REGION: Entspannung ohne Rausch

Bei regionalen Anbietern wie dem Pocoloco-Shop oder der Hanftheke Buchs ist die Nachfrage nach dem Hanfprodukt Cannabidiol gross. Die Produkte sind gesetzeskonform und sollen nur die positiven Eigenschaften der Pflanze aufweisen.

Mengia Albertin
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Die Hanfpflanze enthält über 80 sogenannte Cannabinoide. Zwei davon sind THC und CBD. (Bild: Susann Basler)

Die Hanfpflanze enthält über 80 sogenannte Cannabinoide. Zwei davon sind THC und CBD. (Bild: Susann Basler)

Mengia Albertin

mengia.albertin@wundo.ch

Das legale Hanfprodukt Cannabidiol (CBD) erobert die Schweiz. Der Grossverteiler Coop stand vor kurzem in den Schlagzeilen, weil er neuerdings Zigaretten mit CBD verkauft. Das Geschäft boomt. Auch regionale Anbieter wie der Pocoloco-Shop an der Bahnhofstrasse in Buchs oder die neu eröffnete Hanftheke in Buchs bestätigen die Nachfrage nach CBD-Produkten. Bisher ist wegen fehlender Studien über negative Nebenwirkungen oder Langzeitschäden wenig über den Hanf-­Inhaltsstoff CBD bekannt. Fest steht aber, dass er positive Auswirkungen wie Entspannung, Krampflösung und Schmerzhemmung haben kann. «Wir stehen vor einem neuen Weltmarkt, der noch ganz am Anfang steht», ist sich Daniele Schibano, Firmengründer und Geschäftsführer der Swiss Cannabis SA, sicher.

«Hanf wird mit Drogen in Verbindung gebracht»

Seit August 2016 verkauft der ­Pocoloco-Shop in Buchs den CBD-Hanf in Form von Tabakersatz. «Die Nachfrage ist seit August sehr gross und wird nicht weniger», sagt Javier Alvarez von ­Pocoloco. Seit dem 8. Juli bietet auch die Hanftheke im City-Gebäude an der Bahnhofstrasse verschiedenste Produkte mit Hanf an. Mit dem Inhaltsstoff CBD werden Blüten, Öle, Tropfen und Liquids für E-Zigaretten verkauft. Ohne CBD finden sich in den ­Regalen aber auch Hanfmüsli, -samen, -tee, -gebäck, -ölkapseln, -mehl und -nudeln. Das Interesse an diesen Produkten sei definitiv bei allen Altersklassen da, sagt Tatiana Martinez, Geschäfts­führerin der Hanftheke Buchs. Während sich jüngere Käufer von CBD-Produkten hauptsächlich eine Linderung von Verspannungen und Rückenschmerzen versprechen, setzen ältere Personen auf die Hilfe des CBD bei Schlafschwierigkeiten. «Die Leute sind aber noch etwas scheu, weil Hanfprodukte oftmals negativ be­haftet sind und automatisch mit Kiffen oder Drogen in Ver­bindung gesetzt werden», sagt Martinez. Viele blieben im Vorbeilaufen vor dem Schaufenster stehen, trauen sich aber nicht, reinzukommen.

Der Laden ist in schlichtem Weiss und Holz gehalten. «Wir wollen uns von den Hanf-­Klischees abgrenzen und verkaufen deshalb auch keine typischen ‹Kifferutensilien› und nur Hanfprodukte aus der Schweiz und Europa», so Martinez. Die Hanftheke Buchs ist die erste der Shop-Kette in der Ostschweiz. Alle Hanftheken werden von der Schweizer Firma Swiss Cannabis SA geführt. Diese hat sich auf ­Genetikentwicklung, Anbau und Wirkstoffgewinnung der Pflanze spezialisiert. Die Hanftheke Buchs verkauft den CBD-Tabakersatz, wie der Pocoloco-Shop, nur an Personen über 18 Jahren. Denn ein minimaler Gehalt an psychoaktivem Tetrahydrocannabinol (THC) sei beim Tabak nicht auszuschliessen. Dies gelte nicht für die CBD-Tropfen der Hanftheke, informiert Daniele Schibano. «Das THC wird mittels eines komplexen Verfahrens heraus­getrennt. Tropfen in öliger oder wasserlöslicher Form erreichen eine Reinheit von bis zu 99 Prozent und sind allesamt frei von THC».

