Ortsnamen zum Thema Wasser

Siedler, die in unserem Gebiet rodeten und Land in Besitz nahmen, gaben jedem Flecken Land einen sinnvollen Namen. Dabei benutzten sie oft das Wort Wasser als Benennungsmotiv für die Namengebung. (Teil 1 von 3)

Valentin Vincenz
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Blick vom Storchenbüel auf Sevelen. Dieser Name geht auf die althochdeutsche Ableitung sêwilun zurück, was so viel bedeutet wie «bei den Tümpeln, bei den Seestellen, bei den Wasserstellen». (Archivbild: Mirja Keller)

Blick vom Storchenbüel auf Sevelen. Dieser Name geht auf die althochdeutsche Ableitung sêwilun zurück, was so viel bedeutet wie «bei den Tümpeln, bei den Seestellen, bei den Wasserstellen». (Archivbild: Mirja Keller)

REGION. Quellen, Brunnen, fliessende Gewässer, Seen und Tümpel waren für die bäuerliche Bevölkerung von existenzieller Bedeutung. Zahlreich sind die alten und neueren Urkunden, in denen Wasser- und Tränkerechte festgelegt werden.

Namen sind ungeschriebene Geschichte. Wenn es uns gelingt, die Ortsbezeichnungen und Gewässernamen sprachlich und bedeutungsmässig zu entschlüsseln, bilden sie eine wertvolle Quelle für die Lokalgeschichte. Die Tatsache, dass im Namenschatz unserer Region noch heute einzelne Namen leben, welche vor vielen Jahrhunderten, in Einzelfällen sogar vor Jahrtausenden gebildet worden sind, ist sprach- und siedlungsgeschichtlich von grosser Bedeutung.

Zu den ältesten Namen unserer Region gehören die Flussnamen Rhein und Saar. Beide werden als alteuropäische Gewässernamen bezeichnet.

Der Rhein

Der Name Rhein soll auf eine indoeuropäische Wurzel rei mit der Bedeutung «fliessen» zurückgehen. Daraus entstand vor der Ausbildung der Einzelsprachen im europäischen Raum die Ableitung Reinos, welche ohne Vermittlung des Keltischen zur germanischen Form rîn führte. Die Bedeutung von Reinos ist «Fluss, Strom». Das germanische Wort rîn wurde manchmal auch auf kleinere Gewässer übertragen. Die Erklärung des Namens Rhein als «Fluss, Strom» ist einleuchtend. Eine sprachliche Zuordnung bleibt hypothetisch. Die Tatsache, dass dieser Fluss durch ganz Europa denselben Namen trägt, hat wohl damit zu tun, dass vor Jahrtausenden die Einzelsprachen noch nicht existierten. In der uns unbekannten Sprache der damals spärlichen Bevölkerung sagte man einfach Reinos für «Strom, Fluss». Spätere Generationen verstanden diese Bezeichnung nicht mehr und übernahmen sie als Name für diesen Fluss. Vor der Rheinkorrektur floss der Rhein ziemlich frei und verzweigt durch das ganze Rheintal. Ältere Urkunden belegen, dass der Rhein bis an den Bergfuss bei Räfis vordrang und bei Hochwasser Kulturland wegschwemmte.

Die Saar

Nach dem Forscher J. U. Hubschmied gehört der Fluss- und Bachname Saar zur indogermanischen Wurzel ser «fliessen», welche dann mit der gleichen Bedeutung ins Keltische in der Form saar übernommen wurde. In verschiedenen schweizerdeutschen Mundarten lebt das Wort Saar im Sinne von «Flussgeschiebe, Seeschlamm» noch heute. Bei uns ist dieses Sachwort nicht mehr bekannt, wohl aber die Saar als Bachname. Die Saar fliesst vom Sevelerberg nach Glat, durch die Rheinebene nach Räfis, wo er den Namen Giessen bekommt. Auf Seveler Gebiet trägt die ursprüngliche Saar verschiedene andere Namen, so Stoggenbach, Heldbach und Glatbach. Der Name Saar gilt heute noch für den Abschnitt zwischen Glat und Räfis.

Sevelen taucht erst spät auf

Der Ortsname Sevelen wird urkundlich erstmals im Jahre 1208 erwähnt. Es heisst dort in villa Seuellun curtem unam et vineam «im Gut Sevelen ein Hof und ein Weinberg». Verglichen mit den übrigen Werdenberger Dorfnamen wird Sevelen relativ spät urkundlich erwähnt. Zum Vergleich Buchs 765 als Pogio, Grabs um circa 770 als Quaradaues, Gams 835 als Campesias und Sennwald um circa 820 als Silva Sennius. Dem Namen Sevelen liegt eben keine alträtoromanische, sondern eine alemannische Namenschöpfung zugrunde. Verschiedene Hobbyforscher wollten den Namen auf romanisch seiv «Zaun», selva «Wald» oder gar val «Tal» zurückführen. Solche Ansätze sind sprachlich völlig absurd. Auch irgendwelche Seewellen machen keinen Sinn als Benennungsmotiv für einen Ortsnamen.

«Bei den Tümpeln»

Der Name Sevelen geht auf die althochdeutsche Ableitung sêwilun zurück. Die Bedeutung ist «bei bei den Tümpeln, bei den Seestellen, bei den Wasserstellen». Im Frühmittelalter war die Rheinebene mehr oder weniger ein Sumpf mit vielen Tümpeln, Teichen und Flussarmen. Die oben erwähnte urkundliche Beschreibung aus dem Jahre 1208 deutet meiner Meinung nach darauf hin, dass sich der Hof und der Weinberg Seuellun im Gebiet Baggenstiel (altromanischer Name mit der Bedeutung Schlosshügel), heute Storchenbüel oder Herrenberg, befanden.

Bugganella und Islabell

Bugganella war früher Wies- und Ackerland in der Rheinebene östlich von Sevelen, südöstlich des Bahnhofs, unmittelbar ausserhalb der Bahnlinie. Heute ist Bugganella ein Wohnquartier. Der Bugganellaweg führt von der Rheinstrasse in das Quartier Bugganella.

Die Deutung dieses Namens alträtoromanischen Ursprungs bietet keinerlei Probleme. Grundwort ist romanisch bucca mit der Bedeutung «Mund» aber auch «Mündung». Die romanische Ableitung bucca + -inella wurde im Sevelerdeutsch schliesslich zum Namen Bugganella im Sinne von «kleine, schöne Mündung (in einen Weiher)».

Islabell ist der Name einer landwirtschaftlichen Siedlung mit Wies- und Ackerland in der Talebene südöstlich des Dorfes Sevelen, südlich von Pardätsch. Der Name setzt sich zusammen aus dem rätoromanischen Wort insla «Insel» als Grundwort. In Namen ist die Bedeutung von insla jedoch «das am Fluss liegende, meist unbebaute, mit Erlen bestockte Ufergelände». Bestimmungswort ist das romanische Adjektiv bella «schön». Ich übersetze den Namen Islabell mit «schönes Auengelände am Fluss».

Bild: VALENTIN VINCENZ

Bild: VALENTIN VINCENZ