«Räder waren wichtiger als Velo»

Ex-Radprofi Rolf Järmann war schon immer mit Leib und Seele Fan von zwei Rädern – aber ohne Motor. Zu Aktivzeiten pflegte er ein spezielles Verhältnis zu Rädern. Seinen Enthusiasmus zum Radfahren konnten auch Stürze nicht stoppen.

Robert Kucera
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Heute fährt Ex-Radprofi Rolf Järmann nur noch zum Geniessen Rennvelo. (Bild: Robert Kucera)

Heute fährt Ex-Radprofi Rolf Järmann nur noch zum Geniessen Rennvelo. (Bild: Robert Kucera)

SEVELEN. «Ich bin ein Wettkampftyp und brauche Konkurrenten», sagt Rolf Järmann über sich. Seine grössten Erfolge feierte der ehemalige Radrennprofi in den Neunzigerjahren. Sein Ehrgeiz führte ihn regelmässig an die Tabellenspitze, mit Köpfchen entschied er Rennen für sich. Das Radfahren wurde ihm väterlicherseits zwar schon in die Wiege gelegt. Doch erst musste Järmann verlieren. «Im Prinzip muss man sich mit Niederlagen auseinandersetzen. Man kann erst stolz auf das Erreichte sein, wenn man vorher Niederlagen erlebt hat.» Und schlägt man die Konkurrenten, die einem zuvor davon gefahren sind, ist die Befriedigung um einiges grösser als die eines Seriensiegers.

«Nicht normal zu gewinnen»

Zumal das Siegen nicht leicht ist. «Im Radsport ist es nicht normal, zu gewinnen. Es sind 200 Fahrer am Start – und einer gewinnt. Im Fussball stehen zwei Mannschaften auf dem Platz. Das Risiko, zu verlieren, ist kleiner als im Radsport», rechnet Rolf Järmann vor. Als grösste Erfolge stehen in seinen Palmarès unter anderen zwei Etappensiege an der Tour de Suisse, je einen an der Tour de France und am Giro d'Italia. Ein Blickfang sind natürlich die zwei Erfolge am Rad-Klassiker Amstel Gold Race.

Drei Siege in fünf Tagen

Am meisten stolz ist der heute 49-Jährige aber auf jene fünf denkwürdigen Tage, an denen er drei verschiedene Rennen für sich entschieden hat. «Es waren drei verdammt harte Rennen», erinnert sich Järmann. «Die ersten beiden waren WM-Ausscheidungsrennen in Italien. Von der Topographie und von der Fahrweise waren solche Wettkämpfe immer am härtesten», berichtet der Seveler. Nach zwei Siegen wurde er nach Hause geschickt. Rolf Järmann fuhr aber gleich noch ein grosses Rennen in Frankreich – und siegte.

Drei Stürze bei den Premieren

Doch aller Anfang ist schwer. Auf Stützrädern war Järmann jedoch nie unterwegs. Er wechselte direkt von seinem roten Dreirad auf sein allererstes Velo. «Ich ging damals in die 1. Klasse», erzählt Järmann, «als wir mein erstes Velo in Romanshorn kauften.» Den Heimweg nach Arbon nahm er sogleich unter die Räder – es überschlug ihn dreimal. «Trotzdem war ich stolz.»

Sein Vater fuhr bereits Amateurrennen, der kleine Rolf sah dessen Rennräder im Keller mit viel Bewunderung an. «Da war für mich klar, dass ich auch mal Velo fahren will.» Mehr noch: Als Kind war ihm schon klar, dass er Radprofi werden wollte. Sein erstes Rennen war die «Züri Metzgete», die er in der Anfänger-Kategorie meisterte. Am Schluss des ersten Felds kam er in etwa 50. Position ins Ziel. «Ich bin dreimal gestürzt», erinnert sich Järmann mit einem Schmunzeln und fügt bei, dass er damals «hochglücklich» gewesen sei. Die Karriere nahm ihren Lauf.

«Den Funk verbieten»

Eine Karriere, so glaubt der ehemalige Radprofi, die in der heutigen Zeit nicht mehr so glanzvoll verlaufen wäre. «Das Hauptproblem ist der Funk», so Järmann. «Der Sportliche Leiter kann aus dem Auto dem Rennfahrer Anweisungen geben. Dadurch hat der Rennfahrer verlernt, selber zu denken. Er ist nur noch eine Steuereinheit des Sportlichen Leiters.» Rolf Järmann nimmt kein Blatt vor den Mund und sagt: «Wenn der Radsport interessanter werden soll, muss man den Funk verbieten.»

Der gebürtige Thurgauer meint zu seinen Erfolgen: «Dazumal hatte man mehr taktische Möglichkeiten. Ich war deshalb so erfolgreich, weil ich den Kopf benutzt habe.» Mit Vergnügen erzählt Rolf Järmann, wie er die 8. Etappe der Tour de Suisse 1990 gewonnen hat. Mit Schauspielerei, wie er es nennt, habe er den Sieg davon getragen. «Das Tempo meiner Führungsarbeit war einen halben Stundenkilometer langsamer als das der anderen. Da dachten alle, dass der Järmann kaputt sei. Am Lukmanier liess ich mich extra abhängen. Da dachten sie, der Järmann kommt ja nicht mal den Lukmanier hoch, der ist wirklich kaputt.» Doch er schaffte wieder den Anschluss, gemeinsam ging es in die letzte Steigung zum Zielort Lenzerheide. «Ein Angriff – und weg war ich», beschreibt er die Entscheidung.

«Ich hatte das letzte Wort»

Die grosse Stärke Järmanns war sein Scharfsinn im Wettstreit. Seine Passion waren die Räder. «Die Räder waren wichtiger als das Velo», sagt der Ex-Radprofi. Er gehörte zwar den Anti-Freaks an, die man einfach aufs Velo setzen konnte – und los ging's. «Doch Räder waren immer speziell. Bei wichtigen Rennen habe ich extrem darauf geschaut, mit welchen ich fahre.» Der 49-Jährige erklärt, dass er nur dann ein gutes Rennen fuhr, wenn die richtigen Räder montiert waren. «Ich habe sie immer selber bestimmt. Auch wenn der Mechaniker widersprach. Ich hatte das letzte Wort.»

In einem Tag von 100 auf 0

1999 beendete Rolf Järmann seine Karriere. «Ich habe das Rennvelo mit der Startnummer in eine Ecke gestellt.» Somit war die von Ehrgeiz geprägte Laufbahn abgeschlossen. Abrupt wurde er vom Radrennfahrer zum Geniesser, «innerhalb eines Tages ging der Ehrgeiz von 100 auf 0 Prozent.»

Den zwei Rädern ist er allerdings noch heute treu. «Es ist die schönste Sportart von allen.» Früher war es das Training, das viele Möglichkeiten bot (wechselnde Routen, den Tag selber einteilen), heute ist es die vorbeiziehende Landschaft, die Järmann schätzt. Wenn es aufs Rad geht, ist er aber nicht der Patron der Familie. Seine Frau oder sein Sohn geben den Takt an – und er fährt gerne mit.

Die Zeit im Sattel hat ihn geprägt. «Ich war als Kind relativ unsportlich. Nun bin ich sportlicher als dazumal. Joggen, Skifahren, Langlauf», zählt er auf und ergänzt, dass er im Fussball nicht mehr der grösste Idiot sei, den man nur ins Tor stellen kann. «Ohne diese Karriere wäre ich heute ein Anti-Sportler.»

Bild: ROBERT KUCERA

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