MUSLIME: Islam-Studie: «Die Religiosität wird überschätzt»

Das Liechtenstein-Institut verschafft mit der jüngsten Publikation eine Übersicht zum Thema «Islam in Liechtenstein». Sie zeigt Handlungsbedarf auf.

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Seit den 1970er-Jahren ist der Anteil der Bevölkerung mit musli­mischem Glauben kontinuierlich angewachsen. Sechs Prozent der Bevölkerung in Liechtenstein bekennen sich zu einer Glaubensrichtung des Islam. Ein Viertel von ihnen besitzt die liechtensteinische Staatsbürgerschaft. Besonders seit dem 11. September 2001 müssen sich auch hierzulande Muslime von Anschlägen und Kriegen aller Art distanzieren, mit denen sie gar nichts zu tun haben.

Die Studie ging auch möglichen Radikalisierungstendenzen auf die Spur. Dabei bestehen – laut der Offenen Jugendarbeit – keine Anzeichen für Radikalisierungen muslimischer Jugendlicher in Liechtenstein. «Wir sind aber kein Nachrichtendienst», erklärt Wilfried Marxer, Mitautor und Direktor des Liechtenstein-Instituts, die Grenzen der Studie. «Auch sind Imame und Moscheen in Liechtenstein nicht mit Hasspredigten und Aufrufen zur ­Gewalt gegen Andersdenkende in Erscheinung getreten», lautet ein beruhigender Schluss der 140 Seiten dicken Arbeit, an dem vier verschiedene Autoren arbeiteten.

«Den Islam gibt es nicht, man muss unterscheiden»

Der Islam wird von vielen Menschen als Bedrohung wahrgenommen – nicht zuletzt aufgrund der Berichterstattung zu Terrorakten. «Die Religion wird immer wieder politisch vereinnahmt», spricht Marxer ein weiteres ­Problemfeld an, mit dem sich Muslime, aber auch der Westen, schwertun. Dabei werde die ­Religiosität der Muslime deutlich überschätzt.

«Den Islam gibt es nicht», erklärt Politikwissenschafter Wilfried Marxer. «Es gibt hier verschiedene Glaubensströmungen, die man unterscheiden muss. Schaut man auf die Kriege im arabischen Raum, dann führen Muslime verschiedenster Ausprägung gegeneinander Krieg.» Daher ist es auch nicht angemessen, alle in einen Topf zu werfen.»

Nach den Konfessionslosen ist die islamische Gemeinschaft die am stärksten wachsende Religionszugehörigkeit. Gemäss der Volkszählung 2015 sind es gut 2000 Menschen, die sich als Muslime sehen. 537 davon, also knapp ein Viertel, besitzen die liechtensteinische Staatsbürgerschaft. «Die meisten von ihnen stammen aus der Türkei oder den Ländern des ehemaligen ­Jugoslawien», erklärt Wilfried Marxer. Die meisten von ihnen würden den Islam nach euro­päischer Prägung leben. «Nicht jeder betet am Freitagabend. Nicht alle sind streng gläubig – und noch weniger radikal», erklärt er.

Vorurteile erschweren die Integration

Besondere Brennpunkte der ­Studie sind die Frage eines muslimischen Friedhofs in Liechtenstein und das Projekt «Islamischer Religionsunterricht». Während Ersteres zuletzt am Nein der ­Vaduzer Bürgergenossenschaft vorläufig scheiterte, hat man in Zweiterem bereits erste Fortschritte erzielt. «Seit August ist der Islamische Religionsunterricht per Verordnung geregelt», erklärt Bildungsministerin Dominique Gantenbein, die – gemeinsam mit ihrem Regierungskollegen Mauro Pedrazzini – die Medien über die Studie informierte.

Dabei wurde seitens der Regierung betont, dass die Schwerpunkte auf der Frühförderung der deutschen Sprache und der Integration der hier lebenden Muslime liegen. Bezüglich Inte­gration und Gefährdungslage durch Extremismus und Terrorismus werde laufend wachsam ­beobachtet, führte Dominique Gantenbein aus. Gerade in Sicherheitsaspekten arbeite Liechtenstein mit internationalen Polizeiorganisationen und Institutionen in Europa zusammen und selbstverständlich werden auch Hinweise auf Verdachtsfälle aus der Bevölkerung entgegengenommen.