Musik und Worte für Integration

Am Übergang vom Tag zur Nacht kamen am Sonntag erfreulich viele Menschen unterschiedlicher Herkunft in die katholische Kirche Buchs, um sich eine Stunde der meditativen Betrachtung «Mensch, werde wesentlich» hinzugeben.

Reto Neurauter
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Die meditative Betrachtung gestalteten Pfarrer Erich Guntli in Wort und Mechthild Neufeld von Einsiedel mit ihren Gemshörnern. Blagica Alilovic und Projektleiterin Luljeta Granwehr-Daka (von links) von der Stiftung Mintegra freuen sich über den finanziellen Zustupf. (Bild: Reto Neurauter)

Die meditative Betrachtung gestalteten Pfarrer Erich Guntli in Wort und Mechthild Neufeld von Einsiedel mit ihren Gemshörnern. Blagica Alilovic und Projektleiterin Luljeta Granwehr-Daka (von links) von der Stiftung Mintegra freuen sich über den finanziellen Zustupf. (Bild: Reto Neurauter)

BUCHS. Man spürte schnell, dass es so ist, wie Pfarrer Erich Guntli eingangs sagte: «Das Gemshorn ist jenes Instrument, das der menschlichen Stimme nahekommt, leise, ein Ton.» Und: «Diese laute Welt bedarf vermehrt der leisen Töne.» Aber: «Im Krach dieser Welt gehen sie unter, die leisen Töne.»

Zuhören müssen, war also gefordert, zuhören, wie sie tönen, die Gemshörner von Mechthild Neufeld v. Einsiedel (Grabs). Tönen sie nach vergangenen Zeiten, weil die meist aus Kuhhörnern gefertigten Gemshörner ihre Blütezeit im Mittelalter bis Anfang des 16. Jahrhunderts hatten? Tönen sie mystisch-meditativ? Eigenartig? Oder ähnlich wie eine Blockflöte?

«Das Wesen, das besteht»

Gemshörner haben ihre eigene Art. Wesentlich auch der geringe Tonumfang. Von der Wesentlichkeit des Menschen spricht auch der Arzt, Priester und Dichter Johannes Scheffler. Man kennt ihn besser als den Mystiker Angelus Silesius, den schlesischen Engel. 1675 schrieb er die Worte: «Mensch, werde wesentlich! Denn wenn die Welt vergeht, so fällt der Zufall weg. Das Wesen, das besteht.» Dahinter stehe aber auch ein Denkmodell, sagt Guntli, denn «Denkmodelle sind der Versuch, die Wirklichkeit in Gedanken zu fassen.» Herkunft oder Besitz gehöre unter anderem zu dem, was Silesius als Zufall, als Zugefallenes bezeichnet. «Aristoteles nennt das Akzidenzien.» Das ist also das nicht Wesentliche, das Zufällige im Gegensatz zur Substanz. Es sei Zufall, hier geboren zu sein. «Aber nicht der Zufall, nicht das Zugefallene, nicht die Akzidenzien stiften meine Identität, nein», so Guntli, «das Wesen liegt in all dem und dahinter verborgen.»

Nicht verborgen bleiben die Töne der Gemshörner. Fünf Weisen, von Michael Praetorius bis Tylman Susato, aufsteigend vom Bassgemshorn bis zum Altgemshorn. «Und es ist die eine Stimme, welche die Melodie, die Substanz eines Musikstückes, ohne die Akzidenzien, die Zufälligkeiten einer harmonisierenden Begleitung zeichnet», so Guntli, «nur das Wesentliche erklingt.»

Eigene Geschichten

Aber die Substanz, das Wesen von Mechthild Neufeld könne keine Gemshörner spielen, «Atem, Mund, Hände, Augen und Ohren braucht sie dazu.» Da zeige es sich, so schön Silesius' Gedanke auch sei, er funktioniere nicht recht, «wir haben es mit lebendigen Menschen zu tun, nicht mit menschlichen Wesen».

Die TV-Werbung stimme nicht, wenn sie suggeriere, es gebe nicht den Menschen, nicht den durchschnittlichen Menschen. «Es gibt Menschen im Plural, und der Plural setzt sich zusammen aus Einzelnen», folgerte Guntli. Und jeden Tag würden wir Menschen begegnen, ganz konkreten, ganz unterschiedlichen. Zu diesen gehörten Migrantinnen und Migranten, die bei uns Arbeit oder die als Flüchtlinge Schutz suchten, «Menschen mit ihrer ganz eigenen Geschichte». Mintegra, zusammengesetzt aus Migration und Integration, setzt sich seit 2001 für diese Menschen ein. Mechthild Neufeld v. Einsiedels letzter Gemshornton ist verklungen, die grosse Glocke läutet. Menschen aus Syrien verteilen am Ausgang Kerzen. Das Licht kommt vom Nachbarn, vielleicht von einem unbekannten Menschen. Im Kreuzgang bilden sich zwei Lichterketten. Lichter, die Hilfe und Menschlichkeit bedeuten.

Hilfe für Stiftung Mintegra

Denn darauf seien Flüchtlinge angewiesen, sagte Blagica Alilovic von der Stiftung Mintegra zuvor noch in der Kirche, auch auf Schutz. «Es sind immer mehr Frauen mit Kleinkindern, eine besonders verletzliche Gruppe, die diese Hilfe brauchen, in einer Schweiz, die für sie fremd aber friedlich ist.» Hier setzt die Stiftung mit ihrer Projektleiterin Luljeta Granwehr-Daka an, unterstützt Flüchtlingsfrauen bei ihrer Integration, mit dem Alltagsleben und der Kultur in der neuen Umgebung zurecht zu kommen. Unterstützungen wie diese durch Mechthild Neufeld v. Einsiedel und Erich Guntli, aber auch durch den Grabser Gemeindepräsidenten Rudolf Lippuner, der die Verbindung zu Mintegra herstellte, seien äusserst wertvoll, betonte Blagica Alilovic abschliessend. Als Kollekte kamen 1048 Franken zusammen.