REGION: Das Unglücksjahr 1927

Katastrophale Rheineinbrüche brachten das Fürstentum Liechtenstein an den Rand einer Hungersnot. Auch wenn der Rheindamm nach und nach stabilisiert und verbaut wurde: Der 25. September 1927 brachte dem Land viel Leid.

Desirée Vogt
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Land unter: Die Folgen des Dammbruchs Tage später auch bei Ruggell sind noch verheerend. (Bild: Foto Heim, Dornbirn, 26. September 1927)

Land unter: Die Folgen des Dammbruchs Tage später auch bei Ruggell sind noch verheerend. (Bild: Foto Heim, Dornbirn, 26. September 1927)

Desirée Vogt

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Die älteste Nachricht von Überschwemmungen ist aus dem Jahre 1343 überliefert – nach und nach wurden die Rheinverbauungen immer wirksamer. Sie boten aber keinen hundertprozentigen Schutz. Das wurde den Liechtensteinern am 25. September 1927 schmerzlich bewusst. An diesem Tag prasselte der Regen unaufhörlich in noch nie da gewesener Menge nieder – auch in den Bündner Bergen, wo sich der ­erste Schnee zeigte. Unter dem Einfluss des warmen Gewitterregens löste sich dieser auf und stürzte als Wildwasser ins Tal. Um 8.30 Uhr am nächsten Morgen stand der Pegel bereits bei 8,30 Meter, fünf Stunden später bei 9,30 Meter. Der Rhein führte ­circa 2500 m3 Wasser pro Sekunde mit sich.

«Es beginnt ein Rennen mit der Zeit»

Dann überschlugen sich die Ereignisse. Bäume, Tannen und anderes Gehölz verfingen sich in der Rheinbrücke Buchs–Schaan und stauten das Wasser. Gegen 17.30 Uhr hielt die Brücke den Wassermassen nicht mehr stand, hob sich am Verbindungsstück mit der Strasse ab und drehte sich ab. Während die Männer noch versuchten, einen Teil der Brücke zu retten, erzitterte plötzlich der Rheindamm: Er gab dem Druck der gewaltigen Wassermassen nach. Hansjakob Falk schrieb: «Es beginnt ein Rennen mit der Zeit, um sein eigenes Leben zu retten!» Im Dorf suchten ­Menschen auf schwankenden Bäumen Sicherheit, doch das Wasser forderte auch zwei Opfer: Alexander Prestl und seine Frau werden vom Hochwasser überrascht und weggespült.

Am nächsten Tag zeigte sich: Der Dammriss hatte sich auf 380 Meter erweitert, der Bahndamm war auf einer Länge von 300 Metern weggespült. Der Grossteil des Kulturbodens war vernichtet und von Kies und Schlamm überdeckt.

Viele Menschen hatten ihr Hab und Gut verloren und standen ohne schützendes Dach da. Unbewohnbare Häuser standen wochenlang unter Wasser. Geld, Kleider und Nahrungsmittel waren das Wichtigste. Eugen Nipp verfasste eine Broschüre «Hilf! Ein Land in Not», die in alle Welt verschickt wurde.

Helfer aus der Schweiz und Vorarlberg waren mit der Schliessung der Dammlücke beschäftigt. Doch das war nicht recht­zeitig zu schaffen: Am 10. November schwoll der Rhein erneut an, Material und Brücke wurden erneut weggespült, erneut standen zahlreiche Häuser unter Wasser. Und dann kam der Winter. Schaan nahm die Schliessungsarbeiten selbst an die Hand. Am 24. Dezember, um 16 Uhr, war der Rhein gebannt und wieder in sein altes Bett zurückgedrängt.

Gedenkstein dient auch als Warnstein

Sechs Jahre später wurde ein Gedenkstein eingeweiht. Pfarrer Anton Frommelt sagte damals: «Der Gedenkstein erinnert an das furchtbare Unglück … das unser Volk erschüttert hat. Er soll ein Gedenkstein sein all ihrer Opfer für alle Zukunft. Aber auch der Lebenden soll er uns gedenken, all der zahllosen, die mitgeholfen haben an der Aufbauarbeit, an die Arbeit, an die Liebe, die selbstlos gegeben wurde …»

Doch Pfarrer Frommelt wies auch auf die Pflicht zur Vorsorge hin: «Unser Gedenkstein will aber auch Warnstein sein. Liechtenstein hat am Rhein einen Vesuv. Wir sind mit ihm vertraut. Ge­bürtig in den Bergen Graubündens ist er ein loser Geselle, der da und dort einmal seine Wassermassen wieder über das Land werfen kann. Wir wollen uns unserer Pflicht bewusst und wachsam sein, dass nicht ähnliches Unglück uns treffe!»