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PRESSEKONZENTRATION: Die letzten Tage der «Ostschweiz»

Vor gut 20 Jahren verschwand die zweitgrösste St. Galler Tageszeitung «Die Ostschweiz» – sie hatte vergeblich gegen den Auflage- und Inserateschwund gekämpft. Zurück blieb als gestärkte Forumszeitung das «St. Galler Tagblatt».
Marcel Elsener
«Ostschweiz»-Redaktionssitzung in guten Zeiten Mitte der 70er-Jahre: Klaus Ammann, Rosmarie Früh, Hermann Bauer, Edgar Oehler (Chefredaktor), Hans Stadelmann, Martin Husy und Beat Antenen (von links).

«Ostschweiz»-Redaktionssitzung in guten Zeiten Mitte der 70er-Jahre: Klaus Ammann, Rosmarie Früh, Hermann Bauer, Edgar Oehler (Chefredaktor), Hans Stadelmann, Martin Husy und Beat Antenen (von links).

Marcel Elsener

marcel.elsener

@tagblatt.ch

Die Ostschweiz werde abgehängt, lautet eine alte Klage, wenn in Bundesbern oder im Millionenzürich wieder einmal Entscheide zu Ungunsten des östlichen Landesteils fallen. Am Tag vor Weihnachten 1997 war das buchstäblich der Fall: Handwerker in der St. Galler Innenstadt hängen die Leuchtbuchstaben der Ostschweiz ab, drinnen im Gebäude am Oberen Graben 8 wird an ihr aber noch gearbeitet. Nicht die Gegend, aber die Zeitung «Die Ostschweiz» steht vor dem Untergang: Am 31. Dezember 1997 erscheint die zweitgrösste St. Galler Tageszeitung in ihrem 124. Jahrgang zum allerletzten Mal. «Das war’s» titelt sie zum Abschied und füllt das Blatt mit Erinnerungen der 22 Redaktionsmitglieder.

Im Vormonat waren in der Stadt dunkelgrau-unheilvolle Plakate aufgetaucht, auf denen nichts anderes stand als: «Die letzten Tage der Ostschweiz». Eine Aktion des Kulturmagazins «Saiten», das damit seine Sondernummer im Dezember bewarb. Im schnell vergriffenen Heft wurde das «Zeitungsbeben» analysiert, kamen frühere «Ostschweiz»-Mitarbeiter zu Wort. Wie Rosmarie Früh, die mit dem legendären Stadtredaktor Hermann Bauer «Daa töör nöd woor sii!» ausrief, oder SRF-Ostschweiz-Korrespondent Erich Gmünder, der das Profil der Zeitung mit ihrer «gewissen Narrenfreiheit und Unberechenbarkeit, katholisch-barocken Vielfalt und Wildwuchs» lobte, aber nostalgische Gefühle unterdrückte: «Auch unverbesserliche Träumer müssen einsehen, dass für Zeitungen von der Grösse der O im hart umkämpften Medienmarkt der Zukunft kein Platz mehr ist.» Der Schriftsetzer Zeno Beer, nach 19 Jahren bei der «Ostschweiz» vor der Arbeitslosigkeit, machte sich keine Illusionen: «Uns haben die fehlenden Inserate das Genick gebrochen. Dass es uns bald nicht mehr gibt, ist den meisten Leuten doch egal. Das geht bei der heutigen Informationsflut glatt unter.»

