Moslemische Seelsorge auf Anfrage

Im Regionalgefängnis Altstätten gehört fast die Hälfte der Insassen dem Islam an. Die Gefängnisseelsorge wird von der katholischen und evangelischen Kirche übernommen. Nur wenige moslemische Häftlinge akzeptieren einen christlichen Geistlichen nicht.

Julia Barandun
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«In Altstätten waren im vergangenen Jahr 47 Prozent der Häftlinge Moslems», sagt Joe Keel, Leiter des Amts für Justizvollzug des Kantons St. Gallen. Die seelsorgerische Betreuung aller Gefangenen obliege den von den beiden Landeskirchen bestimmten Seelsorgern. Die Kirchen würden dafür mit einem jährlichen Betrag entschädigt, sagt Keel. Ein moslemischer Gefängnisseelsorger werde nur auf Anfrage beigezogen, wenn die einweisende Stelle zustimme.

Einen moslemischen Geistlichen einzustellen, wie das zum Beispiel in den Kantonen Zürich und Bern der Fall ist, sei derzeit nicht möglich. «Zum einen ist die Nachfrage nicht gross, zum anderen haben wir keine derart grossen Anstalten. Ausserdem ist mit der jetzigen Regelung auch die Seelsorge für moslemische Gefangene gewährleistet. Wir sind nicht in der Lage, zusätzliche Gelder auszugeben», sagt Keel.

Ein menschenwürdiges Klima

Andreas Schwendener aus St. Gallen ist evangelischer Pfarrer und Gefängnisseelsorger. Jeden Donnerstag verbringt er zwei Stunden im Ausschaffungsgefängnis Widnau, wo er acht bis neun Insassen betreut. Im Regionalgefängnis Altstätten begleitet er zusammen mit einem katholischen Geistlichen etwa 45 Häftlinge. Zu Schwendeners Aufgaben im Strafvollzug gehören vor allem das Gespräch und die Begleitung der Häftlinge, aber auch einen Beitrag an ein menschenwürdiges Klima im Gefängnis und zur Verarbeitung der Schuld zu leisten. Religiöse Riten stünden hingegen weniger im Vordergrund, sagt der Pfarrer.

Längst nicht alle, die auf dem Papier dem Islam angehören, praktizieren ihren Glauben. Etwa ein Viertel der Moslems im Gefängnis würde beten, weiss Schwendener. Gebetsteppiche und religiöse Literatur stehen zur Verfügung. Das kollektive Freitagsgebet hingegen könne nicht durchgeführt werden, erklärt Joe Keel, Leiter des kantonalen Amts für Justizvollzug. «Die Untersuchungs- und Strafgefangenen müssen voneinander getrennt werden, um laufende Strafuntersuchungen nicht zu gefährden.» Aus denselben Gründen gebe es auch keine gemeinsamen christlichen Gottesdienste. Der Fastenmonat Ramadan werde jedoch auch im Gefängnis durchgeführt.

Das Gespräch ist wichtig

Nur wenige moslemische Häftlinge akzeptieren Schwendener nicht als Seelsorger. «Im Ausschaffungsgefängnis in Widnau werde ich eher abgelehnt, weil ich Schweizer bin und weniger wegen meiner Funktion als christlicher Geistlicher», sagt er. Die Menschen im Ausschaffungsgefängnis seien am Endpunkt einer grossen Hoffnung. «Sie werden eingesperrt, weil sie in der Schweiz Zuflucht und eine Zukunft gesucht haben und ihren Traum nicht aufgeben wollen.» Er werde mit viel Wut und Enttäuschung konfrontiert und falle oft in die Rolle, die Schweiz und die Ausschaffungspraxis zu erklären. Den meisten Häftlingen liege jedoch viel an den Gesprächen mit ihm. Für sie sei es wichtig, einen Kontakt zur Welt draussen zu haben, der nichts mit ihrem Straffall oder den Migrationsbehörden zu tun habe.

Schwendener geht davon aus, dass es noch einige Jahre dauern wird, bis auch im Kanton St. Gallen ein moslemischer Gefängnisseelsorger eingestellt wird. «Die Moslems sind in unserer Gesellschaft noch zu wenig etabliert und organisiert. Dabei ist es sehr wichtig, dem Islam einen Platz in unserer Gesellschaft zu geben.»

Moslems könnten unterstützen

Der moslemische Seelsorger Hisham Maizar aus St. Gallen wurde im vergangenen Jahr ein einziges Mal zu einem Insassen in einem Gefängnis des Kantons St. Gallen gerufen. «Natürlich haben die katholischen und die evangelischen Gefängnisseelsorger viel Erfahrung auf diesem Gebiet. Doch als Moslems könnten wir einiges dazu beisteuern», sagt Maizar. Er hat schon viele Weiterbildungen in diese Richtung besucht und ist Mitglied beim Schweizerischen Verein für Gefängnisseelsorge.

«Wir können den Zugang zu einem moslemischen Häftling besser finden, da wir fundiertere Kenntnisse über seine Religion und Denkart verfügen. Wir wissen, was ihn bewegt und wie man auf ihn einwirken kann», betont Maizar. «Auch eine allfällige Radikalisierung hinter Gittern würden wir schneller erfassen können.»

Darum kann Maizar nicht verstehen, weshalb man sich dagegen sperrt, moslemische Seelsorger einzubeziehen. Vor Jahren hat er einen entsprechenden Antrag gestellt. Als Resultat dessen dürften Moslems heute Gefängnisseelsorge leisten – allerdings nur, wenn der christliche Geistliche seine Absolution dafür gebe. Lohn bekämen sie dafür keinen, sagt Maizar. «Die Seelsorge sollte von allen Religionen getragen werden und nicht nur von den Konfessionen.»