Pianist namens Novecento

Das Musiktheater vom Atlantic Jazz Orchester glänzte mit ungeahnter Bühnenpräsenz, musikalischer Finesse und niveauvollem Klamauk. Das fabriggli war ausgebucht.

Heidy Beyeler
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Klamauk und Musik auf höchstem Niveau: Das Stück «Novecento» begeisterte im ausverkauften Werdenberger Kleintheater fabriggli. (Bild: Heidy Beyeler)

Klamauk und Musik auf höchstem Niveau: Das Stück «Novecento» begeisterte im ausverkauften Werdenberger Kleintheater fabriggli. (Bild: Heidy Beyeler)

BUCHS. «Willkommen an Bord dieses Schiffes. Sie sind auf der <Virginian>. Vor Ihren Augen das Wunder des Ozeans, in Ihren Ohren den Zauber der Musik, in Ihrem Herzen den Sound.» Mit diesen Worten begrüsste der Klarinettist des Atlantic Jazz Orchester, Nikolaus Schmid, das Publikum. Und schon kam Novecento, der Pianist (Jürg Kienberger), ins Spiel. In einem monologischen Dialog meldete sich Novecento beim Concierge des Luxusdampfers Virginian an. Der findet keine Reservation. «Ich bin auf dem Schiff geboren und auf dem Schiff gestorben», sagt Novecento und zieht mit diesem doch einfachen Satz das Publikum in seinen Bann. Die Aufmerksamkeit des Publikums ist ihm vergönnt – während der ganzen gut eineinhalb Stunden. Die Gäste erlebten ein wahrlich unterhaltsames Musiktheater, das der Langeweile keine einzige Chance gab – und das ist ein Kunststück.

Und wer war Novecento? Ein Kind – ausgesetzt –, das am Neujahrsmorgen im Jahr 1900 vom Matrosen Danny Boodman gefunden wurde. In einer Zitronenschale. Und so wurde Novecento von Anfang an Danny Boodman T. D. Lemon Novecento genannt, ganz nach dem Willen des schwarzen Matrosen.

30 Jahre an Bord – bis zum Tod

Die «Virginian» wird für Novecento zu seinem Zuhause. Das ist überschaubar – vom Bug bis zum Heck und gerade mal 88 Klaviertasten breit. Bei der 179. Überfahrt von Europa nach Amerika kommt der Erfinder des Jazz, Jelly Roll Morton, auf den Dampfer und ins Spiel. Novecento wird zu einem Piano-Duell herausgefordert. Die Austragung fiel zu seinen Gunsten aus und Novecento gewinnt die Herzen der Damen an Bord. Eines Tages beschliesst Novecento, an Land oder besser gesagt von Bord zu gehen. Er schafft drei Stufen hinab in Richtung Hafenkante, dann verlässt ihn den Mut und er kehrt die drei Stufen zurück. Zu unübersichtlich schien ihm die Stadt New York, die bis an den Horizont reicht. «Das Festland ist ein zu grosses Schiff für mich.»

Hohe Kunst der Unterhaltung

Das Team «Novecento» bereitete den Theaterbesuchern einen anspruchsvollen, erheiternden und amüsanten Abend. Das Publikum schien nach eineinhalb Stunden beinahe enttäuscht, dass die poetische, feinfühlige Geschichte des italienischen Schriftstellers Alessandro Baricco, der diese 1994 auf Papier brachte, bereits zu Ende war.

Novecento ist eine Legende, die Alessandro Baricco speziell für Jürg Kienberger aufgeschrieben haben könnte – so scheint es zumindest. Zusammen mit dem Atlantic Jazz Orchester, dem Nikolaus Schmid, Daniel Sailer, Marco Schädler und Peter Conradin Zumthor sowie Laura Lienhard angehören, bringt Kienberger das Musiktheater unter der Regie von Manfred Ferrari auf Erfolgskurs. Entsprechend waren die vielen Ovationen, mit denen sich das Publikum für einen unvergesslichen Abend bedankte.