REGION: Auswirkungen eines Lebens am Existenzminimum

Die Caritas St. Gallen-Appenzell setzt sich mit vielfältigen Massnahmen für Armutsbetroffene ein. «Armut nimmt zu, ist aber selten sichtbar», sagt Lorenz Bertsch, Leiter der für die Region zuständigen Stelle in Sargans.

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Armutsbetroffene und Armutsgefährdete, Familien ebenso wie Alleinstehende, schämen sich für ihre Situation. Sie sprechen nicht darüber und ziehen sich aus der Gesellschaft zurück. Besonders gravierend ist dies für Kinder, die dadurch ausgegrenzt sind. Die Armutsrisiken sind zahlreich: steigende Krankenkassenprämien, Lohneinbussen bei Krankheit oder Arbeitslosigkeit, fehlender bezahlbarer Wohnraum für Menschen mit kleinem Budget usw. Dass es so viele Working Poor gibt, Menschen, die trotz Erwerbstätigkeit nicht genug verdienen, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können, ist ein Armutszeugnis für die Schweiz. Wer nicht selbst betroffen ist, kann sich kaum vorstellen, was das Leben am Existenzminimum bedeutet.

Trottoir wird durchgehend gebaut

Im Wirkungskreis von Caritas St. Gallen-Appenzell sind rund 40 000 Menschen armutsbetroffen und beinahe 75 000 armutsgefährdet, heisst es im aktuellen Jahresbericht. Für sie erbringt die Caritas im Auftrag des Bischofs und des katholischen Konfessionsteils kirchliche Sozialberatung und Schuldenberatung. Viele der Betroffenen sind Working Poor; Alleinstehende, Alleinerziehende und Familien, deren Einkommen trotz Erwerbstätigkeit am oder knapp unter dem Existenzminimum liegt. Diese Menschen haben grundsätzlich keinen Anspruch auf Sozialhilfe oder Ergänzungsleistungen zur IV oder AHV und sind völlig auf sich alleine gestellt.

Im Jahr 2017 wurden insgesamt 444 Haushalte beraten und 355 Kurzberatungen (Beratungsdauer bis 30 Minuten) durchgeführt. Diese hohen Fallzahlen sind mit grossem personellen Aufwand verbunden und bringen die Leistungserbringung an ihre Grenzen. Unbürokratische finanzielle Überbrückungshilfe kann etwa Wohnungsverlust oder Stromabschaltungen verhindern, eine dringende nötige Zahnbehandlung ermöglichen oder sicherstellen, dass die Familie genügend Geld für Lebensmittel hat.

Im vergangenen Jahr wurden über 220 000 Franken an finanzieller Überbrückungshilfe und Unterstützung geleistet. Während sich mehrheitlich Frauen an die Sozialberatung wenden, sind es bei der Schuldenberatung öfter Männer. Am häufigsten betroffen ist die Altersgruppe zwischen 31 bis 50 Jahren. In dieser Gruppe kommt es besonders oft zu Krankheit, Unfall, Scheidung oder Arbeitslosigkeit.

Die Kennzahlen zeigen auch, dass die Verschuldung bei Jugendlichen stark zugenommen hat. Sind diese erst einmal in der Schuldenspirale gefangen, steigt die Gefahr, dass sie früher oder später armutsbetroffen werden. Mit einer Präventionsfachstelle für Budget- und Finanzkompetenz könnten Jugendliche und Erwachsene die nötigen Kompetenzen erwerben, um sich vor Schulden zu schützen. Leider fehlen der Caritas die nötigen Finanzen um eine Präventionsfachstelle aufzubauen, so Regionalleiter Lorenz Bertsch weiter. (pd)