Motorlos war früher undenkbar

2 Millionen Kilometer hat Peter Guntli einst mit seinen Lastwagen zurückgelegt. Auch als Wartauer Schulbusfahrer bringt er es derzeit wöchentlich auf rund 500 Kilometer. Sein Ferienprojekt auf Rädern führt über 700 Kilometer und 16 000 Höhenmeter – aber ohne Motor.

Heini Schwendener
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Die Räder des Wartauer Schulbusses und seines Mountainbikes bestimmen heute einen grossen Teil des Lebens von Peter Guntli aus Weite. (Bilder: Heini Schwendener)

Die Räder des Wartauer Schulbusses und seines Mountainbikes bestimmen heute einen grossen Teil des Lebens von Peter Guntli aus Weite. (Bilder: Heini Schwendener)

WEITE. Mit Fug und Recht kann man sagen, dass Peter Guntlis Leben grossenteils auf Rädern stattfindet. Diesen Montag hat er ein neues Projekt unter die Räder genommen. In Weite ist er aufgebrochen zu einer sechstägigen Mountainbike-Tour über rund 700 Kilometer und 15 000 bis 17 000 Höhenmeter.

Während Sie also diese Zeilen lesen, pedalt Guntli irgendwo zwischen Septimerpass, Bergell, Malojapass und Pontresina 2700 Höhenmeter ab. Zum Vergleich: Zwischen Buchs und dem Alvier-Gipfel liegen 1900 Höhenmeter. Eine solche Topleistung ist für einen gut trainierten Mountainbiker durchaus machbar. Peter Guntli will das jedoch an sechs Tagen hintereinander schaffen. Dabei ist er mit seinen 57 Jahren auch nicht mehr der Jüngste. Und weiter bemerkenswert: Bisher prägten ausschliesslich motorbetriebene Räder sein Leben.

Klein Peter und die Traktoren

Blenden wir zurück auf den Ausgangspunkt von Peter Guntlis Leidenschaft für Räder (und Motoren). In Buchs aufgewachsen, verbrachte er als Junge viel Zeit auf einem benachbarten Bauernhof, «aber nicht etwa wegen der Tiere, sondern wegen der Traktoren.» Folgerichtig lernte er Automechaniker und kurvte, kaum 18jährig, mit seinem eigenen Auto durch die Gegend, «eines vom Abbruch, das ich selber fahrtüchtig gemacht habe».

Später hat Peter Guntli sein Mechaniker-Know-how auch an Baumaschinen und Lastwagen anwenden können. Obwohl schon damals durchaus sportlich – Guntli stand lange zwischen den Pfosten des Fanionteams des FC Buchs – gab es für ihn fast nur die motorisierte Mobilität.

19 Jahre auf Achse

1987 machte sich Peter Guntli beruflich selbständig. Als Lastwagenfahrer, der auch noch zwei Chauffeure angestellt hatte, spielte sich sein Leben fortan fast ausschliesslich auf Rädern ab. «Ich habe jedes Jahr etwa 100 000 bis 120 000 Kilometer zurückgelegt» erzählt Guntli und zeigt in seinem Haus im Bürozimmer auf ein Bild von seinem Scania-Dreiachser mit Anhänger. In dessen Führerkabine hat er Wochen, Monate und Jahre verbracht, häufig Tag und Nacht. Seine Frau erledigte ihm zu Hause die Büroarbeiten.

53mal um den Äquator

19 Jahre war Peter Guntli mit seinen LKW unterwegs. Er hat dabei rund 2 Millionen Kilometer zurück- und einige überflüssige Pfunde auf den Rippen zugelegt. Das unstete Leben als Chauffeur, immer sitzend und oft mit ungesunder Ernährung, hat wie so oft seine Spuren hinterlassen. Für Sport blieb ohnehin kaum Zeit während all den Jahren, in denen er etwa 53mal die Strecke um den Äquator gefahren ist. Die Familie, inzwischen um drei Kinder angewachsen, hatte sich mit Papis Leben auf Achse arrangiert. Zum Berufswechsel brachte ihn die Marktsituation im Transportgewerbe. Aufgrund der Unsicherheiten wollte er nicht weiter investieren. Da kam ihm, der unterdessen mit seiner Familie im Eigenheim in Weite wohnhaft war, die Stellenausschreibung der Schulgemeinde Wartau gelegen. Gesucht wurde ein Schulbusfahrer und Hauswart.

500 Kilometer pro Woche

«Am Anfang war die Umstellung schon gross», erinnert sich Peter Guntli an die Anfänge als Schulbusfahrer im Jahr 2006, «ich war plötzlich am Abend wieder zu Hause.» Sein Arbeitsalltag spielt sich aber weiter auf Rädern ab. «Ich bin in allen sieben Dörfern unterwegs und fahre Kindergärtler und Erst- bis Sechstklässler in der ganzen Gemeinde umher.» Pro Woche kommen so schier unglaubliche 500 Kilometer zusammen. Die Arbeit ist aber nicht mehr zu vergleichen mit seiner Fernfahrer-Zeit. Mit bis zu 22 Kindern im Bus trägt er eine ganz besondere Verantwortung. Da brauche es eine gewisse Disziplin im Schulbus: «Manch einer, der die Regeln nicht befolgte, musste schon aussteigen und zu Fuss den Heimweg antreten.»

Runter mit den Kilos

Sein neuer Beruf eröffnete dem Wartauer die Möglichkeit, sich wieder stärker sportlich zu betätigen. Wegen seiner Fussballerverletzungen waren die Möglichkeiten eingeschränkt. Er entschied sich auf Anraten seiner Frau für das Mountainbiken und hechelte ihr chancenlos hinterher den Berg hinauf. Doch bald packte ihn der Ehrgeiz, der ihn schon als Fussballer ausgezeichnet hatte. Dank regelmässigem Training auf den mit Muskelkraft angetriebenen Rädern seines Mountainbikes purzelten auch die Kilos, die ihm sein Leben auf den motorisierten Rädern seines LKW beschert hatten. Guntli ist stolz darauf und erzählt gerne, welch positive Auswirkungen regelmässige sportliche Betätigung auf das Körpergewicht und das Wohlbefinden haben.

Unmotorisiert auf Rekordjagd

Heute vermag ihm seine Frau Claudia mit dem Mountainbike nicht mehr zu folgen. Und auch viele seiner Bike-Kollegen nicht. Guntli ist fit wie ein Turnschuh und beseelt von einer grossen Tour, die alles toppt, was er bisher sportlich geleistet hat. Wenig ist das wahrlich nicht, kann er doch auf Teilnahmen am Nationalpark-Bikemarathon und am Swiss Bike Masters zurückblicken. Seine aktuelle Tour absolviert er alleine. Sie führt ihn bis ins Veltlin, ins Val da Camp, ins Val Susauna, auf die Keschhütte und an viele Spots, die Mountainbiker-Herzen höher schlagen lassen. Ersatz- und Regenbekleidung, ein Reparaturset, Ersatzpneu sowie Gel und Kraftriegel machen seinen Rucksack etliche Kilo schwer. Mit diesem Gewicht auf dem Rücken, seiner Fahrtechnik, seiner Kraft in den Beinen und seinem Willen, die eigenen Grenzen auszuloten, will er 16 000 Höhenmeter meistern. Auf Rädern – ohne Motor.

19 Jahre war Peter Guntli mit seinem LKW unterwegs.

19 Jahre war Peter Guntli mit seinem LKW unterwegs.

Bild: HEINI SCHWENDENER

Bild: HEINI SCHWENDENER

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