«Ohne Hoffnung bist du tot»

Weldu B. kam mit nichts als dem nackten Leben übers Mittelmeer. Die Schweiz nahm seinen Asylantrag an. Doch vom Sozialamt wollte er nicht leben. Nach Hunderten von Bewerbungen hat er nun eine Lehrstelle in der Klinik Pfäfers.

Reinhold Meier
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Der 29jährige Weldu B. lernt in der Klinik Pfäfers Gebäudereiniger – und wird für seinen vorbildlichen Einsatz und sein gutes Deutsch gelobt. (Bild: Reinhold Meier)

Der 29jährige Weldu B. lernt in der Klinik Pfäfers Gebäudereiniger – und wird für seinen vorbildlichen Einsatz und sein gutes Deutsch gelobt. (Bild: Reinhold Meier)

PFÄFERS. Wer kann sich das vorstellen: Ein Land, das der UNO-Sonderberichterstatterin für Menschenrechte die Einreise verweigert. Ein Land, das die NZZ «eines der repressivsten» nennt und dessen Militärdienst als «Sklavenarbeit» bezeichnet. Wo das französische Aussenamt Missachtung der Menschenrechte beklagt und die deutschen Kollegen fehlende Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit. Die letzten unabhängigen Journalisten vor Ort sind dem Druck längst gewichen und ausgereist.

Weldu B.* hat es erlebt. Mit 20 musste er in den Militärdienst, der nichts mit dem zu tun hat, was man hierzulande darunter versteht. Die Dauer ist fast unbegrenzt, bis zu 30 Jahre, die Arbeit nach Art eines Internierungslagers. «Wer nicht gehorchte, wurde gefoltert.» Die mildeste Strafe sei stundenlanges Liegen auf dem Bauch gewesen, mit zusammengebundenen Händen, erinnert sich der junge Mann mit leiser Stimme. Wer nicht spurte, kam ins «Gefängnis», in Metallcontainer in der brütend heissen Tiefebene oder in unterirdische Verliese, wo Hunderte eingesperrt werden und vor sich hin vegetieren, wie Menschenrechtsgruppen bestätigen.

Odyssee über Land und Meer

Nach zwei Jahren hielt es Weldu B. nicht mehr aus. Nach Einbruch der Dunkelheit floh er nach Sudan, zehn Stunden zu Fuss durch die Wüste, unter Todesgefahr, die «Deserteuren» droht. Er landete in der Hauptstadt Khartum und schlug sich mit Nachtarbeit in einer Fabrik durch. Nach einem Jahr ging die Odyssee weiter nach Libyen. Fast vier Wochen irrte Weldu B. mit 30 anderen auf einem Pick-Up durch die Sahara, nur nachts. «Tagsüber haben wir uns unter dem Auto und unter Felsen versteckt.» Die unwirtliche Gegend ist bekannt für Kidnapper, die Flüchtlinge schnappen und foltern, um von den Angehörigen Lösegeld zu erpressen. Die Organisation Human Rights Watch wirft den beteiligten Ländern vor, mit diesen Menschenhändlern zusammenzuarbeiten, statt sie zu verhaften und die Opfer zu befreien.

Nach einem Monat in Libyen ging dann alles ganz schnell. Fast unvermittelt legte eines jener schrottreifen Boote ab, die derzeit für Schlagzeilen sorgen. Weldu B. war da, an Bord, mit 300 anderen, um drei Uhr in der Nacht. Sie fuhren bis zum Morgengrauen, den folgenden Tag und nochmals eine ganze Nacht. «Nur für die Kinder war ein wenig Wasser da.» Sonst nichts, auch kein Essen, nur das, was man selber gerade dabei hatte. «Zum Glück war die See ruhig.» Nach der Ankunft in Sizilien irrte Weldu B. umher, fand später heimatliche Freunde, landete schliesslich in Mailand. Im Empfangszentrum Chiasso stellte er am Ende einen Asylantrag. Eineinhalb Jahre später erhielt er die Anerkennung.

Putz- und Gartenarbeiten

Doch Weldu B. wollte nicht vom Sozialamt leben. Auf Initiative der Ausserrhodischen Beratungsstelle für Flüchtlinge absolvierte er einen Sprachkurs. Dann sammelte er erste Arbeitserfahrungen in einem Altersheim bei samstäglichen Putz- und Gartenarbeiten. Bei der Caritas St. Gallen-Appenzell besuchte er später das Programm «Deutsch und Arbeit», das Arbeitseinsätze mit Sprach- und Gesellschaftsunterricht verbindet. Dann arbeitete er vier Monate als Hilfskraft auf einer Baustelle, setzte den Kurs fort und wurde schliesslich Hilfsarbeiter in einer Motorradwerkstatt. Überall erhielt er gute Zeugnisse für seine Einsatzbereitschaft und sein Können. Eine Lehrstelle fand der mittlerweile 29-Jährige jedoch nicht. «Ich habe Hunderte von Bewerbungen geschrieben, aber nie eine Antwort bekommen.» Trotzdem wollte er nicht aufgeben. «Wenn du deine Hoffnung verlierst, bist du tot», habe ihm der Vater zum Abschied mitgegeben. «Das hat mir Energie gegeben.» So kam er in das Mentoring-Programm der Caritas, in dem engagierte Freiwillige einem Flüchtling bei der Integration helfen. Mit seiner Mentorin klappte es. Die junge Jus-Studentin von der HSG kontaktierte die St. Gallischen Psychiatriedienste Süd. Diese hatten Interesse, Weldu B. durfte sich vorstellen, arbeitete zur Probe in der Klinik in Pfäfers und wurde sofort genommen, erst als Praktikant, ab Sommer dann als Lehrling Gebäudereiniger EFZ.

*Name der Redaktion bekannt.

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