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LIECHTENSTEIN: Warenhausverbot bescherte Buchs Kunden

Das Handelsgewerbe des Fürstentums wollte sich 1937 gegen billigere Konkurrenz schützen. Das Volk stützte in einer Abstimmung mehrheitlich das von Regierung und Landtag erlassene Warenhausverbot. Es wurde erst 1969 aufgehoben.
Günther Meier
Die Migros in Buchs, aufgenommen um 1955, war dem Liechtensteiner Handelsgewerbe ein Dorn im Auge. Es sollte verhindert werden, dass die Migros im Ländle Fuss fasst.

Die Migros in Buchs, aufgenommen um 1955, war dem Liechtensteiner Handelsgewerbe ein Dorn im Auge. Es sollte verhindert werden, dass die Migros im Ländle Fuss fasst.

Günther Meier

redaktion@wundo.ch

Kundenströme verhalten sich ähnlich wie Wasserströme: Während sich das Wasser den einfachsten Weg sucht, strömen die Kunden zu den billigsten An­bietern. Was aktuell bei der Kaufkraft­abwanderung in den Euro-Raum beobachtet werden kann, wurde in den wirtschaftlich schwierigen 1930er-Jahren vom Gewerbe mit grosser Besorgnis über die Überlebensfähigkeit der einheimischen Dorfläden betrachtet. Die Gewerbegenossenschaft blieb allerdings nicht untätig und legte der Regierung 1937 einen Gesetzesentwurf vor, der zum Ziel hatte, Warenhäuser zu verbieten. Konkreter Anlass war die Befürchtung, in Vaduz werde eine Migros-Filiale errichtet.

Zuvor hatte eine Erhebung der Regierung über den Warenverkehr er­geben, dass erheblich mehr Waren nach Liechtenstein eingeführt als Güter aus Liechtenstein ausgeführt wurden. Insbesondere der Warenaustausch mit der Schweiz gestaltete sich für Liechtenstein negativ: Schon 1933 beliefen sich die Einfuhren aus der Schweiz auf einen Betrag von 4,5 Millionen Franken, während in die Schweiz lediglich Güter im Wert von 2,2 Millionen Franken ausgeführt werden konnten.

Gewerbeverband für Warenhausverbot

Und zudem mussten die einheimischen Händler zur Kenntnis nehmen, dass immer mehr Liechtensteinerinnen und Liechtensteiner nach Buchs zum Einkauf fuhren, um in den dortigen Waren­häusern, vor allem Migros und Modern, billiger als am Wohnort einzukaufen. Für die Gewerbegenossenschaft das ­berühmte Fass zum Überlaufen aber brachte Alois Biedermann, der gegenüber dem Restaurant Adler in Vaduz ein Ladengeschäft eröffnete und dort günstige Waren aus dem Migros-Sortiment anbot. Das Gewerbe verfasste einen Gesetzesentwurf für ein Warenhausverbot, den die Regierung offensichtlich ohne grosse Änderungen übernahm und dem Landtag zur Beschlussfassung weiter­leitete. Das «Gesetz über das Verbot der Eröffnung von Warenhäusern, Einheitspreisgeschäften und deren Filialen» stand erstmals am 24. Juni 1937 zur Behandlung im Landtag.

