Rundgang durch Vergangenheit und Gegenwart

Vor kurzem ist das Toggenburger Jahrbuch 2018 erschienen. Es beschreibt Interessantes aus den ­Bereichen Kultur, Geschichte und Natur – einmal mehr kompetent recherchiert und zu Papier gebracht.

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Ein kurzweiliger Begleiter für kalte Abende: Das Toggenburger Jahrbuch 2018. (Bild: Urs M. Hemm)

Ein kurzweiliger Begleiter für kalte Abende: Das Toggenburger Jahrbuch 2018. (Bild: Urs M. Hemm)

Pünktlich auf die kalten und langen Herbst- und Winterabende hat der Toggenburger Verlag die 18. Ausgabe des Toggenburger Jahrbuches herausgegeben. Wiederum haben sich zahlreiche Autoren unterschiedlichster akademischer Herkunft Themen angenommen, welche die Region Toggenburg in der Vergangenheit unmittelbar beeinflusst und noch immer Bedeutung in unserem Zusammenleben haben. Dabei handelt es sich jedoch nicht nur um zeitgeschichtliche Abhandlungen. Vielmehr werden Ereignisse und Entwicklungen aus heutiger Sicht betrachtet, mögliche Zusammenhänge herausgearbeitet und entsprechend den heutigen Umständen eingeordnet.

Hungersnot und Hilfsaktionen

So berichtet beispielsweise Patrick Bernold über die Anbauschlacht der Mosliger in den ­Jahren 1917 bis 1919. Er räumt zwar ein, dass Mosnang weniger von Nahrungsmittelknappheit und Unterernährung betroffen war als andere, weniger landwirtschaftlich ausgerichtete Ortschaften. Dennoch würden Dokumente aus dem Gemeindearchiv zeigen, «dass die Sicherung der Ernährung vor hundert Jahren eine politische Aufgabe war, der sich die Behörden mit viel Aufwand zu widmen hatten».

Dass sich die Ostschweiz in der Not anderer als hilfsbereit ­erweist, zeigt Anton Heer in ­seinem Beitrag «Kartoffelsammlungen und ‹Schweizer Kinder›» auf. Insbesondere Vorarlberg litt in den Nachkriegsjahren des Zweiten Weltkrieges unter ausbleibenden Lebensmittel­lieferungen. Daraufhin ordnete die St. Galler Regierung eine ­Kartoffelsammelaktion an. Resultat: Innert Monatsfrist konnten Ostschweizer Gemeinden ­einen Zug, beladen mit 28 Tonnen Kartoffeln ins Vorarlbergische entsenden. Als sich schliesslich die Grenzen zu Deutschland öffneten, nutzten die Landeskirchen ihre Beziehungsnetze und or­ganisierten in Zusammenarbeit mit der Grenzlandhilfe Tages­besuche von deutschen Kindern in der Schweiz. Natürlich kamen nicht viele Kinder in den Genuss dieser Aktion, im Zuge derer sie neue Kleider, einfache Mittel für den täglichen Bedarf und ein ­gutes Essen bekamen. Daher wurden diese Kinder in ihrer Heimat oft neidvoll als «Schweizer Kinder» bezeichnet.

Musikalisches und bäuerliches Erbe

Brigitte Bachmann-Geiser setzte sich in ihrer Arbeit mit «Hals­zithern und Cistern in Bild­quellen der Schweiz» auseinander. Neben historisch wertvollen Informationen zeigt Bachmann-Geiser auf, wie das filigrane ­Saiteninstrument seinen Weg bis ins Toggenburg fand, wo dessen Tradition und Spiel bis heute gepflegt werden.

Melchior Grob (1746–1809) und Heinrich Ammann (1763–1836) – diese zwei Namen mögen bei vielen eher Stirnrunzeln ­hervorrufen. Ändern möchte dies Markus Meier, der in seinem ­Beitrag das Leben und Schaffen der beiden Toggenburger Orgelbauer beschreibt. Ihre kunstvoll gearbeiteten Orgeln können ­heute noch unter anderem in der ehemaligen Klosterkirche in Neu St. Johann oder im Museum Ackerhus betrachtet werden.

Praxisnah beschrieben ist die «Wegleitung zum Besuch einer Viehschau» von Anna ­Gasser und René Güttinger. Sie beschreiben darin unter anderem den hohen Stellenwert, den eine Viehschau für die Landwirte in ihrem Kalender hat. ­Zudem ­zeigen sie in übersicht­lichen ­Grafiken auf, auf welche Merkmale die Viehschauexperten in ihrer Benotung des Viehs ­achten.

Spannungsfeld Jagd und Naturschutz

Dem Spannungsfeld der Jäger von einerseits Schutz und andererseits Nutzung der Natur und ihrer Wildtiere widmen sich ­Dominik Thiel und Karin Ulli in ihrem Artikel «Jagen braucht Fingerspitzengefühl». «Die Jagd ist Berufung und Auftrag zugleich», schreiben sie in ihrer Einleitung. Denn unter Ein­haltung des Jagdgesetzes sind sie dazu verpflichtet, Wildtiere zu schützen. Um jedoch die Be­stände funktionierender Lebensgemeinschaften zu erhalten, müssen sie diese regulieren, also jagdlich nutzen.

Zahlreiche andere Geschichten über das Toggenburg, seine Persönlichkeiten und Eigenarten sowie die aktuelle Chronik der Toggenburger Gemeinden machen dieses Buch zu einer lesenswerten, kurzweiligen Lektüre.

Urs M. Hemm

urs.hemm@toggenburgmedien.ch