REHETOBEL: Ein Meister der Täuschung

Nach der Bluttat am Dienstag kommen über die Vergangenheit des Schützen immer mehr Details ans Licht. Bereits als 19-Jähriger hat er mit einer Schrotflinte auf mehrere Personen geschossen.

Alexandra Pavlovic
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Der abgesperrte Tatort in Rehetobel am Tag nach den Schüssen. (Bild: Ralph Ribi)

Der abgesperrte Tatort in Rehetobel am Tag nach den Schüssen. (Bild: Ralph Ribi)

Alexandra Pavlovic

Bereits kurz nach der Tat war klar: Der 33-jährige Schütze von Rehetobel war alles andere als ein unbeschriebenes Blatt. Von 2004 bis 2009 sass er eine Strafe im Massnahmenzentrum Arxhof in Niederdorf BL ab. In der Region war der 33-Jährige als Waffennarr bekannt – er beging im Ausserrhodischen nicht zum ersten Mal eine Tat mit einer Waffe. Bereits im Jahr 2003 verletzte er drei Personen bei einem Eifersuchtsdrama. 2002 hatte der damals 19-Jährige mit einer 14-Jährigen eine Liebesbeziehung. Im Herbst 2002 beendete das Mädchen die Beziehung – angeblich wegen der Eifersucht des jungen Manns. Dieser konnte sich offenbar nicht mit der Trennung abfinden und drohte dem Mädchen und seinen Eltern verbal und per SMS. Seine Wut richtete sich auch gegen zwei Brüder, die als Beschützer des Mädchens auftraten. Unter den Jugendlichen von Heiden wusste man vom schwelenden Konflikt – und offenbar auch davon, dass sich die Kontrahenten gegenseitig mit dem Einsatz von Waffen und dem Tod drohten.

Im Besitz mehrerer Waffen

Am Ostermontag 2003 eskalierte die Angelegenheit. In der Nacht lauerte der Schütze von Rehetobel mit einer abgesägten Schrotflinte den Brüdern auf – es kam zum Schusswechsel. Mit der Flinte schoss er auf einen der Brüder, der getroffen wurde und zu Boden fiel. Als er aufstand und davonrannte, feuerte der 19-Jährige erneut und traf einen vorbeifahrenden Velofahrer. Anschliessend schoss er auf den anderen Bruder, der ein Sturmgewehr auf sich trug. Der Schuss traf ihn im Beckenbereich. Wenige Stunden später wurde der 19-Jährige festgenommen. Er trug die Tatwaffe, eine Schrotflinte, noch bei sich. Für diese benötigte er aber keinen Waffenschein, wie die Ausserrhoder Kantonspolizei damals mitteilte. Die Beamten fanden aber noch weitere Schusswaffen bei ihm – drei Gewehre und eine Faustfeuerwaffe – für die er keine Bewilligung besass. Strafrechtlich war der 19-Jährige vor der Tat bei der Polizei nicht verzeichnet gewesen. Man habe ihm aber vor einem halben Jahr polizeilich Waffen weggenommen, da bekannt war, dass er Freude an Waffen habe, so die Polizei 2003. Rund ein Jahr später wurde der Mann vom Ausserrhoder Kantonsgericht wegen der mehrfachen versuchten vorsätzlichen Tötung, der mehrfachen schweren Körperverletzung, Drohung und sexueller Handlungen mit einem Kind schuldig gesprochen und in die Arbeitserziehungsanstalt Arxhof eingewiesen. Bis 2009 sass er seine Strafe ab, danach wurde er aufgrund eines Gutachtens entlassen.

Gestern äusserte sich Renato Rossi, der ehemalige Direktor des Massnahmenzentrums Arxhof, gegenüber «Radio Energy» über den Mann. Laut Rossi hatte der Mann zu jener Zeit fremdenfeindliche Ansichten: «Seine Welt war eine kleine Welt, in der Ausländer keinen Platz haben. Er hatte Phantasien von Metzeleien und Schiessereien.» Er beschrieb den Schützen von Rehetobel als sehr anpassungsfähig und manipulativ, als «Meister der Täuschung». In diese Falle seien wohl auch die beiden verwundeten Polizisten getappt. «Das ist typisch, so funktioniert er. Er kooperiert, ist angepasst, das Misstrauen ihm gegenüber wird kleiner. Und plötzlich schlägt er zu.»

«Risiko, mit dem wir leben müssen»

Auch ein Waffennarr soll der Schütze von Rehetobel gewesen sein. «Seine Faszination für Waffen hatte etwas Suchtähnliches.» Dass er nun erneut zur Waffe gegriffen hat, überrascht Rossi nicht. «Bei seinem Austritt haben wir die Behörden informiert und eine genaue Einschätzung über die Risiken abgegeben. Das ist das Risiko, mit welchem wir leben müssen, dass solche Menschen rückfällig werden. Sie sind tickende Bomben in unserer Gesellschaft.»

Am Dienstag hatte der Mann in Rehetobel das Feuer auf zwei Polizisten eröffnet, die eine Hausdurchsuchung bei ihm durchführten. Die beiden Beamten wurden schwer verletzt, einer schwebt nach wie vor in Lebensgefahr. Die Polizisten trugen keine Schutzwesten, da sich der Mann bei einer Einvernahme auf dem Posten zuvor kooperativ gezeigt hatte. Die Polizei konnte den Mann zwar umzingeln, nach stundenlangen Verhandlungen beging er jedoch Suizid. Auch einen Tag nach der Bluttat bleibt unklar, wie der Schütze die Tatwaffe besorgen konnte. Aufgrund der laufenden Ermittlungen macht weder die Ausserrhoder Kantonspolizei Appenzell Aus­serrhoden noch die zuständige Staatsanwaltschaft Angaben dazu.

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