Letzter Entscheid am Lebensende

Das Thema um den letzten Lebensabschnitt im Alter beschäftigt zusehends ältere Menschen. Was ist zu tun? Was kann ich beeinflussen? Was kann ich erwarten – von Hausarzt, Angehörigen, Pflegeheim und Spital?

Heidy Beyeler
Merken
Drucken
Teilen
Auf dem Podium standen Fachleute Red und Antwort: Dragana Bambulovic (Pflegeperson), Martin Krähenbühl (Exit), Barbara Schneider (Spitex), Martin Hutter (Kesb), Ina Bujard (Spital Walenstadt), Christoph Ritter (Hausarzt) und Margrit Dahinden (Pflegeheim Sarganserland). (Bilder: Heidy Beyeler)

Auf dem Podium standen Fachleute Red und Antwort: Dragana Bambulovic (Pflegeperson), Martin Krähenbühl (Exit), Barbara Schneider (Spitex), Martin Hutter (Kesb), Ina Bujard (Spital Walenstadt), Christoph Ritter (Hausarzt) und Margrit Dahinden (Pflegeheim Sarganserland). (Bilder: Heidy Beyeler)

SARGANS. Das jährlich stattfindende Pizol-Care-Gesundheitsforum unter der Leitung von Urs Keller befasste sich heuer mit dem Thema «Selbstbestimmung im letzten Lebensabschnitt». Obwohl Patientenverfügungen landauf, landab ein Thema sind und den Leuten immer wieder angeraten wird, eine solche Verfügung auszufüllen beziehungsweise zu verfassen, fand sich eine grosse Anzahl von Interessierten in der Aula der Kantonsschule ein.

Nicht alles ist sinnvoll

Mit dem Satz «Es ist nicht immer alles sinnvoll, nur weil es machbar ist» stieg Urs Keller, Geschäftsführer Pizol Care, in den Abend ein. Dieser Satz stammt von Gian Domenico Borasio, Professor mit Lehrstuhl für Palliative Medizin an der Uni Lausanne sowie Leiter der Palliativstation am Universitätsspital Lausanne. Er verdeutlicht damit, dass die Zeit vor dem Tod sehr differenziert wahrgenommen wird.

Dass dies ebenso mit gebührendem Respekt wie mit der gewünschten Offenheit besprochen und diskutiert werden kann, schätzen viele Menschen sehr. «Menschen möchten bis ans Lebensende ein gutes und zufriedenes Leben leben können. Und die meisten Befragten der Über-80-Jährigen sagen auch, dass sie eigentlich zufrieden sind», präzisiert Urs Keller.

Aspekte, die neu sind

Mit zunehmendem Alter brauchen Menschen Betreuung; zuerst zu Hause durch Angehörige und/oder Spitex, bis schliesslich eine Unterbringung in einem Heim ansteht. Es wird aber festgestellt, dass die Lebenserwartung der Menschen steigt. Mit zunehmendem Alter nehmen Probleme – verbunden mit Demenz oder Herzklappenfehlern – massiv zu. Und hier fragt sich Urs Keller: Soll man operieren oder nicht? «Eine problematische Situation, wenn man weiss, dass der Patient – aufgrund der Statistik – noch neun Jahre zu leben hat. Das sind Jahre, während denen man einem Menschen noch ein gutes Leben ermöglichen kann.»

Keller stellt fest, dass Patientenverfügungen inzwischen von vielen Menschen vorliegen. Kommt die Spitex ins Spiel, wird empfohlen, eine Patientenverfügung auszufüllen. In den meisten Pflegeheimen ist die Erstellung einer Patientenverfügung sogar ein Muss.

Aufgabe für Grundversorger

Hausarzt Urs Keller weist darauf hin, dass Grundversorger nicht mehr diejenigen sind, die reparieren und flicken. «Wer ein Bein gebrochen hat, der geht zum Chirurgen. Der schraubt und flickt – und dann ist alles wieder gut beziehungsweise sollte wieder gut sein.» Die Zukunft wird so aussehen, dass der Hausarzt all jene Patienten betreut, die man nicht heilen kann. Das heisst, er wendet Palliativmedizin im weiteren Sinne an. Das beginnt beim Diabetiker und bei Menschen, die Herzinsuffizienz oder eine chronische Lungenkrankheit haben. Alle diese Patienten werden künftig von den Hausärzten betreut, wie Keller feststellt. «Es ist heute die Aufgabe der Grundversorgung, diesen Menschen, die durch ihr Alter beeinträchtigt sind, zu befähigen, mit den Widerwärtigkeiten, die das Alter mit sich bringt, trotzdem ein gutes Leben zu führen.»

Nach den eindrücklichen Ausführungen von Urs Keller beantworteten die Podiumsteilnehmenden Fragen zur Thematik. Dabei wurden Möglichkeiten der palliativen Medizin – sprich schmerzlindernde Massnahmen, abstellen von lebenserhaltenden Geräten und die Möglichkeit des Freitodes mit Hilfe der Exit besprochen. Es wurde aber auch präzisiert, dass ein Mensch, der seine Leiden nicht mehr erträgt, nur dann unter Begleitung von Exit seiner Not ein Ende setzen kann, wenn er noch bei vollem Bewusstsein ist und den «Cocktail» eigenständig zu sich nehmen kann.