«Mütter sind wie Gänseblümchen»

Zum Muttertag

Ursula Wegstein
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In den Kindergärten und ­Schulen wird fleissig gebastelt, Restaurants, Blumengeschäfte und Konditoreien haben Hochkonjunktur. In den Betagten­heimen hat sich Besuch angekündigt: Es ist wieder Muttertag.

Das Bild hat sich damals als Mädchen eingeprägt: Der Pfarrer holte am Muttertag einen Strauss Gänseblümchen hinter der Kanzel hervor und begann seine Predigt in etwa mit den Worten «Mütter sind wie Gänseblümchen, unscheinbar, wenig beachtet und geschätzt, immer da. Vielleicht selbstverständlich.»

Am Muttertag wird die Wertschätzung für das Muttersein zelebriert, vielleicht auch übertrieben. Dabei ist der Muttertag ein Import aus den USA und kein Fest der Frau in ihrer traditionellen Rolle. Er sollte an den Einsatz für Frieden und Wohltätigkeit erinnern. Dann kam der Kommerz. Inzwischen haben sich das Frauenbild und die Mutterrolle in der Gesellschaft stark gewandelt: Eine Frau, welche die längste Zeit ihres Lebens nur Mutter ist, ist ein Auslaufmodell.

Die Möglichkeit, Familie und Beruf zu vereinbaren, der Spagat zwischen Kindern und Karriere ist das heutige Ideal. Das wünschen sich die Mütter von heute, es wird aber auch von der Gesellschaft mehr und mehr eingefordert. So war im letzten Jahr zu vernehmen, die 50 000 Akademikerinnen, die zu Hause bleiben wollen, sollten die Kosten für ihr Studium zurückzahlen.

Und die Rahmenbedingungen? Nach dem Mutterschaftsurlaub kommt es auf den jeweiligen Arbeitgeber und die konkreten Möglichkeiten an. Hat man einen fortschrittlichen Arbeit­geber, der nach Teilzeitlösungen oder einem Einsatz an anderer Stelle sucht, wie etwa bei Städten, Gemeinden oder Spitälern, ist das ein Glücksfall.

Das zusätzliche Einkommen unterliegt einem höheren Steuersatz. Kommen dann noch Kosten für die Kinderbetreuung dazu, ist es eher die Ent­scheidung zwischen «Laptop, Meetings plus Sackgeld» oder «Glätteisen, Herd und Lego­steine». Einen Tag hinter der Theke oder in Meetings empfindet manch eine als Erholung im Vergleich zu einem Tag mit zwei Kleinkindern zu Hause.

Jede Frau sollte frei sein, ihre Entscheidung selbst zu treffen. Respekt verdient sie in jedem Fall. Weder sind die einen «Karrierefrauen und Rabenmütter», noch sind die anderen «Glucken und Helikopter­mütter, die nur um ihre Kinder kreisen». Weder die Hausfrau noch die Geschäftsfrau sollte sich für ihre Wahl irgendwo rechtfertigen müssen. Keinesfalls braucht es ein schlechtes Gewissen oder ein gegenseitiges Ausspielen.

Das Hausfrauendasein ist auch kein 9-to-5-Job. Ein durchschnittlicher Vierpersonen­haushalt lässt sich nicht in eine 40-Stunden-Woche packen. Von Wochenende, Ferien oder Beförderung ganz zu schweigen. Das eigene Ego wird erst einmal auf Eis gelegt.

Dennoch geht es nicht um mangenden Ehrgeiz, wie häufig unterstellt wird.

Blumenstrauss und Rahmtorte in Herzform schön und gut. Etwas Selbstgemachtes von den Kindern macht immer Freude. An jedem Tag. Etwas mehr Anerkennung, für das, was Mütter nicht zuletzt für die Zukunft leisten, wäre wünschenswert. Nicht nur einmal im Jahr, am zweiten Sonntag im Mai.

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