REGION: Leichter Stoff für Leseratten

Lesen fördert die Selbstständigkeit, ohne Leistungsdruck wird die Sprache gefördert und es regt zum Nachdenken an: Dies gilt auch für kognitiv schwache Jugendliche. Das Buch «Voll Risiko» soll sie ansprechen.

Mengia Albertin
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Knappe Sätze, aber ein verständlicher und spannender Inhalt – dies war eine besondere Herausforderung für die Autorin. (Bild: Mengia Albertin)

Knappe Sätze, aber ein verständlicher und spannender Inhalt – dies war eine besondere Herausforderung für die Autorin. (Bild: Mengia Albertin)

Mengia Albertin

mengia.albertin@wundo.ch

Schon oft hat das Lesen eines Buches jemandes Zukunft be­einflusst. Das ist ja schön und gut. Nur findet nicht jeder Freude daran, sich hinter einem dicken Schinken zu verschanzen und ­damit pflichtbewusst an der Zukunft zu arbeiten. Manch einer versteht gar die Worte nicht, findet keinen Zusammenhang und Sinn. Das Buch wird weggelegt. Rasch sind Leseschwache frustriert – sie können es halt eben einfach nicht.

Der hiesige Verlag «da bux» veröffentlicht jedes Jahr vier Jugendbücher, kurz und verständlich geschrieben. Die Jugend­themen werden von namhaften Autoren wie Petra Ivanov in Geschichten gepackt. Mit einem der diesjährigen Bücher scheint «da bux» eine Lücke gefunden zu haben. Das Buch «Voll Risiko» ist noch einfacher geschrieben als die restlichen Bücher des Verlags. Ansprechen soll es heilpädago­gische Schulen, Sonderschulen, aber auch jugendliche Migranten, welche in der deutschen Sprache noch nicht sattelfest sind. Autorin ist die Verlegerin Alice Gabathuler aus Werdenberg. «Ausschlaggebend für die Idee war meine Tochter», erzählt Gabathuler. Diese hatte ein Praktikum in einer heilpädagogischen Einrichtung gemacht. Die Tochter fragte ihre Mutter nach alters­gerechtem Lesestoff für die zum Teil kognitiv stark eingeschränkten Jugendlichen. Alice Gabathuler wusste, dass ein deutscher Verlag solche Bücher für Schulen ver­legte und empfahl ihr diese. «In der Schweiz werden meines Wissens nach keine altersgerechten Bücher verlegt für Jugendliche, die einfach nicht so schnell lesen können. Kinderbücher gingen, aber der Inhalt ist ein Witz für Jugendliche. Denn alle pubertieren irgendwann und entsprechend ändern sich die Themen.»

Dass Bedarf an Lesestoff für schwächere Leser da ist, bestätigt sowohl die Stiftung Mintegra in Buchs, als auch das Heilpädagogische Zentrum in Schaan HPZ. «Es ist schwierig, interessante Lektüre zu finden, die thematisch anspricht, aber zugleich auf der textlichen Ebene, also Umfang und Wortwahl, nicht überfordert», erzählt Florian Pfleger, Mittel­stufen-Lehrer am HPZ. «Kinderbücher sind für solche Jugend­liche nur bedingt geeignet.» Nur wer Interesse am Lesestoff hat, entwickle Motivation, mehr zu lesen.

«Bildung entsteht über das Nachdenken»

Dass Lesen für jedermann wichtig ist, darüber sind sich Blagica Alilovic von der Mintegra und Florian Pfleger einig. «Lesen ist Sprachförderung ohne Leistungsdruck», ist sich Alilovic sicher. «Und gleichzeitig es ist eine Selbstkontrolle über die erworbenen Sprachkenntnisse.» Sie zitiert den Laienprediger Carl Hilty, der gesagt haben soll, dass Bildung erst über das Nachdenken über das Gelesene entsteht. «Mit einem Buch wie ‹Voll Risiko› kann man die Jugendlichen dazu ermuntern, unabhängig davon, wie gut sie Deutsch beherrschen.»

«Lesen verhilft zu mehr Selbstständigkeit. Deshalb findet die Leseförderung nach wie vor ihre Berechtigung im heilpädago­gischen Kontext», informiert der Klassenlehrer Pfleger. Zum Inhalt sagt Alilovic: «Aus meiner Sicht sollten Gefahren und Risiken mit allen Jugendlichen thematisiert werden. Das Buch kann zur Diskussion anregen.»

Zum Buch sind entsprechende Arbeitsblätter vorhanden. Für den Verlag «da bux» war aber klar, dass es nicht ein «typisches» Schulbuch sein soll. «Im Buch ‹Voll Risiko› geht es um Freundschaft, Mut, Liebe und Zusammenhalt. Es kommen aber auch Wörter wie ‹Scheisse› und ‹Bullen› vor. Es soll nahe bei den Themen der Jugendlichen sein und nicht ein Schulbuch mit moralischer Botschaft», sagt die Autorin. Es sei nicht nach pädagogischem Leitfaden und «politisch korrekt». Stilistisch hat sich die Autorin aber an die «Regeln» gehalten. Die Schrift ist bewusst gross und ohne Häkchen gewählt. Auf jeder Seite sind viele Absätze, die ­Pausen beim Lesen schenken. Es sind kurze Sätze – mal sogar nur einzelne Worte. Stimmung und Atmosphäre mit einfachen Worten zu gestalten, sei sehr anspruchsvoll gewesen. «Das hatte fast schon etwas Lyrisches», lacht die Autorin.

«Unsere wichtigen Rück­meldungen kommen von den Lehrern und den Lesern. Dieser Praxistest steht jetzt an.» Florian Pfleger hat einen Teil von «Voll Risiko» bereits mit einer Klasse gelesen. «Sie waren allesamt begeistert.»