NOSTALGIE: Jägerin des verlorenen Ski-Schatzes

Liselotte Schlumpf ist Skifahrerin und Sammlerin. Sie hat ihre Passionen verbunden, organisiert Skirennen und sucht die Souvenirs, welche an die Skirennfahrer-Karriere ihres Vaters erinnern.

Christiana Sutter
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Liselotte Schlumpf stöbert gerne im Fotoalbum und erinnert sich an die Zeit, in der ihr Vater Karl Ski gefahren ist.

Liselotte Schlumpf stöbert gerne im Fotoalbum und erinnert sich an die Zeit, in der ihr Vater Karl Ski gefahren ist.

Christiana Sutter

redaktion@wundo.ch

Skifahren ist eine ihrer Leidenschaften. Schon früh sollte sie an einem Hügel hinter dem Haus das Skifahren lernen. Liselotte Schlumpf aus Wattwil erinnert sich, dass sie nicht auf die Ski wollte – «denn ich musste diese wollenen Stumpfhosen anziehen, die haben gejuckt», erzählt sie lachend. Als es Strumpfhosen aus Helanca gab, hat sie es wieder versucht, hinter dem Gasthaus zur Traube in Unter­wasser. Nur ein paar Monate nach den ersten Fahrversuchen hat sie sich im Tiefschnee das Bein gebrochen. Ihr Fahrstil war breit, der ihres Vaters auch. «Ich bin schon immer gecarvt», sagt ­Liselotte Schlumpf. Das hat sie ihrem ­Vater abgeschaut. Dieser hat sie mit dem Skivirus angesteckt.

Streckenrekord auf der Parsenn-Piste

Der Winter steht vor der Türe, und bei Liselotte Schlumpf in einer Ecke der Stube stehen Ski parat. Ein aktuelles ­Modell und ein Paar alte Latten aus ­früheren Zeiten. Sie sitzt auf einer Couch und stöbert in einem Album mit alten Fotos von ihrem Vater. Karl Schlumpf war von den 1920er-Jahren bis zum ­Ausbruch des Zweiten Weltkrieges aktiver Wintersportler. Das war damals alles andere als ein leichtes Unterfangen. Gab es beispielsweise ein Rennen in Davos, sind er und seine Kameraden zu Fuss nach Buchs gegangen und von dort mit dem Zug gefahren. Damit Karl Schlumpf überhaupt am Rennen teil­nehmen und das Startgeld bezahlen konnte, trug er Brot aus. Schlumpf nahm an Olympischen Winterspielen teil. Genau genommen: er wollte teilnehmen. Denn beim Probesprung auf einer Schanze ist er gestürzt und hat sich den Fuss gebrochen. Aus war der Olympia-Traum.

Auch Liselotte Schlumpf war Skirennfahrerin. Bei ihrem ersten Skirennen als Fünfjährige wurde sie Zweitletzte. Ein Jahr später wurde sie Zweite und gewann ein paar Skistöcke. Als 15-Jährige fiel sie in der Ostschweiz auf. An ihrem ersten Abfahrtsrennen an den Ostschweizer Meisterschaften wurde sie Zweite. «Ich war eine Draufgängerin – je schneller, desto besser.» Sie erhielt ein Aufgebot als Ersatzfahrerin für die Schweizer Meisterschaften. Diese Karriere war aber schnell beendet. Ende Saison erhielt sie den Bescheid, dass die nötigen Ergebnisse fehlten und sie zu alt für eine Skikarriere sei. Liselotte Schlumpf bildete sich zur Skilehrerin aus. Sie trainierte so hart wie noch nie und fuhr wieder Skirennen. Das zahlte sich aus: Liselotte Schlumpf war schweizweit eine der Besten. Ihr Highlight war das Parsenn-Derby in Davos. Sie gewann das Rennen zweimal. Seit 1982 hält sie den Streckenrekord bei den Frauen mit 3,52 Minuten, von der Parsennfurka bis hinunter auf die Conterser Schwendi.

Ski-WM in Crans Montana als Höhepunkt

Liselotte Schlumpfs Vater war ein gesundheitsbewusster Mensch. «Auch da war er mein Vorbild», erzählt sie. Er trainierte mit Expandern, einem Fitness­gerät, und unterzog sich mehrmals ­wöchentlich einer Bürstenmassage für eine bessere Durchblutung. «Das empfehle ich heute meinen Kunden.»

