REGION: Von Fliegen und Zecken geplagt

Tiere auf Schweizer Alpen und Weiden haben momentan einen schweren Stand: Nebst der grossen Hitze werden sie von lästigen Fliegen, Bremsen und Zecken geplagt, die sich gar schädlich auf die Gesundheit der Wiederkäuer auswirken.

Julia Kaufmann
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Durch das Schütteln des Kopfes versuchen diese Kühe, die Plagegeister loszuwerden – doch leider nur mit mässigem Erfolg. (Bild: Michel Canonica)

Durch das Schütteln des Kopfes versuchen diese Kühe, die Plagegeister loszuwerden – doch leider nur mit mässigem Erfolg. (Bild: Michel Canonica)

Julia Kaufmann

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Ein milder Winter und die der­zeitige Trockenheit haben begünstigt, dass in diesem Jahr enorm viele Insekten wie Fliegen, Bremsen («Brämen») oder auch Zecken Mensch wie Tier das Leben besonders schwer machen. Doch im Gegensatz zu Ersterem besitzen die Wiederkäuer auf Schweizer Weiden und Alpen nicht die Möglichkeit, sich mit den Händen oder einer Fliegenklatsche gegen die lästigen In­sekten zu wehren und sind ihren gnadenlosen Attacken beinahe schonungslos ausgesetzt. Obwohl Viehhalter der Region diverse Me­thoden einsetzen, um ihre Tiere vor gesundheitlichen Schäden und grossem Stress zu schützen, gelingt dies nur bedingt, wie Alppächter und Tierärzte zu beklagen haben.

Zeckenmittel nur bei Fachpersonen erhältlich

«In diesem Jahr gibt es in der Tat eine Fliegen- und Bremsenplage, doch noch extremer empfinde ich die vielen Zeckenstiche, die ich auf gewissen Alpen bei den Tieren registriert habe», erklärt Tier­ärztin Luzia Schweizer-Trösch aus Gams. Auf einer Alp habe sie beispielsweise erlebt, dass so gut wie jedes Rind von ungefähr 50 Zecken befallen war. «Je mehr Zecken ein Tier stechen, desto grösser ist das ­Risiko, dass unter ihnen welche sind, die Blutparasiten in sich tragen. Sie können eine lange Liste an Krankheiten hervorrufen», so Schweizer-Trösch. Wenn der Fall eintreten sollte, dass ein Rind von einem Überträger infiziert wird, so äussert sich eine Erkrankung vor allem durch Fieber und durch Ödeme an den Beinen des Tiers. Um dies zu verhindern, werden oft Anti­biotika eingesetzt. Präventiv kann den Wiederkäuern aber auch ein Mittel, bestehend aus Insektiziden und Akariziden, auf den Rücken aufgegossen werden. ­Relativ wirkungsvoll hält es schliesslich Fliegen, Bremsen und Zecken ab.

Bis vor einigen Jahren konnte dieses Mittel unter anderem im Gartenfachhandel erworben werden, doch nun ist es lediglich noch über einen Tierarzt be­ziehbar, aus gutem Grund, wie die Tierärztin weiter erläutert: «Während das Mittel auf die Milch der Kühe keine Absetzfrist hat, beläuft sie sich bei essbarem Gewebe einer Kuh auf 17 Tage. Soll heissen, dass die Insektizide und Akarizide während dieses Zeitraums im Fleisch des Tiers nachweisbar sind. Die Absetzfrist bei Schafen liegt bei 35 Tagen.»

Fliegen als ideale ­Krankheitsüberträger

Auf der Alp Malschüel sind Zecken weniger ein Problem, da sie weder vom Waldrand umgeben ist, noch viele Stauden vorhanden sind. Dennoch registrierte Edwin Kuhn, Pächter der Alp, auf seinem Heimbetrieb die ungewöhnlich hohe Anzahl an Zecken: «Nicht nur das Vieh wird von ihnen ­geplagt, sondern auch unsere Hunde und Katzen tragen viele Stiche davon.» Auf der Alp hingegen seien die Fliegen und Bremsen in diesem Jahr ein grosses Problem, obwohl es laut Kuhn mittlerweile weniger Insekten gäbe wie noch vor rund zwei ­Wochen.

«Ein Mittel gegen die Insekten nutzen wir nur auf dem Heimbetrieb. Die beste Methode auf der Alp ist, die Tiere tagsüber im Stall zu lassen und sie erst gegen Abend auf die Weide zu führen», so der Landwirt. In seiner Aufsicht stehen 235 Mutterkühe, Rinder und Kälber, die den ­Sommer auf Malschüel verbringen. Durch die Vielzahl an Fliegen ­haben in der jetzigen Saison besonders viele Tiere Augenkrankheiten erlitten. «Durch kleinste Verletzungen an der Hornhaut eines Rinds kann die Augen­infektion ‹Pink eye› entstehen. Da­bei wird das Auge stark getrübt, worauf eine Sehbehinderung folgt. Durch die vielen Fliegen, die um die Augen der Tiere schwirren, wird die Krankheit schliesslich rasant übertragen», ergänzte Schweizer-Trösch. Die Behandlung von ‹Pink eye› kann mit einer Salbe erfolgen, wobei Kuhn in einem solchen Fall lieber auf Antibiotika zurückgreift: «Da­mit haben wir bisher gute Erfahrungen gemacht und die Schmerzen können innert Kürze gelindert werden. Bei der Verwendung einer Augensalbe ist es nämlich so, dass sie mehrmals aufgetragen werden muss. Bei so vielen Tieren gestaltet es sich schwierig, die erkrankten Rinder auf Anhieb wieder einzufangen.»

Auch bei Schafen, Ziegen, Gämsen und Steinböcken erfolgt die Übertragung der Gamsblindheit über Fliegen. Es zeigen sich ähnliche Symptome, die in leichtgradigen Fällen zu wässrigem oder schleimigem Augensekret sowie zu geröteten Bindehäuten führen, in schweren Fällen aber bis zur Erblindung der Tiere führen können. Problematisch bei den Schafen ist zudem, dass sich der Erreger dauerhaft in einer Schafherde ­halten kann, da sie ein Reservoir für den Erreger der Gamsblindheit bilden. Ausserdem liegt bislang keine sichere Bekämpfungs­methode vor, mit der die Augenkrankheit aus einer Schafherde ­eliminiert werden könnte.

Negative Folgen durch zu grossen Stress

Nebst einem Gesundheitsrisiko stellen die vielen Insekten auch einen grossen Stressfaktor für die Tiere dar. «Fliegen und Bremsen sind zweifellos unangenehm und versetzen die Rinder in eine ständige Unruhe. Dieser Stress hat unter anderem den Rückgang der Milchproduktion zur Folge», so die Tierärztin. Des Weiteren wird die Zunahme bei Masttieren beeinträchtigt und das Blutsaugen kann zu einer Verringerung des Fleisch- und Fettansatzes bei Nutzvieh führen.