Pilzernte (noch) nicht verloren

Wer diesen Sommer durch die Wälder in der Region spazierte, sah wahrscheinlich nicht viele Pilze. Durch ihr äusserst empfindliches Naturell wurden sie von der Hitze in diesem Jahr regelrecht in Grund und Boden «gestampft».

Saskia Bühler
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Die Morchel war dieses Jahr ein seltener Fund im Rheintal. Zwischen Nesslau und Lichtensteig war keine ausgeprägte Lücke festzustellen. (Bild: Nana do Carmo)

Die Morchel war dieses Jahr ein seltener Fund im Rheintal. Zwischen Nesslau und Lichtensteig war keine ausgeprägte Lücke festzustellen. (Bild: Nana do Carmo)

REGION. So mancher Pilzsammler dürfte vom diesjährigen Saisonanfang enttäuscht worden sein. Die hohen Temperaturen und das trockene Wetter des Sommers haben dafür gesorgt, dass Pilze, wenn überhaupt, nur vereinzelt wachsen. Durch den heissen Start in die Saison wurden viele Pilzsprösslinge bereits unterirdisch im Wachstum gestört und konnten gar keine Fruchtkörper bilden. Marijke Frater von der Pilzkontrolle Wattwil, Ebnat-Kappel, Nesslau und Lichtensteig beschreibt die Situation: «Für den Anfang der Pilzsaison war die Hitze verheerend. Es gibt momentan praktisch keine Pilze.»

Mehr als 90 Prozent Wasser

Pilze sind sehr empfindlich, was die Bildung von Fruchtkörpern anbelangt. Damit ein Pilz aus dem Boden spriessen kann, müssen viele Bedingungen gegeben sein. So sollte sich die Temperatur im Bereich zwischen 13 und 28 Grad bewegen und nicht zu stark schwanken, kein Föhn und keine Bise sollten wehen. Auch eine gewisse Luftfeuchtigkeit muss vorhanden sein. So erklärt Notta Tischhauser von der Pilzkontrolle Werdenberg: «Ein blauer Himmel ist nichts für Pilze, dann ist es zu trocken.» Auch der Boden muss feucht, aber nicht nass sein, um ideale Bedingungen für Pilzwachstum zu schaffen.

Weshalb Feuchtigkeit so wichtig ist für ein optimales Wachstum, ist einfach erklärt: Ein Fruchtkörper besteht zu mehr als 90 Prozent aus Wasser.

Hoffnung wurde zerstört

Bisher habe es sich wegen der mageren Pilzernte noch nicht gelohnt, die Pilzkontrollstelle in Buchs zu öffnen. «Ich hoffe, dass ich sie im August öffnen kann», erklärt Tischhauser. Sie habe bisher nur vereinzelt Pilze zu Hause privat kontrolliert. Auch Frater habe noch nicht mit der Kontrolle begonnen.

Im Juni hatte man noch grosse Hoffnung, dass es ein gutes Pilzjahr werden würde. Ein Pilzschub (u. a. Hexenröhrlinge) hatte bereits angesetzt, bevor die Hitzewelle die Schweiz erreichte. Das trockene und heisse Wetter liess die meisten Pilze jedoch eingehen, bevor sie Fruchtkörper bilden konnten.

Für Morcheln war es zu kalt

Auch die Morchelsaison, die etwa von April bis Juni dauert, ist dieses Jahr im Rheintal nicht gut ausgefallen. Der Grund: «Es war zu kalt. Und als es nicht mehr so kalt war, war es zu spät», schildert Tischhauser. Frater erklärt, dass es in ihrem Gebiet etwas anders aussehe: «Es sind zweimal Leute mit Morcheln zu mir gekommen. Ich habe deshalb keine ausgeprägte Lücke bemerkt.»

Auch die Eierschwamm- und Sommersteinpilzernte fiel bisher mager aus. Die beiden Sorten haben seit Juni Saison, doch viele gebe es davon nicht, erzählt Notta Tischhauser. Steinpilze seien dieses Jahr bisher sehr selten gewesen, Eierschwämme hätte man Anfang Juni gelegentlich gefunden. Der Rest fiel der Hitze zum Opfer, wie auch die Schilderungen von Marijke Frater zeigen: «Die Eierschwämme hätten schon lange da sein sollen, waren es aber nicht. Man hat höchstens ein paar vertrocknete Exemplare gefunden.» Es könnte jedoch sein, dass sie noch einmal kommen, wenn es genug regnet.

14 Tage Regen wären nötig

Die Pilze erholen sich nicht so schnell von der Hitze, wie man denkt oder hofft. Selbst die Regenfälle der letzten Tage konnten die idealen Bedingungen für Pilzwachstum nicht schaffen. Der Boden ist immer noch viel zu trocken. Damit die Pilze sich von der Trockenperiode erholen könnten, müsste es etwa zehn bis 14 Tage regelmässig regnen, sind sich die beiden Frauen von der Pilzkontrolle einig. Die Temperaturen müssten laut Tischhauser ungefähr in dem Bereich bleiben, in dem sie sich zurzeit bewegen und nicht zu stark schwanken.

Es brauche seine Zeit, bis sie wieder wachsen könnten, meint Frater. Doch auch dann könne man laut Tischhauser nicht mit Sicherheit sagen, dass die Pilze wieder spriessen. «Es ist sehr schwierig, eine Prognose zu stellen», erklärt Tischhauser. «Man weiss nie, wie es mit den Pilzen unter der Erde aussieht, ob sie überhaupt noch wachsen können.» Auch Frater möchte keine Prognose für die bevorstehenden Monate machen. Das einzige, was man gemäss der beiden tun könne, sei abwarten, auf einen Herbstschub hoffen und ab und zu nachschauen, ob es schon wieder Pilze gibt.