltsame Heilige ist darunter, vielleicht. Aber sonst sehe ich vor allem Menschen mit schweren Suchterkrankungen, mit psychischen Einschränkungen, mit furchterregenden Lebensläufen. Und doch ist keiner darunter, der nicht weiss, warum er hockt. Ja, sie haben manchmal grosses Leid verursacht. Auch wenn die meisten nicht gerade wegen Schwerverbrechen da sind.

Es ist leicht zu urteilen über diese zuweilen so abgründig Gescheiterten. Doch wenn sie mir gegenübersitzen, frage ich mich auch, wo das Heilige blieb, mit dem ihr Schöpfer sie wie jeden Menschen beschenkt hat. Manchmal gelingt es im Gespräch, danach zu suchen, seine Spur aufzunehmen und etwas wieder zu entdecken. Es ist nicht grad «Aller-Heiligen» im Knast. Aber wenn nicht in Allen Heiliges verborgen wäre, verbogen oft und verkümmert, würde ich alles hinschmeissen.

Als Kirchenmann habe ich keine einfache Lösung für die Rätsel des Bösen. Aber ich will mich davon berühren lassen, dass mir ein Mensch gegenübersitzt und kein Kostenfaktor, der sein Recht verwirkt hat. In der Ausschaffungshaft fühlt sich das, kaum vorstellbar, meistens noch eine Stufe hoffnungsloser an. Auch für die Migration habe ich keine Lösung. Aber ich gebe den Anspruch nicht auf, auch hier im Gegenüber keine illegale Existenz zu sehen, wie es Mode geworden ist, sondern etwas vom Heiligen des Lebens. Dem will ich – trotz allem – Raum geben und ein wenig Luft zum Atmen.

Als Evangelischer kann ich nicht einfach Allerheiligen feiern, schon klar. Aber die Geste dieses Tages nehme ich mir zu Herzen: In Allem Heiliges zu entdecken. Und für das Kleine einzustehen. Nichts anderes hat Edith Stein gemacht mit den Juden, den Ausgestossenen ihrer Zeit. Und Maximilian Kolbe bei seinem Mithäftling. Sie haben die Schwächsten zu Schwestern und Brüdern gemacht. Das wäre ein Anfang in unserer ach so aufgeklärten, ach so aufgeräumten Welt, die immer öfter nicht einmal mehr merkt, wie sie dabei ist, an ihrer Effizienz zu ersticken.