Bevor der Landtag auf die Gesetzesvorlage eintrat, bemerkte Regierungschef Josef Hoop gegenüber den Abge­ordneten, dass zur Behandlung des ­Gesetzes auch eine «Deputation des ­Gewerbeverbandes» eingeladen worden sei. Bei den drei Gewerbevertretern, den Lebensmittelhändlern Franz Hilbe und Josef Elkuch sowie Bäckermeister Ferdinand Walser, handelte es sich um jene dreiköpfige Kommission, die das Warenhausverbot ausgearbeitet hatte. Laut Landtagsprotokoll legte Franz ­Hilbe den Landtagsabgeordneten dar, warum sich das Gewerbe «einmütig» für das Verbot von Warenhäusern ausgesprochen habe. Es gehe um den Schutz des einheimischen Gewerbes. Aus seinen Worten lässt sich schliessen, dass es sich vor allem um einen Kampf gegen die billigeren Angebote der Migros handelte. Hilbe erwähnte denn auch die Migros namentlich, die im Unterschied zu den einheimischen Ladengeschäften nur gegen Bargeld verkaufe, während die Dorfläden auch Einkäufe auf Kredit ­gewährten, was in einer bäuerlich ge­prägten Gesellschaft wie Liechtenstein wichtig sei. Die Migros bezeichnete Hilbe als «wirtschaftsschädigendes Unternehmen», wie nicht zuletzt der Kampf gegen dieses Handelsunternehmen in der Schweiz selbst zeige. Der Gewerbe­vertreter wies aber nicht nur auf den Preiskampf hin, sondern auch auf die Arbeitsmarktsituation: Bei der Migros würden bedeutend weniger Arbeitskräfte als bei anderen Geschäften mit gleichem Umsatz beschäftigt, was im Hinblick auf die Arbeitslosensituation im Land berücksichtigt werden müsse.

Regierungschef Josef Hoop unterstützte die Argumentation des Handelsgewerbes und erklärte, das Gesetz diene nur dem Schutz des einheimischen Gewerbes sowie der «Abwendung der grössten Gefahren von unserem Handelsstande». Auch in der Schweiz würden alle Kampfmittel aufgeboten, aber nicht um diese Unternehmungen unmöglich zu machen, sondern um den Ruin des Gewerbestandes fern zu halten. Hoop deutete überdies an, dass Liechtenstein mit dem geplanten Verbot nicht ­allein dastehe. In Deutschland seien ­diese Warenhäuser einer Sondersteuer unterworfen, Österreich habe mit der Einführung einer Gewerbesperre gleichzeitig eine Sperre von Warenhäusern beschlossen.

Im Landtag gab es auch Widerstand

Nicht alle Abgeordneten waren indessen voll überzeugt von den Ausführungen von Gewerbe und Regierung. Landtagspräsident Anton Frommelt und Otto Schädler, Führer der Opposition, forderten vom Gewerbe eine stärkere Berücksichtigung der Konsumenteninteressen. Frommelt sprach gar von Konsumentenschutz, den das Gewerbe gewährleisten sollte, während Schädler anregte, im Land erzeugte Artikel sollten nach Möglichkeit hier weiterverarbeitet werden: Beispielsweise könnte das Gewerbe eine Teigwarenfabrik aufbauen, was nicht nur der Verarbeitung der Rohstoffe diene, sondern zugleich neue Arbeitsplätze schaffen würde.

Referendum gegen das Warenhausverbot

Schwarze Schafe im Detailhandel be­kamen bei dieser Debatte auch Tadel zu hören. Landtagspräsident Frommelt bezeichnete es als «verwerflich», wenn ­Geschäftsleute bei der Migros in Buchs günstiger Waren holten und dann mit Gewinn in ihrem Laden weiterverkauften – womit er indirekt das Geschäftsmodell von Alois Biedermann mit seiner Migros-Filiale kritisierte. Obwohl der Landtag das Gesetz über das Warenhausverbot einstimmig beschlossen und sich gleichzeitig für eine einheitliche Preispolitik der einheimischen Geschäfte ausgesprochen hatte, regte sich sogleich Widerstand in der Bevölkerung. Zwar hatte Regierungschef Hoop im Landtag erklärt, den Liechtensteinern stehe trotz Verbot der Weg in die Migros in Buchs weiterhin offen, doch der Ruf nach einem ­Referendum in verschiedenen Kreisen wurde immer lauter. Allerdings gestal­tete sich die Unterschriftensammlung – rund 400 Unterschriften waren not­wendig – bedeutend schwieriger, als die Gegner des Warenhausverbots angenommen hatten. Weil die Gefahr bestand, dass bis Ende der Referendumsfrist die erforderliche Unterschriftenzahl nicht erreicht werden könnte, änderte die Gegnerschaft ihre Strategie. Man griff zu einem seltenen Mittel, nämlich der Gemeindeversammlung: Drei Gemeindeversammlungen können die Abhaltung einer Volksabstimmung verlangen. In Ruggell, Triesen und Triesenberg, wo man die Stimmung als mehrheitlich gegen das Warenhausverbot einschätzte, wurden am 18. Juli 1937 Gemeinde­versammlungen durchgeführt. Die Rechnung der Gegnerschaft ging auf, in allen drei Gemeinden votierte eine Mehrheit für eine Volksabstimmung.

