Mehr Zeit für die sieben Enkelkinder

Nach ihrer über drei Jahrzehnte dauernden politischen Karriere ist die frühere St. Galler Ständerätin Erika Forster heute im Familienunternehmen und für etliche Stiftungen tätig – bei Bedarf jedoch auch als Springerin zur Betreuung ihrer Enkelkinder.

Richard Clavadetscher
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Erika Forster mit Enkelkindern: «Meine Kinder wohnen mit ihren Familien alle in St. Gallen.» (Bild: Ralph Ribi)

Erika Forster mit Enkelkindern: «Meine Kinder wohnen mit ihren Familien alle in St. Gallen.» (Bild: Ralph Ribi)

«Einfach in der Ecke sitzen und ein Buch lesen, das kann ich nicht – noch nicht», sagt Erika Forster augenzwinkernd. Sie sei immer noch voller Tatendrang.

Nach ihrem Rücktritt als Ständerätin im Jahr 2011 gibt sich die ehemalige Politikerin deshalb nicht einfach der Musse hin, sie sitzt heute in etlichen Stiftungen und Verwaltungsräten – vereinzelt gar als Stiftungspräsidentin. Die thematische Palette ist breit, sie reicht vom Landschaftsschutz über den wirtschaftlichen und gesundheitlichen Bereich bis hin zur Liegenschaftenverwaltung. Insgesamt kämen so zwischen 50 und 60 Prozent einer Vollzeittätigkeit zusammen, schätzt die frühere St. Galler FDP-Ständerätin und scherzt: «Es hätte also noch Kapazität für weiteres Interessantes.»

Ausnahmeerscheinung

Man erinnert sich an Erika Forster, die Ausnahmeerscheinung in der Politik, in die sie mehr per Zufall geriet: Ihr Ehemann wollte auf Anfrage der FDP hin nicht in den St. Galler Gemeinderat und schlug deshalb seine Frau für das Amt vor.

In der dann über drei Jahrzehnte dauernden politischen Karriere schaffte Erika Forster Einmaliges: Sie präsidierte das St. Galler Stadtparlament als erste Frau überhaupt, hernach das Kantonsparlament und im Jahr 2009 schliesslich den Ständerat.

In Erinnerung geblieben ist nicht zuletzt der Stil, den die St. Gallerin in der Politik pflegte: Sie war keine, die öffentlich lauthals Maximalforderungen stellte. Am liebsten warb sie im kleinen Kreis und ausserhalb des Scheinwerferlichts für ihre Ideen und Anliegen; und sie rang dort um Kompromisse, wo ihr politisch Andersdenkende ohne Gesichtsverlust entgegenkommen konnten – in den parlamentarischen Kommissionen etwa.

Standhaft aus Überzeugung

Wenn Erika Forster aber einmal etwas als richtig erkannt hatte, dann scheute sie den öffentlichen Auftritt nicht – auch wenn ihr dabei der Wind heftig ins Gesicht blies.

Unvergessen ist in diesem Zusammenhang etwa die parlamentarische Auseinandersetzung zur UBS-Affäre, wo sich Forster als Ständeratspräsidentin zusammen mit dem Büro ihres Rates standhaft weigerte, in dieser Sache eine Parlamentarische Untersuchungskommission (PUK) einzusetzen – und damit durchkam. Forster war zum Schluss gekommen, dass der Bericht der Geschäftsprüfungskommissionen der Räte umfassend und differenziert sei, die Einsetzung einer PUK deshalb eher eine symbolische Massnahme zur Profilierung von ein paar wenigen wäre. Dazu wollte sie nicht Hand bieten. – Da war sie wieder, Erika Forsters Abneigung gegen blosse Symbolpolitik für die Galerie.

Eine Ausnahmeerscheinung war Erika Forster aber auch als FDP-Politikerin. Weit davon entfernt, einfach im Partei-Mainstream mitzuschwimmen, war sie bekannt dafür, über die Parteigrenzen hinweg hartnäckig Lösungen für anstehende Probleme zu suchen und finden, was nicht ohne persönlichen Mut möglich war. Auch deshalb war sie in allen politischen Lagern geschätzt als gradlinig, unideologisch und sachorientiert.

2011 dann der Abschied aus dem politischen Leben, an dem sie all die Jahre stets mit Freude und Lust teilnahm, weshalb sie auch nie unter der grossen Arbeitsbelastung litt: Forster trat bei den Wahlen nicht mehr an.

