REGION: «Man findet keine Schweizer, die diesen Job machen»

Trotz harter Arbeitsbedingungen arbeiten sowohl bei der Conorti AG in Haag als auch bei Giger Gemüsebau in Sevelen langjährige Mitarbeiter. Und – auch die Bauernfamilien arbeiten länger, nicht nur die Angestellten.

Katharina Rutz
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Auch in der Region Werdenberg arbeiten viele ausländische Hilfskräfte bei der Gemüseernte. (Bild: Nana do Carmo)

Auch in der Region Werdenberg arbeiten viele ausländische Hilfskräfte bei der Gemüseernte. (Bild: Nana do Carmo)

Katharina Rutz

katharina.rutz@wundo.ch

In mehreren Beiträgen der Sendung Kassensturz (Juni 2016 und Mai 2017) werden die Arbeitsbedingungen von landwirtschaftlichen Hilfskräften in der Schweiz als menschenunwürdig bezeichnet. Die Rede ist von «Hungerlöhnen» und «ausgebeuteten Knechten».

Die Arbeitsbedingungen für familienfremde landwirtschaftliche Mitarbeiter sind im Kanton St.Gallen durch den Normalarbeitsvertrag geregelt. Vom Schweizer Bauernverband werden jährlich Richtlöhne herausgegeben. Der Mindestlohn für eine landwirtschaftliche Hilfskraft bei einer 55-Stundenwoche liegt bei 3200 Franken im Monat. Für Kost und Logis dürfen maximal 990 Franken abgezogen werden. Erlaubt ist das Vereinbaren von unterschiedlichen Sommer- und Winterarbeitszeiten soweit die durchschnittliche Jahresarbeitszeit eingehalten wird.

45-Stundenwoche, wie die anderen auch

In der Region sind vor allem polnische Arbeitskräfte im Einsatz. So bei der Conorti AG, der Anbauorganisation der Verdunova AG von Beni Dürr in Sennwald. «Man findet keine Schweizer Arbeitskräfte, die diesen Job machen, ausser es handelt sich um Familienmitglieder und dies ist unabhängig vom Lohn, der bezahlt wird», sagt Beni Dürr. Von Erntehelfern oder Saisonniers spricht er nie, sondern von seinen Mitarbeitern. Er beschäftigt 35 Polen und einen ukrainischen Praktikanten. Dieser besucht auch noch Kurse an der landwirtschaftlichen Schule in Salez. 12 seiner Mitarbeiter beschäftigt er ganzjährig. Alle seine ausländischen Arbeitskräfte sind im Monatslohn angestellt und arbeiten wie alle anderen in seiner Firma 45 Stunden pro Woche. Die Löhne liegen über dem vom Schweizer Bauernverband vorgegebenen Mindestlohn. In der Haupterntesaison machen seine Erntehelfer Überstunden, die sie während ihres winterlichen Heimatbesuchs wieder kompensieren. Im Frühjahr kehren sie gestaffelt zurück. Vom Juni bis Mitte November sind dann alle Mitarbeiter im Einsatz. Die langjährigen Mitarbeiter erhalten mehr Lohn, auch Deutschkenntnisse honoriert Beni Dürr. Als Unternehmer schliesst er mit allen seinen Mitarbeitern Arbeitsverträge ab. «In ihrem Heimatland sind die Lebenskosten viel tiefer als hier», sagt Beni Dürr. Viele seiner Mitarbeiter beschäftigt er schon mehrere Jahre. Eine Erhöhung der Löhne würde unweigerlich zur Erhöhung der Preise für Früchte und Gemüse in den Läden führen, davon ist Beni Dürr überzeugt. «Die Grossverteiler würden ja nicht auf ihre Marge verzichten», so der Unternehmer. Auch Andreas Giger, Präsident der Gemüsebauvereinigung Rheintal, beschäftigt auf seinem Hof in Sevelen ausländische Hilfskräfte. Ein Praktikant aus Moldawien arbeitet für 14 Monate bei ihm. Ein Eritreer über die Hauptsaison für fünf Monate. Zudem beschäftigt er seit fünf Jahren einen Somalier. Seine Mitarbeiter arbeiten maximal 50 Stunden pro Woche. «Als Betriebsleiter arbeite ich regelmässig viel mehr Stunden in der Woche», sagt Giger. Auch Dürr bestätigt: «Jeder Bauer und die ganze Bauernfamilie arbeiten länger, nicht nur die Angestellten.» Andreas Giger betont, dass ihm als Präsident der Rheintaler Gemüseproduzenten keine Missstände hinsichtlich der Anstellungsbedingungen bei seinen Kollegen bekannt seien.

Wochenarbeitszeit soll reduziert werden

Der St. Galler Bauernverband ist daran, den Normalarbeitsvertrag zu überarbeiten. «Die Wochenarbeitszeit soll dabei gesenkt werden», sagt Geschäftsführer Andreas Widmer. Der Vertrag muss von der Regierung genehmigt werden. Die Einführung ist für nächstes Jahr geplant.