Viel Bedauern, aber keine Reaktion oder Rettungstat

Einige Protestnoten, da und dort Leserbriefe, ein Podium der Journalistenverbände – schon im Dezember hatte sich das Publikum mit dem Ende der Zeitung abgefunden. Die Abonnenten sollten ab 1. Januar das «St. Galler Tagblatt» erhalten, das die noch gut 22000 Abonnemente sowie die Liegenschaft der «Ostschweiz» für sechs Millionen Franken übernahm. Der Entscheid war am 4. November publik geworden, am 26. November wurde er vom Aktionariat besiegelt: Die ausserordentliche Generalversammlung im «Adler» St. Georgen beschloss mit 313 zu 25 Stimmen die Einstellung der Tageszeitung mit ihren Unterausgaben. Den Todesstoss versetzte ihr das bereits zur NZZ-Gruppe gehörende «St. Galler Tagblatt»: Es vereinbarte im September eine Zusammenarbeit mit den drei Fürstenländer Zeitungen der Druckerei Flawil AG, die mit der «Ostschweiz» und der «Appenzeller Zeitung» einen Inseratepool gebildet und damit nationale Werbekunden ergattert hatten. Die «Ostschweiz» hatte sich jahrelang vergeblich nach Partnern umgeschaut. Dem «Tagblatt» (Auflage inklusive Regionalausgaben 72000) wiederum bot sich mit der Übernahme ihrer kleineren St. Galler Konkurrentin sowie der «Appenzeller Zeitung» (15000) der überlebenswichtige Sprung über die 100000er-Auflagengrenze.

Die «Neuvermessung der Ostschweizer Presselandschaft», wie die NZZ titelte, löste zwar viel Gejammer, aber keine Rettungsaktionen aus. Das Bedauern über das Zeitungssterben sei gross, «das Engagement, es zu verhindern, klein», schrieb der «Tages-Anzeiger». «Kämpferische Worte, die zur Rettung aufrufen, führt niemand im Mund.» Selbst die CVP drücke «ihr Bedauern über das Ableben des einstigen Parteiblatts mit Schweigen aus». Nur im Rheintal galt das nicht: Dort beklagte die CVP Unterrheintal einen «Wahnsinnsverlust» und versprach, sich «über die Parteigrenzen hinweg für eine eigenständige Rheintaler Zeitung stark zu machen». Edgar Oehler, alt CVP-Nationalrat, früherer Chefredaktor (1973–1985) und Verwaltungsrat der «Ostschweiz», rief die CVP und die Leserschaft zum «Tatbeweis» auf, indem sie die regionalen Titel abonnierten. Die St. Galler SP, die 1996 selber ihre «Arbeiter-Zeitung» verlor, beklagte den Abbau von 80 Arbeitsplätzen und bedauerte den Konzentrationsprozess «als klare Verkümmerung der Medienlandschaft und als Abbau der publizistischen Vielfalt».

Pessimistische Schlagwörter, gegen die sich «Tagblatt»-Herausgeber Jürg Tobler – mit bis heute viel gehörten – Argumenten wehrte: Titelvielfalt habe noch nie echte Informationsvielfalt bedeutet, wirtschaftlich stärkere Blätter seien «weniger beeinflussbar und daher viel eher in der Lage, der Wahrheit im öffentlichen Raum Geltung zu verschaffen». Er versprach die bereits eingeleitete Wandlung vom freisinnigen Blatt zur Forumszeitung, die ihre Monopolstellung nicht ausnützen werde. Das glaubte gern auch der 1995 eingesetzte letzte «Ostschweiz»-Chefredaktor Silvan Lüchinger: «Nimmt man das publizistische Selbstverständnis als Massstab, müsste es der Zeitung gelingen, diesem Mehr an Verantwortung gerecht zu werden. Sollte dem einmal nicht so sein, gibt es hoffentlich auch im zeitungsärmeren Kanton St. Gallen eine öffentliche Meinung, die das zu korrigieren weiss.» Lüchinger gehörte dann zu den gut 15 Leuten, die vom «Tagblatt» übernommen wurden.

Auf dem Weg zur Forumszeitung war auch die «Ostschweiz» gewesen. Schon in den 1970er-Jahren, auf dem Höhepunkt mit 30000 Abonnenten, hatte es Mahnungen zur Erneuerung gegeben. Zum Hundertjährigen 1974 versprühte CVP-Bundesrat Kurt Furgler als Festredner noch Optimismus: «Ihre Basis ist gesund, ihre Vergangenheit verpflichtend, ihre Aufgabe gross, ihre Chance intakt. Liebe Freunde, nutzt sie!» Zehn Jahre unter Edgar Oehler später war der Leserschwund ständiges Thema. Nach dem nicht freiwilligen Abgang Oehlers holte man den Walliser Bundeshaus- und Fernsehredaktor Marco Volken als Chef: «Wir haben gemacht, was wir konnten», erinnerte sich Volken später. «Die ursprüngliche CVP-Zeitung hatte den Ruf eines schwarzen Pfarrblättchens. Ich wollte eine moderne Forumszeitung machen mit einem möglichst breiten Spektrum. Leider ist das nicht gelungen.» Tatsächlich lotete der christlichsoziale Freigeist lustvoll die Möglichkeiten aus, wie sich Redaktor Erich Gmünder erinnert. «Er schlug zu Beginn einen Pfahl ein: Er machte ein ganzseitiges Interview mit SP-Nationalrat Paul Rechsteiner.» Und er förderte junge Talente, trichterte der Redaktion Selbstvertrauen ein: «Gültiger Journalismus lautete das Zauberwort, gut recherchierte Beiträge statt vorgefasste Meinungen waren gefragt.»