Plötzlich ruhiger geworden

In ihrer offenen und humorvollen Art erinnert sie sich heute an die ersten Tage und Wochen ohne politisches Amt. Nicht unerwartet sei es plötzlich sehr ruhig geworden: kaum mehr Anfragen und Einladungen aus dem politischen Umfeld, keine Dossiers und Akten mehr zu lesen. «Der Kontakt auch zu langjährigen politischen Kolleginnen und Kollegen in Bern brach ab», erinnert sie sich. Es blieb lediglich der Austausch mit einigen wenigen engen Freunden aus dieser Zeit. Dies allerdings bis heute.

Wenn man sich in dieser Situation befinde, sei eine Neuorientierung unausweichlich, sagt Erika Forster. Wichtig sei aber, dass man dabei nicht in Aktionismus verfalle. Sie begann damit, indem sie erst einmal ihre sozialen Kontakte wieder aktivierte. Aufgrund der bisweilen hektischen politischen Arbeit waren diese jahrelang etwas brach gelegen.

Nach und nach Neues

Auch Neues kam nach und nach hinzu. So wurde sie in den Verwaltungsrat des Familienunternehmens Forster Rohner AG gewählt, das heute von der vierten Generation geführt wird, und sitzt zusammen mit ihrem Mann Ueli Forster im Verwaltungsrat der Biontec, die auf Strickmaschinen Karbonfasern zu Leichtbauteilen verarbeitet. Dies fordere sie zeitlich stark, sagt Erika Forster, denn das wirtschaftliche Umfeld sei zurzeit alles andere als einfach. Trotzdem bleibt ihr noch Zeit für Dinge, die an ihre Amtszeit im eidgenössischen Parlament anknüpfen: Seit 2012 macht sie mit bei der «Freitagsrunde» von Radio SRF 4 News, wo sich unter anderem frühere Politiker zu aktuellen Themen äussern. Diese Sendungen machten ihr Freude, sagt sie.

Die Arbeit als Stiftungsrätin bringt es mit sich, dass Erika Forster öfters mal in Bern ist. Ins Bundeshaus geht sie aber selten, sagt sie – schon gar nicht während der Sessionen, wie das nicht wenige Ehemalige tun. Sie interessiere sich zwar nach wie vor für die eidgenössische Politik und setze sich mit den aktuellen Fragen intensiv auseinander, aber sie tue dies für sich. «Und zudem bin ich mir nicht sicher, ob meine Art zu politisieren heute in Bern noch erfolgreich wäre», sinniert sie und spricht damit den aktuellen politischen Stil an, wo «der Brückenschlag und das Ringen um Kompromisse fast schon als etwas Negatives gelten».

Nicht nur die eidgenössische Politik interessiert Erika Forster weiterhin, sie nimmt nach wie vor an den politischen Veranstaltungen der kantonalen FDP teil. «Dies natürlich mit der gebotenen Zurückhaltung», so Forster: «Ich stehe bei Diskussionen nicht mehr auf, um mich zu äussern. Das ist Sache der jetzt aktiven Generation.» Sie präsidiert jedoch noch den Supporterclub der FDP.

Nun besteht das Leben nicht nur aus der Politik – nach dem Rücktritt davon erst recht nicht. Weil all die vielen Sitzungen weggefallen sind, hat Erika Forster heute wieder mehr Privatleben, was sie schätzt. Kleinere und grössere Ferienreisen zusammen mit ihrem Ehemann seien problemloser zu organisieren: «Klar eine Bereicherung.»

Sieben Grosskinder

Dass Erika Forster mehr freie Zeit als früher hat, haben ihre Kinder inzwischen natürlich auch schon gemerkt – und bitten hie und da um die Betreuung der mittlerweile sieben Grosskinder im Alter zwischen eineinhalb und siebeneinhalb Jahren. «Ich bin Springerin, einsetzbar bei unvorhersehbaren Ereignissen», lacht Erika Forster. Es sei dabei ein Glück, dass alle ihre Kinder mit ihren Familien ebenfalls in St. Gallen lebten und man in engem Kontakt stehe: «Dieser enge Kontakt zu meinen Kindern und ihren Familien ist neben etlichem anderen ein Grund, dass ich auch ohne Politik glücklich und zufrieden bin.»