Parallelwelten

Zum Sonntag

Pfarrer Erich Guntli, Buchs
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«Gebeugt stehen sie da, am Bahnsteig, an der Bus- haltestelle, vor Einkaufs- zentren und wo auch immer.» Sie sitzen im Zug, im Bus, auf einer Bank im Park, auf dem Klo oder liegen im Bett. – Menschen stehen, sitzen, liegen da und stieren ins Smartphone hinein.

Es sind jedoch nicht nur die andern. Auch ich gehöre dazu. Ich löse im Smartphone meine Fahrtkarte für die Bahn, lese unterwegs Mails, gebe über WhatsApp Informationen durch, lese Nachrichten, mache eben all das, wofür dies elektronische Ding erfunden wurde. Praktisch ist es allemal.

Mit einem Wischer über den Bildschirm kann man in Parallelwelten einsteigen. Diese Entwicklung ist nicht aufzuhalten. Sowohl die technischen Möglichkeiten als auch der Markt sind da.

Sich aus dieser Welt auszuklinken und in eine Parallelwelt einsteigen entspricht dem Wunsch vieler. Warum dem so ist, wäre eine Frage wert. Eher unanständig ist es, wenn persönlich anwesende Personen weniger wichtig sind als das, was gerade im Smartphone abgeht. Ulkig wird es, wenn Kollegen oder Kolleginnen sich in einem Restaurant verabreden, um dann doch wieder ins Smartphone zu stieren.

«Du Träumer!» – wird manchmal zu einem Kind gesagt, hält es sich gedankenverloren irgendwo in einer Phantasiewelt auf. Seit bald 200 Jahren wird das Argument der Religionskritiker runtergeleiert, statt sich um diese Welt zu kümmern, würden Menschen sich in den Jenseits-Glauben flüchten. Dass Menschen sich in die Parallelwelt des Smartphones flüchten, erregt kaum Anstoss. Es gilt als Merkmal der Zeit; vernetzt sein ist Tugend, Multitasking Pflicht.

Das Stundengebet mit Lobgesängen und Psalmen ist für mich als katholischer Priester nicht nur Pflicht, sondern eine Herzensangelegenheit. Auch der Glaube ist eine Parallelwelt. Der Glaube an den Gott, der in Jesus die menschliche Gebrechlichkeit angenommen und durch die Auferweckung überwunden hat, schenkt mir Kraft. Es ist die Kraft jenes Geistes, der all das aushalten hilft, was sonst kaum auszuhalten ist.

Seit dieses Stundengebet als App auf das Smartphone runtergeladen werden kann, brauch ich keine Bücher mehr rumzuschleppen, wenn ich unterwegs bin. Ich wische über den Bildschirm und bin mittendrin in der biblischen Parallelwelt. Das ist praktisch.

Dinge an sich sind weder gut noch schlecht. Das gilt auch für das Smartphone. Die Frage ist, wie sie genutzt werden.

Pfarrer Erich Guntli, Buchs