Unter Volken lustvoller Aufbruch und letztes Aufbäumen

Es herrschte Aufbruchstimmung, Denkverbote wurden entsorgt, neue Formate eingeführt. Doch das Tagblatt hatte sich viel früher geöffnet und durch Zukäufe gestärkt, so Gmünder. «Als Nummer 2 war es schwierig, ein Stück vom Werbekuchen zu erhalten, der nun rasant kleiner wurde. Im Rückblick scheint das letzte Aufbäumen geradezu vermessen, aber nicht minder sympathisch.» Wohl glaubte man an den Mythos, dass Totgesagte länger leben. «Die Ostschweiz» lag seit Jahren auf der Intensivstation, seit 1993 kam es zu Kurzarbeit, Stellenabbau und Sparpaketen. «Schlauch um Schlauch wurde abgeschnitten», meinte der dienstälteste Redaktor Herbert Egger. «Und jetzt kam der Katheterschnitt.»

In den Nachrufen wurde die Modernisierung gelobt. WOZ-Redaktor Adrian Riklin, damals bei «Saiten», betont im Rückblick den Effort: «In den letzten Jahren machte die ‹Ostschweiz› aus der Not eine Tugend: sie wurde urbaner, unangepasster, bewegter, jugendlicher, das spiegelte sich auch im Layout. Sie war näher bei den Leuten – ihre Redaktion war im Stadtzentrum, die Redaktoren traf man in den Cafés, es gab einen munteren Austausch.» 1997 kam es laut Riklin zwischen «Saiten» und «Ostschweiz» noch zu zwei Treffen, es ging um einen gemeinsamen Veranstaltungskalender. «Es gab eine gewisse Verschwisterung: zusammen gegen das grosse ‹Tagblatt›. Dann war plötzlich Schluss, eine vertane Chance: Es wäre spannend gewesen, was aus der ‹Ostschweiz› geworden wäre, hätte man sie retten können: vielleicht eine Wochenzeitung.» Das wurde in jenem Winter in mancher prominenten Runde diskutiert, doch hatte niemand die Mittel und den Mut. Auch «Saiten» nicht, auf dem viele Hoffnungen ruhten: Immerhin wandelte sich die unabhängige Monatszeitschrift zum Kultur- und Gesellschaftsmagazin, das sich auch in die politische Diskussion einmischte.

Was bleibt von der «Ostschweiz»? Ein hübsches Erinnerungsbuch, Einträge in Geschichtsbüchern. Ab und zu taucht ein Sujet der fabelhaften letzten Werbekampagne auf; Ionescos Nashörner, der Flugzeugträger im Rorschacher Hafen. Und geblieben sind die Gebäudehüllen an der Hinteren Poststrasse, wo 2002 der «Offset»-Club an die Druckerei erinnerte, aber schnell aufgab (heute «Elephant»). Am Oberen Graben arbeitet seit 1998 die Stadtredaktion des «Tagblatts». Vorläufig noch – im April 2018 wird sie in ein Grossraumbüro an der Fürstenlandstrasse umziehen, dorthin, wo sie bereits 1967 installiert war. Noch einmal Zeitungslichterlöschen im «News»-Haus, wenn auch nicht so dramatisch wie 1997. Nicht nur bleiben, sondern neu belebt wird ihr Titel: «Die Ostschweiz», so verspricht ihr ehemaliger Redaktor Stefan Millius, soll im Frühling 2018 eine neue Online-Zeitung heissen.

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