PROZESS: IV-Rentner wütete «wie im Wahn»

Wie kommt jemand dazu, mit einem Hammer auf seinen Vater und seine Stiefmutter einzuschlagen? Antworten darauf sucht das Kreisgericht See-Gaster.

Pascal Jäggi
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Pascal Jäggi

ostschweiz@tagblatt.ch

Ein unauffälliger Mann mit schütteren Haaren sitzt gebückt neben seinem Verteidiger. Emotionslos beantwortet er die Fragen des Vorsitzenden Richters. «Ich weiss es nicht mehr» oder «Ich kann es mir nicht erklären», sagt er häufig. Unfassbar, dass dieser 47-Jährige im Dörfchen Walde am Ricken ein regelrechtes Blutbad angerichtet hat. Am 22. Januar 2015 war es, als er mit einer Pistole auf den Pächter des elterlichen Hofes losgegangen war. Er drückte mehrfach ab und verletzte den Mann. Erst als sich dieser zu einem Nachbarn rettete, gab der Schweizer auf. Doch statt nach Hause zu fahren, tauchte er kurz danach beim Haus des Vaters auf. Er habe einen Vorschlaghammer genommen und auf seine Stiefmutter eingeschlagen, die vor dem Haus gestanden sei, sagt der Beschuldigte. Wie oft, wisse er nicht mehr genau. Die Frau starb. Im Haus sei er auf seinen über 80-jährigen Vater zugegangen und habe mit dem Acht-Kilo-Hammer zugeschlagen. Der Vater überlebte schwer verletzt.

Ein Kabel auf dem Vorplatz regte ihn fürchterlich auf

Das alles erzählt er gestern am Prozess am Kreisgericht See-Gaster ohne Regung. Schwer wird die Stimme nur, als er von seiner Vergangenheit als Landwirt und Lastwagenfahrer spricht. Er sei «wie in einem Wahn» gewesen, versucht er sich zu rechtfertigen. Auslöser sei ein Kabel gewesen, das auf dem Vorplatz lag. Das habe ihn fürchterlich aufgeregt. Dies vor dem Hintergrund, dass er den Hof des Vaters hätte weiterführen sollen. Wegen eines Nierenleidens war der 47-Jährige zum IV-Rentner geworden. Zwar führte er einige Jahre den Hof. Nach einer Nierentransplantation musste er aber aufgeben. Der Vater kaufte den Hof zurück und verpachtete ihn.

Diese Geschehnisse führten gemäss Staatsanwalt zu den Taten. Der Beschuldigte habe sich als eigentlichen Chef des Hofes gesehen. Gerne hätte er darüber bestimmt. Um dieses Ziel zu erreichen, habe er die drei Personen, die ihm im Weg standen, aus dem Weg räumen wollen, erklärte der Staatsanwalt. Das habe er sogar mehrmals offen im Dorfladen in Walde so gesagt. Einen «Jugo» wolle er dafür anheuern.

Narzisstische Störung oder gar Schizophrenie

Die Taten seien geplant gewesen, so der Staatsanwalt. Den 47-Jährigen bezeichnete er als Gefahr für die öffentliche Sicherheit, was auch der Verteidiger bestätigt. Alle, die mit dem Hof zu tun hätten, seien gefährdet, so der Staatsanwalt. Der Beschuldigte habe mit unfassbarer Brutalität gehandelt: «Es ist reines Glück, dass wir nicht wegen eines Dreifachmordes hier sind.» Der psychiatrische Gutachter bezeichnet den Mann als nicht therapierbar. Man könne mit ihm nicht über seine Taten sprechen. Er habe eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, sei aber voll schuldfähig. Nur er und sein Nierenleiden seien wichtig.

Eindrücklich erzählt der Staatsanwalt aus den Einvernahmen. Auf den schwer verletzten Vater angesprochen, habe er nur gemeint: «Tja, mir geht es auch schlecht. Der ist schon über 80.» Der Staatsanwalt fordert darauf 20 Jahre Gefängnis und Verwahrung.

Der Verteidiger hat wenig Spielraum. Aufgrund des Gutachtens müsse man auf Mord schliessen. Doch die Psychiaterin, die den Mann im Gefängnis betreut hatte, macht schizophrene Züge aus. Tatsächlich ist Schizophrenie in seiner Familie weit verbreitet. Der Verteidiger fordert ein zweites Gutachten, um dies zu klären. Das Gericht wird dies besprechen und das Urteil später schriftlich zustellen.