REGION: Frauenklinik wird überrannt

Ein Mangel an Gynäkologen hat sich in den vergangenen Jahren allmählich abgezeichnet. Nun ist die Lage in ländlichen Gegenden prekärer denn je. Die Frauenklinik Grabs versucht, möglichst viele Frauen aufzunehmen.

Julia Kaufmann
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Der Ärztemangel ist eine grosse Belastung für die Frauenklinik in Grabs. (Bild: Hanspeter Schiess)

Der Ärztemangel ist eine grosse Belastung für die Frauenklinik in Grabs. (Bild: Hanspeter Schiess)

Julia Kaufmann

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Im Kanton St. Gallen sind insgesamt 86 praktizierende Gynäkologinnen und Gynäkologen niedergelassen. Nach Empfehlung des Bundes müssten es gar nur 62 Ärzte sein, da 12,8 Gynäkologen pro 100 000 Einwohner vorgeschlagen werden. Und dennoch klagen viele Regionen über einen Mangel an Spezialärzten. Ein Grund dafür ist beispielsweise deren ungleichmässige Verteilung. Viele halten sich in den Ballungszentren des Kantons auf, und nur wenige lassen sich in den ländlichen Gegenden nieder.

Besonders stark zu spüren bekommt diesen Notstand momentan die Frauenklinik des Spitals Grabs. Aufgrund der angebrochenen Sommerferien platzt sie aus allen Nähten, obwohl die Ressourcen in der Klinik bestmöglich ausgeschöpft werden. Das Team der Frauenklinik ist, was kurzfristige ambulante Termine angeht, an die Kapazitätsgrenze gestossen.

Aushelfen, aber nicht konkurrenzieren

«Die momentane Situation stellt eine grosse Belastung für die Frauenklinik dar», bestätigt Chefärztin Seraina Schmid. Der Mangel an Gynäkologen in der Region sei ein grundsätzliches Problem, das durch die Sommerferien massgebend verstärkt werde. «Der Schwerpunkt einer Frauenklinik liegt in der Betreuung von Gebärenden und Schwangeren, die wegen Schwangerschaftskomplikationen hospitalisiert werden müssen. Sowie von gynäkologischen Patientinnen, von denen viele eine Operation benötigen», so Schmid weiter. Trotzdem bietet die Klinik für Frauen, die in den umliegenden Praxen nicht mehr unterkommen, unter Ausnutzung verbleibender Kapazitäten, die Räumlichkeiten sowie das Personal für Routinekontrollen an. «Wir wollen Frauen unserer ländlichen Region eine bestmögliche gynäkologische Versorgung bieten, weshalb wir diese Angebote offerieren. Damit treten wir den hiesigen Praxen aber nicht als Konkurrenz gegenüber, sondern helfen aus und schaffen Entlastung», erklärt die Chefärztin.

Da im Sommer viele Praxen Betriebsferien haben, aber keine Ferienvertretung bereitstellen, werden Patientinnen an die Frauenklinik Grabs verwiesen. «Bei uns stehen die Telefone nicht mehr still. Wir werden regelrecht mit Terminanfragen überrannt.» Ihr Bestes gebend, nutzt das Team der Frauenklinik daher jedes verfügbare Zimmer von morgens bis abends, um so viele Patientinnen wie möglich betreuen zu können.

Verständnis für die derzeitige Lage gefragt

Verständnis dafür, dass die momentane Situation nicht einfach zu stemmen ist, zeigen laut Schmid aber nicht alle Frauen: «Viele reagieren verärgert, wenn wir ihnen nicht einen baldigen Termin anbieten können. Unsere Praxisassistentinnen müssen in diesen Tagen besonders viel Geduld und Nervenstärke beweisen.» Es bliebe der Frauenklinik Grabs nichts anderes übrig als zu triagieren. «Wir können aktuell keine Jahreskontrollen oder andere Routineuntersuchungen anbieten. Sondern versuchen, der grossen Zahl an Notfallpatientinnen rasche Hilfe zu bieten.»

Dieser Gynäkologenmangel in ländlichen Regionen hat sich im Verlaufe der vergangenen Jahre verschärft. Einerseits ist es ein offenes Geheimnis, dass Ärzte ihren Niederlassungsstandort nach dem Kriterium der vorhandenen Infrastruktur aussuchen, die in Städten vermehrt vorhanden ist.

Andererseits haben sich aber auch die Denkweise sowie die Ansprüche vieler Patientinnen in den vergangenen zehn Jahren verändert: «Früher sind die Frauen weniger zum Facharzt, sondern mehrheitlich zu ihrem Hausarzt gegangen, um gynäkologische Untersuchungen durchführen zu lassen», erklärt Schmid.

Nachhaltig gegen den Engpass ankämpfen

Heutzutage hingegen bevorzugen viele den Spezialisten. Zudem bieten nur noch wenige Hausärzte gynäkologische Untersuchungen an.

Dem lokalen Mangel aktiv sowie effektiv entgegenzuwirken, ist seit langem das Ziel der Frauenklinik Grabs. Man ist bestrebt, in Walenstadt eine langfristige Lösung anzustreben: «Wir bilden junge Ärzte aus, damit diese später selbst mit dem Gedanken ‹aus der Region für die Region› eine Niederlassung im Werdenberg, im Rheintal und im Sarganserland anstreben. Dies ist meiner Meinung nach der beste und nachhaltigste Weg, um den lokalen Fachärztemangel zu beheben», erläutert die Chefärztin der Frauenklinik. 5