REGION: Wegen Brief-Phobie geschwänzt

Ein junger Mann musste sich vor dem Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland verantworten. Er hatte seinen Zivildienst geschwänzt und das gleich mehrfach, vorsätzlich und einschlägig vorbestraft.

Reinhold Meier
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Reinhold Meier

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Eigentlich hätte der 32-Jährige im letzten Sommer auf einem Bauernhof im Raum Sargans antraben sollen, um dort einen vierwöchigen Hilfseinsatz zu leisten. Doch er erschien weder zum behördlich verfügten Vorstellungstermin, noch zum Einsatz selbst – und zwar in beiden Fällen unentschuldigt. Dass damit nicht zu spassen ist, zeigte sich alsbald in geradezu verblüffendem Tempo. Denn als der Säumige auch am letzten Tag seines geplanten Einsatzes nicht auf der Bildfläche ­erschien, reichte die Zivildienst-Vollzugsstelle noch gleichentags Strafanzeige ein.

Das Untersuchungsamt in Uznach ermittelte rasch und erliess vier Monate später einen Strafbefehl. Darin forderte es eine unbedingte Geldstrafe von 40 Tagessätzen à 30 Franken, also zusammen 1200 Franken wegen des Zivildienstversäumnisses. Zudem sollte eine zwei Jahre zuvor bedingt ausgesprochene Geldstrafe über 20 Tagessätze à 120 Franken, also weitere 2400 Franken, widerrufen und somit vollstreckt werden. Dies, weil der Mann schon mal den ­Zivildienst versäumt hatte, bedingt bestraft wurde und nun in der Probezeit erneut straffällig geworden sei. Weil der Beschuldigte dagegen Einspruch erhob, kam es jetzt zur Verhandlung am hiesigen Kreisgericht.

Eigentümliche Phobie

Wer nun aber an Schranken einen aufmüpfigen Systemverweigerer erwartet hatte, sah sich getäuscht. Der Beschuldigte präsentierte sich leise, zurückhaltend, angepasst. Er gab sein Versäumnis rundweg zu und bestritt lediglich den Vorsatz. Er leide an einer ­Depression und in deren Folge unter einer «Brieföffnungs­phobie». Darum sei er auch seit vier Jahren nicht mehr arbeits­fähig, habe sich zu Hause ver­krochen und habe vor allem ­keine Briefe mehr geöffnet. «Es wurde zur Gewohnheit, zu einem Automatismus.» Um die Mutter, bei der wohnte, zu täuschen, habe er sogar jeweils am späten Nach­mittag das Haus verlassen. Kurz nachdem die Mutter dann von der Arbeit kam, sei er jeweils zurückgekehrt und habe den Eindruck erweckt, alles sei in Ordnung und er käme gerade vom Job.

Briefe hätte er vormittags abgefangen und versteckt, auch alle Rechnungen, Mahnungen und schliesslich Betreibungen. «Ich konnte nicht zu meiner Krankheit stehen und habe mich immer stärker geschämt», erklärte er den Teufelskreis. Erst durch einen Klosterbesuch vor einem Jahr kam alles ans Licht, nicht zuletzt auch, nachdem die Frau Mama den verdächtigen Briefstapel entdeckt hatte. «Seitdem bin ich in Therapie und lerne mich mitzuteilen und mich meinen Auf­gaben zu stellen». Darum habe er auch bereits den versäumten Dienst nachgeholt und zwar ohne Anstände. «Ich wollte ihn ja nie schwänzen.»

Dienst inzwischen abgeleistet

Die Verteidigung forderte darum zwar einen Schuldspruch, aber lediglich wegen fahrlässigen Zivildienst-Versäumnisses, nicht wegen vorsätzlichem. Dafür hielt sie eine Strafe von 30 Tagessätzen à 10 Franken für angemessen, bedingt auf vier Jahre. Zudem solle die Vorstrafe nicht vollzogen ­werden.

Dies mit Blick auf die grossen Fortschritte, nicht zuletzt im Bemühen, wieder Arbeit zu finden und therapeutischen Fortschritte zu erzielen. «Die Prognose ist günstig.»

Das Gericht schloss sich dem nicht an und verurteilte den Angeklagten wegen vorsätzlichem Zivildienstversäumnis. Dies, weil eine mögliche Einschränkung der Urteilsfähigkeit im fraglichen Zeitraum nicht belegt sei. «Die psychische Belastung kann bei der individuellen Strafzumessung berücksichtigt werden, nicht jedoch im Schuldspruch», hiess es dazu. Tatsächlich liess das Gericht dann auch im Blick auf die konkrete Strafe Milde walten. So wurde eine bedingte Geldstrafe über 300 Franken ausgesprochen und die Vorstrafe nicht für vollziehbar erklärt. Stattdessen liess man es bei einer Verwarnung ­bewenden. Verschulden und Strafbedürfnis seien nicht gerade ­riesig, zumal der Dienst ja in­zwischen anstandslos geleistet worden sei.