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NEUER GLAUBE: Der kurze Traum vom Freistaat

Dass Bern 1528 die Reformation annimmt, verhilft ihr auch im Toggenburg zum Durchbruch. Resultat ist: Die Pfarrer anerkennen den Bischof nicht mehr, die Toggenburger kaufen sich vom Fürstabt los.
Daniel Klingenberg
Ab 1528 werden die Toggenburger radikal, sagen sich los von der äbtischen Herrschaft und werden ganz reformiert. (Bilder: PD)

Ab 1528 werden die Toggenburger radikal, sagen sich los von der äbtischen Herrschaft und werden ganz reformiert. (Bilder: PD)

Daniel Klingenberg

redaktion@toggenburgmedien.ch

Das Jahr 1528 beginnt mit einem Paukenschlag: Der mächtige Stadtstaat Bern nimmt die Reformation an. Damit gewinnen die Reformierten in der Alten Eidgenossenschaft schlagartig an Gewicht. Für das Toggenburg bedeutet das: Wer zuvor noch gezögert hatte, dem «neuen Glauben» beizutreten, tut das jetzt. Wie beispielsweise in Lichtensteig, dem damaligen Hauptort des Toggenburgs. Am 23. August 1528 beraten die Bürger über die Annahme der Reformation. Sie beschliessen nicht nur durch Mehrheitsbeschluss den Übertritt zu den Reformierten, sondern auch gleich einen Bildersturm. Die Kirche wird ausgeräumt, und «die Götzen und Altäre dem Scheiterhaufen übergeben», schreibt der reformierte Historiker Gottfried Egli im konfessionellen Jargon Mitte des letzten Jahrhunderts.

Der Abt im Heuschober

Nur wenig später, am 14. September, folgt der Sturm der Benediktinerabtei in St. Johann, dem heutigen Alt St. Johann. «Der Abt war bereits im Messgewand am Altar», als «gegen zwanzig junge Burschen der Gegend» in die Klosterkirche eindringen. Altäre, Orgel und Bücher werden vernichtet, der Abt flüchtet und verbringt die erste Nacht in einem «armseligen Heuschober».

Das Toggenburg steht in dieser Zeit unter der Herrschaft des katholischen Fürstabtes und der Schirmorte Glarus und Schwyz. Der Landrat, der die Reformation will, muss daher für diese Ereignisse geradestehen. Wie gewichtig die Klostersturm-Sache ist, zeigt auch, dass Ulrich Zwingli detailliert darüber unterrichtet wird. Schwyz denkt laut darüber nach, die Toggenburger mit Waffen zum Gehorsam zu zwingen. Der Landrat bittet Zürich und Bern um Hilfe. Das Gleichgewicht in der Alten Eidgenossenschaft verschiebt sich aber in dieser Zeit immer stärker zu Gunsten der Reformierten, auch der Schimort Glarus wechselt zum «neuen Gauben». Damit kommt die Frage der konfessionellen nationalen Vorherrschaft auf, und die Wiedergutmachung für den St. Johanner Klostersturm wird Nebensache.

Neue Kirche, neuer Staat

Im Laufe des Jahres 1528 werden wohl die meisten Gemeinden im Toggenburg reformiert. Der Landrat nimmt die Neukonstituierung der Kirche an die Hand und lädt alle reformierten Geistlichen zur ersten Synode am 13. Februar 1529 nach Lichtensteig ein. Damit wird mit der bisherigen kirchlichen Ordnung gebrochen. Statt dem Bischof von Konstanz verpflichtet zu sein, gibt sich die Synode nach dem Vorbild der Stadtsanktgaller selber 13 Statuten. Oberaufsicht führen der Landrat und der Dekan, der eine Leitungsfunktion unter den Geistlichen hat. Zwei Jahre später, am 23. März 1531, trifft man sich zur zweiten Synode. Mit dabei ist dann auch Ulrich Zwingli, es wird ihm «ein herzlicher Empfang bereitet».

Unterdessen laufen die Auseinandersetzungen auf nationaler Ebene weiter. Es kommt im Juni 1529 zum ersten Kappeler Krieg, an dem sich die Toggenburger mit 600 Mann auf Seiten der Reformierten beteiligen. Die Reformierten siegen. Die Toggenburger sehen nun die Stunde der politischen Befreiung von der Fürstabtei gekommen. Als der Fürstabt in einem Schreiben den Anspruch auf die Landesherrschaft bekräftigt, beschliesst der Landrat, die Angelegenheit vor das Volk zu bringen. Am 19. Juni 1530 «strömte alles Volk aus den toggenburgischen Landen zur entscheidenden Landsgemeinde» auf die Pfaffenwiese in Wattwil, schreibt Gottfried Egli. Über den Anspruch der Herrschaft des Abtes seien «die Männer des Volkes aufgebracht» gewesen, eine «tiefe Entrüstung und ein wildes Aufbegehren» habe die Bauern ergriffen. Die Landsgemeinde bricht mit dem Abt und das Toggenburg wird «in Begeisterung praktisch zum Freistaat proklamiert». Oder, wie es ein katholischer Chronist trocken beschreibt: Sie fingen an, «sich selb zu regieren».

Loskauf und «Hochgefühl»

Man schreitet gleich auch zur Besetzung der Ämter und bestellt einen reformierten Landammann sowie einen 36-köpfigen Landrat. Mit Zürich tritt dieser sofort in Verhandlungen über ein Schutzbündnis. Als weiteren und letzten Schritt steht noch der Loskauf von der Fürstabtei an. Er wird am 27. Oktober 1530 mithilfe der Orte Zürich und Glarus und gegen des Willen des Fürstabtes und Schwyz vollzogen. Mit 15000 Gulden ist der Preis des Loskaufs um 500 Gulden höher, als der Abt 1468 beim Kauf des Toggenburgs bezahlt hat. «Im Hochgefühl ihrer politischen Befreiung vom Abt begannen die Toggenburger ihre innerstaatlichen Angelegenheiten selber zu ordnen», schreibt Egli zur Folgezeit.

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