Nach ihrer eigenen Skikarriere erhielt Liselotte Schlumpf die Möglichkeit, als Therapeutin bei Swiss-Ski zu arbeiten. Von 1982 bis 1989 war sie mit den Schweizer Ski-Frauen unterwegs. Ihren grössten und schönsten Erfolg erlebte sie an den Skiweltmeisterschaften 1987 in Crans Montana. Mit dem Sieg von Erika Hess im Slalom erfuhr auch sie grosse Anerkennung von den Zuschauern. In der Zielarena empfingen diese die «Physio» mit lauten «Lise, Lise»-Rufen. 1989 war Schluss. Sie wurde selbstständig. Seither praktiziert die Therapeutin in ihrer eigenen Praxis in Wattwil.

Der Nostalgie-Ski-Virus seit einigen Skirennen

Skifahren ist noch immer die grosse Leidenschaft von Liselotte Schlumpf. Heute auch das Nostalgie-Skifahren. Dazu kam es 1984, als der Skiclub Unter­wasser sein 75-Jahr-Jubiläum feierte und ein Nostalgie-Skirennen durchführte, das vom Chäserrugg hinunter bis zum Iltios führte. Liselotte Schlumpf brauchte mehr als vier Stunden. Ihr damals 80-jähriger Vater Karl fuhr in einem bestechenden Telemarkstil den «Jungen» um die Ohren. Er war mit drei Meter ­langen Ski unterwegs. «Diese Ski gab er Noldi Beck für sein Skimuseum in ­Vaduz.»

Ein weiteres Datum in der «Nos­tal-Ski-Geschichte» von Liselotte Schlumpf ist das Jahr 2015. Die Schneesportschule Wildhaus organisierte aus Anlass von «150 Jahre Wintersport» ein Nostalgie-Skirennen. An diesem nahm auch Liselotte Schlumpf teil. Da war es um sie ­geschehen. «Das müssen wir weiter­ziehen», sagte sie noch an diesem Tag. Zusammen mit Kolleginnen aus Unterwasser kam ihr die Idee eines Nostal-­Ski-Rennens auf der Wolzenalp in Krummenau. «Mit unserer Idee lösten wir eine regelrechte Begeisterung aus», sagt Schlumpf nicht ohne Stolz. Im März 2016 fand das erste Nostal-Ski-Rennen statt. «Zu dieser Zeit erinnerte ich mich wieder an das Skimuseum von Noldi Beck in Vaduz.»

Noldi Beck ist jedoch 2014 gestorben. Liselotte Schlumpf fragte sich, was mit all den Exponaten geschieht, die dieser hegte. Ihr Interesse war geweckt. Sie fragte sich, wie sie an die ihm ausgeliehenen Sachen kommt. Denn es waren nicht nur die Dreimeter-Ski ihres Vaters, sondern viele Trophäen, Diplome, ­Medaillen, Ski, Bekleidung und vieles mehr von Toggenburger Skipionieren wie ­Forrer, Steiner, Kleger usw. Doch sie ­waren unauffindbar.

Von Liechtenstein nach Kitzbühel

Nach dem Rennen 2015 hat Liselotte Schlumpf begonnen, alte Skibekleidung zu sammeln. Das erste Stück war eine blaue Skihose von Bogner. Inzwischen hat sie Schuhe, Skibrillen, Pullover «und viele Ski und Stöcke». Ihr Traum ist es, eine Lokalität für ein Sportmuseum im Toggenburg zu finden, damit die Exponate, die an Noldi Beck geliehen wurden, dort ausgestellt werden können. Sofern sie denn gefunden werden. Die Sachen seien ein Teil Toggenburger Kultur und Tradition «und die Geschichte unserer Väter».

Nicht nur sie will die Sachen zurück ins Toggenburg holen. Mit Aufrufen auf Facebook und Instagram haben sie und ihre Nostal-Ski-Kolleginnen die Bevölkerung um Hilfe gebeten. «Inzwischen bin ich wie eine Meldezentrale. Ich ­bekomme Hinweise», sagt Liselotte Schlumpf. Viele Leute erzählen ihr, was sie Noldi Beck ausgeliehen haben. Auch die Medien sind aufmerksam geworden. «Man hilft uns», sagt sie voller Freude. Dank Recherchen weiss man inzwischen wenigstens, dass Ende 2015 das gesamte Material des Museums mit 21 Camions das Land Liechtenstein in Richtung Kitzbühel verlassen haben.

Liselotte Schlumpfs Jagdinstinkt ist geweckt. Bevor aber das Erbe der Ski-­Väter zurück ins Toggenburg kommt, fahren die Nostal-Skier am 3. März 2018 ihr zweites Rennen.