Morgen gehen die Lichter aus

Bei TEL Solar, einst Arbeitgeberin für 320 Leute in Trübbach, löscht morgen abend der Personalchef die Lichter für immer. Ihn freut, dass die meisten Gekündigten wieder einen Job haben und keine Industriebrache zurückbleibt.

Heini Schwendener
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Personalchef Bernhard Kolb erinnert sich zurück an die letzten Jahre der TEL Solar in Trübbach. (Bild: Heini Schwendener)

Personalchef Bernhard Kolb erinnert sich zurück an die letzten Jahre der TEL Solar in Trübbach. (Bild: Heini Schwendener)

TRÜBBACH. Obwohl erst kurz zurück von anstrengenden Interkontinentalflügen wirkt Bernhard Kolb locker und voller Elan. Er ist der oberste Personalchef von TEL Solar – bis morgen abend. Dann braucht es ihn nicht mehr, denn dann gibt es auch TEL Solar nicht mehr. Die Tochterfirma des japanischen Konzerns Tokyo Electron Ltd. (TEL), die einst weltweit 420 Leute beschäftigte, davon 320 am Standort Trübbach, wird danach vom Liquidator rechtmässig liquidiert.

«Schock für alle Beteiligten»

Kolbs Aufgabe in seinen letzten Arbeitstagen war dieselbe wie so häufig in den vergangenen zwei Jahren. Er musste Menschen entlassen und verabschieden. So auch auf seiner jüngsten Asientour nach Shanghai, Taiwan und Singapur. So richtig begonnen hatte alles am 30. Januar 2014. Damals wirkte Bernhard Kolb angespannt und aufgewühlt. Was weiter nicht erstaunte, denn zusammen mit der japanischen Firmenspitze kommunizierte er vor der Belegschaft und den Medien, dass sich TEL aus dem Geschäft mit Fertigungsanlagen für Photovoltaik-Module zurückziehen und TEL Solar entweder verkaufen oder ganz schliessen werde.

«Das war für alle Beteiligten ein Schock», erinnert sich Kolb, «für die Mitarbeitenden, die Region, die St. Galler Regierung.» Geschockt war auch Kolb selber. Zwar hatten alle mitbekommen, dass die Geschäfte nicht gut liefen, aber selbst Kadermitglieder hatten diesen radikalen Schnitt in diesem Tempo nicht erwartet.

Restrukturierungserprobt

Im September 2011 war Bernhard Kolb zu TEL Solar gestossen. Seine Erfahrung mit Restrukturierungen, die selten genug ohne Personalabbau vonstatten gehen, kam dem sympathischen Berner zugute bei den vielen Kündigungswellen, die anstanden. «Die Mitarbeitenden konnten nichts dafür, ihnen wurde ja nicht wegen schlechter Leistungen gekündigt.» Unter solchen Voraussetzungen immer wieder Dutzende bis hin zu 100 Mitarbeiter zu bestimmen, die ihre Stelle verlieren, war belastend und schwierig. Da war es wertvoll, dass Kolbs Team gut harmonierte und absolut professionelle Arbeit leistete.

Die Schliessung von TEL Solar hat zwar weit herum Betroffenheit ausgelöst, doch harsche Kritik von Gewerkschaften, Demonstrationen von Gekündigten oder gar Blockaden des Firmengeländes blieben aus. Und es gab noch nicht einmal verbitterte, verärgerte oder vorwurfsvolle Leserbriefe an die Adresse der Firmenverantwortlichen. Somit kann man nur vermuten, dass der Entscheid zur Schliessung von TEL Solar gut und plausibel kommuniziert wurde und die Kündigungen in Anstand über die Bühne gegangen sind. Geholfen hat dabei sicher der Sozialplan, der allen zugute kam und der insbesondere auch Massnahmen bei Härtefällen, vor allem für die älteren Arbeitnehmer, vorsah. Auch das gute Verhältnis zur Betriebskommission sieht Kolb im Rückblick als einen wichtigen Faktor dafür, dass die Auflösung der Firma ruhig über die Bühne ging.

Nur noch den Kilopreis erhalten

Als sich im Dezember 2014 alle Hoffnung auf einen Investor, der TEL Solar übernimmt und weiterführt, zerschlugen, folgte eine Kündigungswelle der nächsten. Ein weiterer Schock für Bernhard Kolb und die TEL-Belegschaft war die Tatsache, «dass niemand Kaufinteresse für unsere Fertigungsanlagen zeigte, auf die wir doch einst so stolz waren.» Und so gingen letztlich die meisten Maschinen zum Kilopreis an ein Recycling-Unternehmen. Damit war definitiv allen klar, dass sich die Hoffnungen, die man in Trübbach in den TEL-Konzern gesetzt hatte, nicht erfüllen würden – weder in Bezug auf die Kundenbasis im asiatischen Raum noch in Bezug auf den technologischen Input. Die nächste Kündigungswelle wurde lanciert.

Lob und Dank an den Kanton

Natürlich liessen diese Kündigungen den obersten Personalchef nicht unberührt. Wichtig war für ihn, kühlen Kopf zu bewahren. Denn seine Arbeit beschränkte sich ja nicht nur auf die Kündigungen. Die Japaner, mit den hiesigen Gepflogenheiten wenig vertraut, überliessen irgendwann der Personalabteilung das Zepter. «Ich konnte danach den Prozess steuern», so Kolb. Schon sehr früh wurden enge Kontakte mit den kantonalen Behörden geknüpft. «Dem Kanton St. Gallen kann ich nur ein Kränzchen winden. Die Zusammenarbeit mit dem Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum und dem Amt für Arbeit war gut und letztlich auch erfolgreich», resümiert Kolb. Dank der Einrichtung eines betrieblichen Arbeitsmarktzentrums in den TEL-Räumlichkeiten in Trübbach erhielten die Mitarbeitenden unmittelbare Unterstützung bei ihrer Arbeitssuche. Die Vermittlungsquote konnte sich sehen lassen.

Wenig Arbeitslose

Nach der Hiobsbotschaft am 30. Januar 2014 hatte sich Kolb eine Herkulesaufgabe auferlegt, indem er sagte, das Ziel sei es, dass niemand arbeitslos würde. Ganz erreicht wurde dies sicher nicht, was bei 320 Kündigungen nicht weiter erstaunt. Beim RAV Sargans sind derzeit etwas unter 20 ehemalige TEL-Solar-Mitarbeiter als Arbeitslose registriert. Viele Gekündigte sind freilich weggezogen. Von ihnen weiss man nicht, ob sie wieder eine neue Stelle gefunden haben.

Keine Industriebrache

Bernhard Kolb sagt zur Bilanz seines beruflichen Abstechers ins Rheintal: «Alles in allem bin ich zufrieden, wie es abgelaufen ist, so schwierig die letzten zwei Jahre auch waren.» Besonders freut ihn, dass in Trübbach nicht auch noch eine Industriebrache zurückbleibt. Dank der Evatec, die die Liegenschaft übernommen hat, und dank der VDL ETG Switzerland AG, die TEL Mechatronics aufgekauft hat, sind noch immer über 300 Leute auf dem Areal beschäftigt.

Morgen löscht Kolb bei TEL Solar die Lichter und geht auch gleich selber in Pension.

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