CBD ist keine psychoaktive Substanz

Viele bringen das neue Hanf­produkt CBD mit THC, Verbot, Gesundheitsschäden oder Sucht in Verbindung. Die beiden Stoffe stammen zwar von derselben Pflanze, die Wirkung unterscheidet sich jedoch in einem wesentlichen Punkt: Das THC ist im Ge­gensatz zum CBD eine psycho­aktive Substanz.

In der Hanfpflanze sind über 80 sogenannte Cannabinoide enthalten. Zwei davon sind THC und CBD. Das THC ist in den meisten Hanfpflanzenarten das am häufigsten vorkommende Cannabinoid. Wie die Hanftheke schreibt, finden sich aber immer öfter Pflanzen-Variationen mit mehr CBD-Gehalt. Die Wirkung des THC ist mehrheitlich bekannt: Der typische Rauschzustand regt den Appetit an und verstärkt die Gefühle. Dabei können mehrere Emotionen wie Angst, Scham und Freude gleichzeitig vorhanden sein. «Weil das THC eine psycho­trope Substanz ist, ver­ändert es aber auch die Wahr­nehmung und die Empfindung und es kann ernst zu nehmende Psychosen auslösen», sagt ­Alexander Jörg, Suchtberater der Sozialen Dienste Werdenberg. «Bei THC-haltigen Produkten besteht ausserdem die Gefahr einer psychischen Abhängigkeit. Probleme können durch die beruhigende Wirkung vergessen gehen und müssen so nicht angegangen werden. Man wird aber passiv, kann sich nicht konzentrieren, vergisst viel. Und es kann soweit kommen, dass man am Morgen nicht mehr aufstehen mag, weil alles ‹sowieso egal› wird.»

Das CBD weicht von der molekularen Struktur des THC leicht ab und wirkt aufgrund dieses Unterschieds nicht psychoaktiv. «Das heisst, dass durch den ­Konsum kein Rausch ausgelöst, und die Wahrnehmung nicht be­einflusst wird», erklärt Jörg. Das CBD behalte aber die positiven Effekte der Hanfpflanze, sagt ­Tatiana Martinez von der Hanftheke Buchs. Es gibt Erfahrungsberichte und einzelne Studien über die Wirkung des CBD. Es soll muskelentspannend, schmerzhemmend, krampflösend, entzündungshemmend, angstlösend und entspannend sein und gegen Übelkeit helfen. Obwohl noch keine medizinische Wirkung des CBD durch Studien gesichert ist, diskutieren Wissenschaftler und Ärzte bereits mögliche therapeutische Wirkungen gegen Depressionen, Schlafstörungen, Psychosen, Epilepsie, Krebs und Angststörungen. Bisher sind nämlich keine unerwünschten Begleiterscheinungen durch den Gebrauch von CBD bekannt. «Bis abschliessende Antworten auf die Fragen zur Wirkung, Nebenwirkung und möglichen Schäden von CBD gegeben werden können, braucht es Langzeitstudien», sagt Jörg. Diese laufen über einen Zeitraum von mindestens drei bis fünf Jahren.

Ob ein Abhängigkeitspotenzial besteht, könne ebenfalls erst dann gesagt werden. «Es darf aber nicht vergessen werden, dass der CBD-Tabakersatz mit Nikotin zusammen geraucht wird. Das Nikotin macht ab­hängig und die schädlichen Auswirkungen davon sind bekannt», sagt der Fachmann von der Suchtberatung.