Das Liechtensteiner Volk war für ein Verbot

Die Regierung musste aufgrund der Beschlüsse der Gemeindeversammlungen eine Volksabstimmung anberaumen, die von Landtag und Regierung gerne ­verhindert worden wäre. Die Werbe­kampagne von Regierung und Gewerbe brachte dennoch den erhofften Erfolg: Das Volk bestätigte an der Urne das vom Gewerbe erarbeitete und vom Landtag beschlossene Warenhausverbot mit einer deutlichen Mehrheit.

Vor der Abstimmung hatten der Gewerbeverband und der Bauernverband ein klares Ja zum Warenhausverbot propagiert. Wenn das einheimische Handelsgewerbe mit der Zulassung von Warenhäusern geschwächt werde, argumentierte das Gewerbe, so werde das ge­samte Gewerbe geschwächt – und die Schwächung des Gewerbes bedeute eine Schwächung der gesamten Volkswirtschaft. Auch der Bauernverein richtete einen eindringlichen Appell an die Stimmberechtigten, für das Verbot zu stimmen: «Staatspolitische Gründe verlangen, dass wir Liechtensteiner geschlossen dem schon auf schwachen Füssen stehenden Handel und Gewerbe die helfende Hand ganz besonders entgegenstrecken.» Das Ziel müsse es sein, forderte die Bauernorganisation weiter, im Land die Eröffnung von «Grosswarenhäusern und Einheitspreisgeschäften» zu verhindern, weil diese sich «vernichtend auf den Handel auswirken» würden. Auch die Regierung sparte in ihrer Botschaft an die Stimmberechtigten nicht mit dramatischen Appellen vor dem «Einbruch ausländischer, überall verpönter Wirtschaftsformen» und für den Schutz des einheimischen Gewerbes sowie für den «Existenzkampf gegen ausländisches Kapital».

Aufhebung erst Jahrzehnte später

Die Regierung gab sich ausserdem zuversichtlich, dass der einheimische Handel durchaus in der Lage sei, den Kunden einwandfreie Waren zu gleichen oder sogar tieferen Preisen als wie ausländische Grosskonzerne zu verkaufen. Siege das Grosskapital, dramatisierte die Regierung, sei das ein herber Schlag gegen die liechtensteinische Volkswirtschaft. Ein Nein gäbe der Volksgemeinschaft ein schlechtes Zeugnis – und müsste gerade «für die Verbraucher schlimmste Folgen» haben.

Die schlimmsten Folgen hatte das Warenhausverbot in den folgenden Jahrzehnten jedoch nicht für die Verbraucher, sondern für den Detailhandel. Die Konsumenten deckten sich zunehmend, gefördert durch die steigende Mobilität nach dem Zweiten Weltkrieg, in den Einkaufszentren in der schweizerischen Nachbarschaft ein. Aber erst Ende 1969 hoben Regierung und Landtag, im ­Rahmen der Neufassung des Gewerbegesetzes, das Warenhausverbot auf, weil es «nicht mehr zweckmässig» erschien. Die Aufhebung dieses Verbotes konnte aber die Attraktivität von Buchs und Umgebung als Einkaufszentrum nicht verhindern.

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