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REGION: Das Dirndl sticht die Tracht aus – aber nicht überall

Das Dirndl wird immer beliebter. Frauen erscheinen damit inzwischen auf Volksfesten und Konzerten. Dabei hat die Ostschweiz viele eigene Trachten. Die Trachtenvereine nehmen den «Dirndl-Boom» aber gelassen.
Martin Rechsteiner
Dirndl-Trägerinnen am Konzert von Andreas Gabalier im Juni 2017 im Kybunpark in St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Dirndl-Trägerinnen am Konzert von Andreas Gabalier im Juni 2017 im Kybunpark in St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Martin Rechsteiner

martin.rechsteiner@tagblatt.ch

Die Invasion kommt aus dem Osten. Der Eindringling ist aus Blusenstoff, mit Schleifen, Blumen-Stickereien und Ausschnitt – das Dirndl, ein Trachtenkleid aus Österreich und Bayern, erlebt hierzulande einen Siegeszug. Getragen wird es längst nicht mehr nur auf dem Oktoberfest, die ursprüngliche Alpen-Arbeitstracht hat sich auch an Konzerten, Dorffesten und gar an Hochzeiten zum beliebten Kleidungsstück gemausert.

Eine bayrisch-österreichische Alpentracht für alle? Man staunt: Gerade die Ostschweiz hat doch selbst eine Vielzahl traditioneller Trachten zu bieten, die weit über den bekannten Appenzeller Look hinausgeht. Die Gewänder, dem hiesigen Brauchtum entstammend, sind in unserer Gegend jedoch nur an wenigen Anlässen zu sehen. Es scheint wirklich so: Wer traditionell sein will, trägt Dirndl.

Das Toggenburg trägt sie aus Tradition und Stolz

Ist das bayrische Kleidungsstück tatsächlich daran, die Ostschweizer Trachten zu verdrängen? «Ich glaube nicht, dass das Dirndl unseren Trachten Konkurrenz macht», sagt Monika Schmalbach-Frischknecht. Sie ist die Präsidentin der Trachtenvereinigung Appenzell Ausserrhoden. «Das Dirndl ist eine reine Fest­bekleidung, während die tradi­tionelle Tracht für das lokale Brauchtum steht.» So werde diese im Appenzellerland vor allem für Anlässe wie Alpauf- und abzüge oder Abendunterhaltungen von Jodelvereinen getragen. «Da würde niemand im Dirndl auftauchen.» Wer das lokale Brauchtum zelebrieren wolle, ziehe dafür immer eine hiesige Tracht an. «Und mir scheint sogar, als ob Brauchtum für die Leute wieder zunehmend wichtiger wird.» Auch Marianna Nyffeler, Präsidentin der Thurgauer Trachtenvereinigung, sagt: «Ein Dirndl kann keine Tracht ersetzen, da es nicht dasselbe ist.» Eine echte historische Tracht werde in der Ostschweiz gefertigt, koste schnell Hunderte oder gar Tausende Franken und sei meist etwas, das eine Frau während ihres ganzen Lebens behalte. «Ein Dirndl hingegen ist ein Mode-Kleidungsstück», sagt sie. Die wenigsten, die ein Dirndl kaufen, würden sich eine Tracht anschaffen. «An ein Dorffest ginge ich nie mit meiner Tracht.» Zu gross sei das Risiko, dass das kostbare Stück dabei in Mitleidenschaft gezogen werde. Hans Schaer, Obmann der St. Gallischen Trachtenvereinigung, sieht ebenfalls keine Konkurrenz zwischen den beiden Kleidungsstücken. «Auch in Österreich und Bayern gibt es nebenher noch traditionelle Trachten», sagt er. Sowohl dort als auch hier in der Ostschweiz seien diese tief in der Kultur verankert. «Im Kanton St. Gallen ist etwa das Toggenburg eine Region, wo die lokalen Trachten noch viel Tradition haben.» In der Trachtenvereinigung sei es aber nicht ganz einfach mit dem Nachwuchs, sagt Schaer. Gerade aus den städtischen Gebieten gebe es weniger Mitglieder.

«Trachten sind zu konservativ»

Franziska Rohner-Paky, Inhaberin der Mode- und Trachtenstube Romoda in Appenzell, weiss, was ein Grund dafür sein könnte: «Die Schweizer Trachtenvereine haben es verpasst, offener zu werden und die Trachten auf die Bedürfnisse der Jungen anzupassen», sagt sie. Zu konservativ seien die Vorschriften beim Tragen einer Tracht. «Strümpfe, freie Auswahl bei den Schuhen, sich grosszügig schminken – all das gibt es für Trachtenträgerinnen nicht.» Das sei sicher ein Grund, weshalb das Dirndl in der Modewelt angelangt sei, und nicht die traditionelle Tracht. Bernhard Tschofen, auf die Kultur des Alpenraums spezialisierter Professor an der Universität Zürich, bestätigt: «Historische Trachten sind für Junge zu teuer, zu geschlossen und oft auch zu unbequem. Manche sind schwer und machen es zum Teil sogar schwierig, in ein Auto zu steigen.» Das Dirndl passe hingegen besser zum Zeitgeist. «Es steht für Lebensfreude, Sexyness und Freiheit, schränkt die Trägerin viel weniger ein.» Zudem verkörpere es eine alpine Romantisierung, welche viele aus der Tourismuswerbung kennen.

Auch Tschofen findet aber, dass Dirndl und Tracht kaum miteinander verglichen werden können – das eine stehe für Feststimmung, das andere für Kultur und Brauchtum. «Das Dirndl als modisches Kleidungsstück ist zudem nicht neu», sagt er. Schon um 1900 sei es als einfaches Sommerkleid von Städterinnen geschätzt worden. Seither habe es immer wieder «Dirndl-Booms» gegeben. Die traditionellen Trachten ausgelöscht haben diese aber nie.

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