Mehr Plätze für Demenzkranke

Die St. Galler Regierung hat sich vorgenommen, die Versorgung von demenzkranken Personen sicherzustellen. Es sollen mehr Angebote wie das Tagesheim Notkerstübli in St. Gallen geschaffen werden.

Larissa Flammer
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Demenz betrifft auch die Angehörigen. Tagesstätten bringen diesen Entlastung. (Bild: fotolia)

Demenz betrifft auch die Angehörigen. Tagesstätten bringen diesen Entlastung. (Bild: fotolia)

ST. GALLEN. Jede fünfte 80jährige, jede vierte 85jährige und jede dritte 90jährige Person leidet an Demenz. Die Betroffenen bemerken ihre Krankheit selber oft nicht einmal. Einige können die Beeinträchtigung gut kompensieren. So sind es meistens die Angehörigen, denen irgendwann auffällt, dass etwas nicht stimmt. Plötzlich findet jemand beispielsweise an der Waschmaschine die richtigen Knöpfe nicht mehr. Oder verschiedene Guezlisorten zu backen, wird zu einer zu grossen Anstrengung für Betroffene.

Manchmal sind es kleine Dinge

«Alles läuft über das Gehirn. Ist dieses beeinträchtigt, hat das viele Auswirkungen», erklärt Regula Rusconi, Geschäftsstellenleiterin der Alzheimervereinigung St. Gallen/Appenzell. Bei einer leichten Demenz sind es die kleinen Dinge, bei denen die Betroffenen Unterstützung benötigen. Beispielsweise beim Zahlen von Rechnungen oder beim Einkaufen.

Während einer mittelschweren Demenz ist der Alltag nur noch mit Hilfe zu bewältigen. Die Betroffenen verlieren sowohl die zeitliche als auch die örtliche Orientierung. Leidet eine Person an einer schweren Demenz, vergisst sie die Körperpflege, isst nicht mehr richtig und kann ohne Unterstützung nicht mehr überleben.

Angehörige entlasten

Weil Demenzkranke oft bereits nach kurzer Zeit auf Hilfe angewiesen sind, ist die Krankheit auch für Angehörige eine Herausforderung. Tagesstätten bringen in diesem Punkt Entlastung.

Angebote wie das Tagesheim Notkerstübli in St. Gallen bieten den Betroffenen tageweise Betreuung und eine Alltagsgestaltung. Dadurch können Pflegebedürftige weiter zu Hause wohnen und die Angehörigen haben trotzdem Zeit für die Arbeit oder sich selber.

Zahl könnte sich verdoppeln

Rund 6600 Personen im Kanton St. Gallen leben mit einer Demenz. Bis im Jahr 2050 könnte sich diese Zahl mehr als verdoppeln. 13 Einrichtungen im Kanton St. Gallen bieten zusammen rund 60 Tagesstrukturplätze an. Zu wenig für die immer mehr werdenden Betroffenen und ihre Angehörigen. Der Kanton will deshalb das Angebot ausbauen. Für die Fachpersonen, die zu Hause oder in Institutionen Demenzkranke betreuen, will die Regierung Weiterbildungen anbieten.

Ein Tabuthema

Obwohl immer mehr Menschen an Demenz erkranken, ist es noch immer ein Tabuthema. Auch hier will die Regierung ansetzen. Mit Informationsanlässen zusammen mit der Alzheimervereinigung soll die Bevölkerung für das Thema sensibilisiert werden. «Als wir an der Offa über Demenz informiert haben, sind auch viele junge Menschen gekommen. Ich war tief beeindruckt», sagt Regula Rusconi. «Die Krankheit spricht viele Menschen an.»

Im Notkerstübli sitzen die Klienten und die Betreuungspersonen vor dem Mittag zusammen an einem Tisch. Sie spielen ein Kartenspiel. «Ich weiss nicht, wie es heisst, aber ich weiss, wie es gespielt wird», sagt eine Klientin. Im angrenzenden Ruheraum schläft eine Frau. «Die Menschen, die zu uns kommen, haben in ihrem Leben genug geleistet. Bei uns muss niemand etwas», sagt Esther Inauen, Fachfrau Aktivierung und Alltagsgestaltung in der Tagesstätte.

Gemüse rüsten als Therapie

Trotzdem versuchen die Fachpersonen, mit alternativen Therapieformen die Menschen zu aktivieren und ihnen so zu helfen. «An manchen Tagen wollen sogar zu viele Klienten Gemüse rüsten», berichtet Bereichsleiterin Natascha Simpson. Auch Lauf- und Gedächtnistraining wird in den Alltag integriert. Wer wie oft in die Tagesstätte kommt, bleibt den Betroffenen selber überlassen. «Aber mit einem Besuch pro Woche wird es schwierig. Da vergeht zu viel Zeit und wir sind wieder Fremde», sagt Esther Inauen.