«Mein Gewicht»: Keine leichte Kost

Jens Nielsen eröffnete am Samstagabend dem fabriggli-Publikum mit seiner ureigenen Sprache eine völlig neue Welt. Alltägliche Selbstverständlichkeiten wurden unerwartet als etwas Widersinniges demaskiert.

Heidy Beyeler
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Aufgeschreckt durch seine Gedanken, richtet sich Jens Nielsen von der Liege auf. (Bild: Heidy Beyeler)

Aufgeschreckt durch seine Gedanken, richtet sich Jens Nielsen von der Liege auf. (Bild: Heidy Beyeler)

BUCHS. Das Soloprogramm von Jens Nielsen ist eine wahre Anstrengung. Nicht nur für den Künstler – auch für das Publikum. Volle Konzentration herrschte im Theaterraum und auf der Bühne. Während einer guten Stunde präsentierte der Dramatiker seine Gedanken über sein Gewicht, über Fett und über Gott und die Welt. Den Verlauf seiner Gehirnwindungen muss man erst einmal kapieren.

Augenscheinlich banaler Alltagskram führt die Zuhörer unweigerlich in eine Welt tiefsinniger Gedanken. Plötzlich macht man sich Gedanken, über dies und das. Über Alltägliches, das groteske Züge annimmt. Verschrobene, absurde Situationen entfalten eine magnetische Anziehungskraft.

Es war mucksmäuschenstill

Jens Nielsen betritt die Bühne – und sagt während drei gefühlten Minuten nichts, bevor er zu röcheln anfängt und anschliessend zu einem veritablen Monolog übergeht: «Es stimmt, ich wiege 70 Kilo, einmal wog ich 80 und einmal 190 Kilo.»

Der Künstler versteht es, das Publikum vollständig in den Bann zu ziehen. Er spricht von sich – in der Ich-Form – und seinem Gewicht. Was er mit seiner Sprache herbeiführt, fasziniert und verwirrt zugleich, regt zum Nachsinnen an. Ausser dem Monolog des Künstlers ist es mucksmäuschenstill. Kein Räuspern, nicht einmal das Atmen der Gäste war zu hören. Nur die monologistischen Gedanken, Sätze, Fragmente und Worte waren zu hören.

Jens Nielsen ist – in Personalunion – Dramatiker, Texter, Schriftsteller, Regisseur, Schauspieler, Darsteller sowie Emotionen- und Gedankenanstosser zugleich. Wer leichte Kost der Unterhaltung wünschte, wäre am Samstagabend im fabriggli fehl am Platz bzw. enttäuscht gewesen.

Das Geheimnis von «Mein Gewicht» liegt wohl in der bescheidenen Inszenierung und der gewichtigen Wortgewandtheit, die das Publikum zum Nachdenken anregt.

Assoziationen und Gedanken

Da liegt er, Jens Nielsen, aufgebahrt auf einer Liege; nebenan eine Waage, deren Anzeige starr bleibt, wenn er drauf steht. Daneben ein Paar Schuhe – zu welchem Zweck auch immer. Ach ja, der Mensch liegt, barfuss auf der Liege, am grossen Zeh des rechtens Fusses ein Etikett. Etwa so wie Leichen in den Kühlzellen der Pathologie aufgebahrt werden.

In der Zwiespältigkeit von Monologen entstehen Assoziationen über Unmögliches und Mögliches, das den Menschen im Laufe ihres Lebens widerfährt oder widerfahren könnte. Die Gedanken gewinnen an Bedeutung – ohne Schwerkraft.

Unverrückbare Faszination

Am Ende der Vorstellung ist das Publikum von den Eindrücken, die sich durch das Erzählen von Jens Nielsen entwickelten, in besonderer Art benommen, so dass sich vorerst niemand im Zuschauerraum getraut, dem Künstler den verdienten Lohn in Form von Applaus zu gönnen. Dann aber – nach einer langen Denkpause – ereilte das Publikum die Realität, und es zollte dem Künstler die verdiente Beifallskundgebung.

Es wäre müssig, Jens Nielsens Geschichte von «Mein Gewicht» zu erzählen. Man muss sie erleben – mit der Bereitschaft, sich mit den Abstrusitäten der Welt, des Lebens gedanklich vertieft auseinanderzusetzen.

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