Musik für Lambarene

Peter Roths 50. Komposition wird heute zu Albert Schweitzers 50. Todestag uraufgeführt. In den letzten 42 Jahren hat Peter Roth in verschiedensten Musikstilen komponiert.

Mirjam Bächtold
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ALT ST. JOHANN. Statt seinen 71. Geburtstag zu feiern, steht Peter Roth in der evangelischen Kirche am Hackbrett für die Generalprobe mit dem Kirchenchor. An seinem Geburtstag zu arbeiten, macht ihm nichts aus. «Ich bin dankbar, dass ich Musiker sein darf», sagt er. Dankbarkeit ist auch das Thema seiner neuen Kantate, die heute abend in Zürich uraufgeführt wird.

Der Erlös aus dem Konzert kommt dem Albert-Schweitzer-Spital in Lambarene zugute. Peter Roth hat die Kantate ursprünglich für Doris Bühler-Ammann geschrieben, seine Nachfolgerin als Chorleiterin in Alt St. Johann. Dann kam die Anfrage vom Hilfsverein für das Albert-Schweitzer-Spital in Lambarene, ob er für das Benefizkonzert zu dessen 50. Todestag ein Stück schreiben könne. «Meine Kantate passt thematisch sehr gut. Der Grund für die heute oft mangelnde Ehrfurcht vor dem Leben ist oft Unfähigkeit zur Dankbarkeit», sagt Peter Roth.

Im Gefängnis komponiert

Die schweizerdeutschen Texte zur Kantate «Vertraue und Dankbarkeit» stammen aus der Bibel, vorwiegend aus dem Buch der Psalmen. Peter Roth hat die Musik dazu dem Chor und den Jodelstimmen auf den Leib geschrieben. Er verbindet Toggenburger und Appenzeller Volksmusik mit kirchlichem Gesang und Naturjodel. Bewusst hat er keine externen Solisten engagiert.

«Wir haben im Chor sehr gute Stimmen. Sie waren beim Komponieren meine Inspiration.» Begleitet wird der Chor von fünf Streichern und Hackbrett, das Roth selbst spielt. Lebendige Tanzmusik wechselt sich ab mit mystischen Mollklängen.

Bücher im Gefängnis

Vom Stil her erinnert dieses Werk Roth am stärksten an seine erste Komposition, die «St. Johanner Wienacht», die er vor 42 Jahren geschrieben hat. Nach seinem Studium am Konservatorium übernahm er den Kirchenchor Alt St. Johann und wollte mit ihm eigentlich eine Bachkantate singen.

«Das war keine gute Idee, beim Konzert mussten wir die Schlussfuge dreimal beginnen. Danach wollte ich aufhören.» Bevor er sich aber entschied, leistete er seinen Militärdienst als unbewaffneter Sanitäter. «Wir mussten stundenlang um einen Weiher marschieren, unsere Bahren umgehängt wie Gewehre. Irgendwann hatte ich genug und weigerte mich, weiterzugehen.» Im Gefängnis erhielt Peter Roth zwei Bücher: das Dienstreglement und die Bibel. Er entschied sich, in letzterer zu lesen, und als er Jesaja Kapitel 9 las, hörte er sein erstes Musikstück im Kopf. «Es war alles da, ich musste es nur noch aufschreiben.»

Wo sich Kulturen verbinden

So komponiert Peter Roth heute noch. Er denkt sich die Noten nicht aus, er hört sie einfach. «Komponieren ist eigentlich das falsche Wort. Es ist vielmehr ein Analysieren, Niederschreiben und ein Zusammensetzen beim Proben», erklärt er.

Roths Musik folgt keinem bestimmten Stil. Er reagiert stark auf den Text und lässt sich davon inspirieren. Seine Affinität zu Jazz, Blues, Volksmusik und Klassik kommt in seinen Werken zum Ausdruck, er vermischt diese Genres und lässt auch Stile aus anderen Kulturen einfliessen. «Mein Schaffen ist ein Spiegel der Gesellschaft, in der sich die Kulturen immer mehr verbinden, nicht mehr abgrenzen.»

Sa, 26.9., 19 Uhr, Grossmünster Zürich; So, 18.10., 20 Uhr, Klosterkirche Alt St. Johann.